Firmament / Perseidennächte

Eine Anzahl von Bloglesern wird egal, von Likes, die schon lange nicht mehr ausdrücken, was einem gefällt und was nicht. Auch die Masse ...


Eine Anzahl von Bloglesern wird egal, von Likes, die schon lange nicht mehr ausdrücken, was einem gefällt und was nicht. Auch die Masse von Besitz und vermeintlichen Freunden, die man in Listen quetscht, sind nichts, was zählt. Eine Hülle von Maskeraden und Abhängigkeit, die man sich selber schafft, ein Nest darin baut und erst viel später merkt, wie dumm all das ist. All die Köpfe, die sich verdrehen, all die Münder, die flüstern und die Daumen, die nach oben oder unten gehen werden zu Schatten, welche in keiner Geschichte, die ich später einmal meinen Kindern erzählen möchte, eine Rolle spielen sollten und werden.

Vermehrt passierte es, dass meine Realität zu einem Hauch von Pathetik und Poetik wurde. Schöne und schlimme Momente differenzieren sich und verschwimmen zugleich.
 In dem einen Moment verbringe ich den Abend mit Poker spielenden Jungs, die versaute Witze machen und kurz darauf sitze ich in einem Auto und lausche einer Uhrenmetapher von Leibnitz. Auf der Höhe der Landstraße, die zu mir nach Hause führt, wo ein Plakat angebracht ist, welches den Verkauf frischer Erdbeeren verkündet, erklärt auch der Fahrer und ich Unsicherheiten im Bezug darauf, was wir oder man im Leben will und ob man dies gar sagen kann oder zeitweilig immer nur Einbildung ist.
 In einer Nachmittagsstunde sitze ich mit fröhlichen Frauen im Garten, esse Kuchen und wir verwirren uns in Geschichten über Nachbarschaften, Gruselgeschichten über absurde Morde und asiatische Bräuche. Alltagszeug, ein kaputtes Autoradio, Trinkspiele, Fragen nach dem Zukunftsplan.
 An einem anderen Nachmittag stehe ich in einem schwarzem Kleid einfach nur da und erlebe einen der bisher traurigsten Momente meines Lebens. Jemanden zu beobachten, der an einem Grab zusammenbricht und zu sehen, wie der Mensch scheinbar das verloren hat, was ihm das Wichtigste auf der ganzen Welt war, das ist verletzend, selbst wenn man nicht diese Person ist.

Ich will nicht verstehen wie schnell sich die Dinge verändern, die Situationen, die Personen, die Konstellationen und mitsamt ihnen die Atmosphäre, die sie umgibt und der Inhalt, der in ihnen liegt. Man kann dies alles als kitschig empfinden, als hochgestochen und illusioniert, aber wer sein Leben mit Distanz ein kleines bisschen beobachtet, der merkt vielleicht manches Mal wie sehr es sich in Kreisen dreht, an dessen Rand wir kratzen.

Unverständnis an Orten zu finden, wo ich es am meisten erhofft hatte, das ist nicht das Schönste. Ich drehe mich, horche und tippe zu Personen, die den Anschein erwecken, mir zuzuhören.
 Es gibt Situationen, welche schwer zu erklären sind. Es wird belächelt, gewitzelt, es wird ungeachtet gelassen und oberflächlich abgehakt. Man bildet sich eine Meinung, das ist ein ganz automatischer Prozess, wenn man etwas wahrnimmt. Sich sicher zu sein, alles genau zu überblicken und zu verstehen und zu urteilen, ist jedoch nicht jedermanns Recht.
 Meine Oma sprach vor einer Weile von drei Personen, die in einem Flugzeug sind, während einer von ihnen am Fenster sitzt, sich einer die Ohren zuhält und der dritte am Gang platziert ist. Nach der Landung erzählt der Erste "Wir waren so hoch in der Luft und ich konnte viele viele Wolken sehen!", doch der Zweite widerspricht und erzählt davon, wie still es im Flugzeug war, der Dritte spricht davon, dass beides völliger Schwachsinn sei, er konnte weder Wolken sehen, noch war es sonderlich ruhig. Und dennoch liegt keiner der drei Personen falsch. Das war keine Geschichte, die sie sich in bewusster Klarheit ausgedacht hatte, sondern das, was ihr spontan einfiel und erzählte, als ich zu einem Glas Cola vorbeikam. Kluge Oma.


Ich fühle mich nicht wohl. Ich drehe mich um und suche nach Punkten, die mich beeindruckt, mich zum Lachen gebracht oder gar erschüttert haben. Meine Augen ziehen umher und suchen Anzeichen dessen, in dem ich mich nun befinde. Ich weiß nicht, wie ich sowas löse, also mache ich alles auf die Weise, wie ich es nun einmal mache. Ich werde still, werfe alte Gegenstände weg, die sich von ihrem Sinn in meinem Besitz zu sein, losgelöst haben und die für mich Erinnerungen tragen, die ich nicht mehr brauche. Die Kisten türmen sich und das finde ich schlecht, obwohl es kaum Beschäftigungen gibt, denen ich mich in solch einem Aufwand hingebe wie dem Schwelgen und Reflektieren bereits geschehener, gesehener, gefühlter Dinge.
 Ich bekomme wieder Post. Briefe, welche die Stempel von Universitäten tragen, mit denen ich nicht umgehen kann. Sie sind zugelassen, Sie sind nicht zugelassen, wir beglückwünschen Sie, wir müssen Ihnen leider mitteilen... Entscheidungen treffen ist einer der Faktoren, bei dem mir bewusst wird, wie unreif ich meist noch bin. Weil ich davor zurückscheue, mir nicht sicher bin, nicht weiß, was ich will, was ich sollte, was ich kann. Mehr freute mich ein Brief, den ich aus Amerika bekam und einen, den ich eher beiläufig nachträglich zum Geburtstag geschenkt bekam.
 Es ist unreal, es ist unangenehm, wenn man mir ehrlich ein Kompliment macht, das über "Coole Schuhe" oder "hübsches Bild" hinausgeht. Umso schöner jedoch, wenn ich mir alleine vor Augen führe, dass das, was ich sage, schreibe oder tue in irgendeiner Weise bei jemanden ankommt. Das Leben ist doch gleich weniger sinnlos, wenn ein Taschenlampenstrahl auch tatsächlich einen Lichtkegel wirft, unabhängig davon, was man in der Dunkelheit entdeckt. Bei all dem, was man nicht über sich selbst weiß und ebenso wenig über andere Menschen, die einen umgeben, so gibt es einem ein kleines Fundament, wenn man Worte bekommt, die genau dies, eine Beziehung und eine Wertschätzung beschreiben, zu der wir im wörtlichen Alltagsgespräch nicht in der Lage wären. Ein "Ich bin stolz auf Dich" kann vieles wieder gut machen, was kein materielles Geschenk jemals gutheißen könnte. An meinem Geburtstag bekomme ich eine lange Nachricht und den Auftrag, in den Schrank im Nebenzimmer zu sehen. Ein großes Landschaftsbild liegt darin, welches nun einen Platz in meinem Zimmer bekommen hat. Eine Umarmung und ein Satz, der ausdrückt wie lange man sich nun nicht sehen wird, ein Brief, ein Telefonat oder ein knappes Geständnis, welches in peinliche Berührung umhüllt ist, können wie ein Geländer sein, an dem man sich festhält oder zumindest weiß, dass man es kann, sollte man ins Schwanken geraten. Es kann einem ein wenig Sicherheit und eine Orientierung geben. Mehr braucht man im Leben nicht. Mehr kann man sich selbst schaffen.

Ich mache doofe Witze und fange mit dem Wahlkampf an, der mir eine euphorische Stimmung bereitet. Ich hänge Plakate auf, investiere meine Zeit, weil ich es für mich als richtig empfinde und es mir Spaß macht. Ich habe noch immer viel freie Zeit, die ich mehr oder weniger nutze. Obwohl ich nicht auf weite Reisen gehe, reißt sich mein Kopf darum, vieles zu erledigen, was es nicht wert ist in einen Terminkalender geschrieben zu werden. Ich nehme mir vieles vor, ich ändere, ich suche, ich finde nicht. Ich versuche neue Wege einzuschlagen indem ich meinen Lebensstil minimal, aber dennoch für mich sehr bemerkbar ändere. Ich möchte Sichtweisen öffnen, die ich für mich verschlossen und abgedunkelt hatte. Ich wache früh morgens auf, bemerke die Zeit, starre auf den Kalender vor meinem Bett bis ich wieder einschlafe. Ich trinke viel Kaffee, der mich nicht fördert und in letzter Zeit nicht einmal schmeckt und beginne mit Tolstoi. Meine Laufschuhe wurden herausgekramt, meine Unterhaltungen werden länger oder verstummen.

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