Ein Frustrationsschlürfer auf der Suche nach Talent

Ich wünschte, ich könnte besser schreiben. Ich wünschte, ich könnte fotografieren, gut filmen oder gut malen oder schlichtweg: Besser a...



Ich wünschte, ich könnte besser schreiben. Ich wünschte, ich könnte fotografieren, gut filmen oder gut malen oder schlichtweg: Besser ausdrücken und auf andere Art darstellen und nach außen präsentieren, was mir so durch den Kopf geht.

 Ich halte meine Gedanken, Einfälle oder Empfindungen jetzt nicht für überaus weltbewegend, sodass ich der Meinung bin, ich würde der Menschheit etwas vorenthalten, wenn ich all das für mich behalte. Dennoch ist es doch wohl in vielen Menschen wie ein inneres Bedürfnis, etwas auszusprechen, anzudeuten oder versuchen zu vertiefen, was in einem vor sich hin stolpert, indem man es thematisiert. 
Allein der Akt des bewussten Malens oder Schreibens oder einer anderen musischen Fertigkeit, natürlich auch der Musik, dient bestenfalls doch oft nicht nur einer Ästhethikabbildung, sondern will etwas damit aussagen oder zumindest den Versuch wagen. Dadurch, dass man dies austestet und sich heranwagt, reflektiert man das automatisch. Zwar fragt man nicht unbedingt "Uh, was genau möchte ich jetzt mit diesen grauen Wolken auf der Leinwand/dem sich wiederholendem literarischen Motiv/dem Close Up an den weinenden Menschen ausdrücken?", sondern man tut es irgendwie, weil man aus seinem impulsiven Innenleben heraus schöpft, und man das Gefühl hat, es unterstütze den Kern, den man sich in diesem Moment gedacht hat, oder eben nicht. Dadurch kommt man immer mehr heran an den Kern und an das, was man wohl anscheinend unbewusst denkt, fühlt, was einen beschäftigt oder ängstigt.

 Ich glaube, dass man das bei privaten Blogs - nicht unbedingt bei Modeblogs, vielleicht aber schon eher bei Politblogs - herausarbeiten kann. Obwohl sich wohl die wenigsten überlegen "Ich schreibe nun einen Blog über meine tiefsten Wünsche im Hinblick auf XY", sondern zwischen den Zeilen kommt es nun einmal heraus und verbreitet eine Grundstimmung auf dem Blog. Bei mir vermutlich auch. Wie oft ich wohl schon über tendenzielle ähnliche Themen einer Nische geschrieben habe, die sich alle ähneln und doch unterscheiden und nicht so ernst geschrieben sind, jedoch tatsächlich allgegenwärtig in meinem Kopf tanzen.
 Jedenfalls wünschte ich irgendwie, ich würde tatsächlich eine Möglichkeit finden - mehr Talent für mindestens etwas haben - das, was sich im Sumpf meines Köpfchens abspielt, in die wirkliche Welt zu übersetzen und
1. mir dadurch selber klar zu machen, was all dies destilliert ausmacht
 und 2. es anderen Menschen zugänglich zu machen.
 Dazu zählen irgendwelchen komischen Ideen, die ich müde an der Bushaltestelle habe, irgendwelche Wortspiele, Überlegungen, Fragen und Antworten, Würdigungen und Gefühlslagen.

 Von all diesen musischen Tätigkeiten war ich dem Schreiben immer am nächsten und ich schätze es, wenn man mir Lob oder Kritik für etwas liefert, was ich mal schrieb. Ich denke bei fast jedem Text im Nachhinein jedoch, dass es einfach nicht das trifft, was ich rüberbringen will oder das Gefühl habe, es zu wollen. Und das Problem:Ich weiß auch nicht, wie ich das ändern könnte.

 Es gibt ja nun zwei maßgebliche Modelle des Künstlerbildes. Zum einen das antike Bild des erlernten Künstlers. Kunst wird hierbei als ein Handwerk gesehen, das nach ganz eindeutigen Regeln und Theorien, nach erlernbarer Technik abläuft. "Der Maler versteht etwas von seinem Handwerk", sagt ein alter Mann andächtig nickend vor einem Bild im Museum und meint damit genau das.
 Irgendwann änderte sich das Künstlerbild. Man ging immer mehr davon aus, etwas sei einem "in die Wiege gelegt worden", es erfordert ein gewisses Originalgenie, um Künstler zu sein. Alles erlernen von bestimmter technischer Fragen zum Filme, Fotografieren, Schreiben und co. bringe ab einem bestimmten Punkt einfach nichts mehr, weil man das gewisse Etwas, das Talent, wohl nicht besitzt.
 Heutzutage ist das Bild vermutlich irgendwo zwischen diesen beiden Modellen. Zwar geht man eher selten von einer gottgegebenen mystischen Fähigkeit aus, aber ein rein technisch gutes Kunstwerk, bei dem sich der Betrachter denkt, dass er das mit ein wenig Übung auch könnte, würde dieser nicht als Kunst einstufen, sondern ihm fehlt dort etwas, was ihm zur Empfindung zwingt, was wohl schwer erlernbar ist.

 Was ist denn nun, wenn ich gerade an solch einem Punkt angelangt bin.
Das ist natürlich gerade etwas apokalyptisch ausgedrückt und ich neige bekanntlich zu dramatischen Übertreibungen. Aber was mache ich denn, wenn ich einfach nicht besser in solch etwas werden kann? Wenn das Mindestpotential, was jeder in sich hat, in diesem Metier bei mir ausgeschöpft ist? Wie ein leerer Brunnen. Ende im Gelände. Zwar könnte ich auf diesem Niveau weiter machen, aber zur Entwicklung fehlt es mir? Um immer das gleiche kreisen, ohne es zu optimieren oder das Gefühl zu haben, einen weiteren erfolgreichen Schritt gegangen zu sein. Mensch. 

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1 x

  1. "Du musst ein Bild für das Gefühl erfinden,
    das du verschenken willst an viele Fremde,
    denn fest muss man umfassen, was man reicht;
    in Kinderworten oder Sommerlinden
    muss etwas sein, was sich mit ihm vergleicht.

    Du darfst nicht sagen, was du heimlich hast,
    nicht auf den Lippen darf dein Leben münden,
    du musst nur Blüten tragen wie ein Ast,
    dann werden alle Winde dich verkünden..."


    Das ist von Rilke.
    Lieber Gruß. Nicolas H.

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