Schwächen, Defizite, falsche Hinnahme

"Würdest Du sagen, dass Du unglücklich bist? Dann würde ich mir nämliche Vorwürfe machen", fragt man mich. Ich bin nicht zu...



"Würdest Du sagen, dass Du unglücklich bist? Dann würde ich mir nämliche Vorwürfe machen", fragt man mich. Ich bin nicht zufrieden. Prinzipiell. Aber das ist keinesfalls etwas, was mein Gegenüber dauerhaft ändern könnte oder gar Schuld daran trägt. Fast schon unabhängig aller Lebensumstände ist es wohl eher. - die Funktionsweise meines Gehirns, glaube ich, meines chemischen Haushalts, meines Charakters, meines Streben nach einem Mehr und Besser, was ich niemals erreiche.



Etwas was mich am Menschen begeistert ist seine Denkfähigkeit. Allein durch eine intelligible Weltanschauung und der Bestimmung des Willens kann ein Mensch sich über so vieles hinwegsetzen, ja, seine eigene Natur, seine eigenen Schwächen. Wir können über stumpfe Begierde hinausgehen, wir können uns körperlich sogar stärker machen, als wir eigentlich sind, wenn wir mit Willenskraft und Selbstdisziplin, oder Vernunft und Mäßigung an dem arbeiten, was wir selbst sind und tun.
 Alles, was wir in irgendeiner Weise wahrnehmen wird durch das gefiltert, was sozusagen unsere Denkstruktur ist. Wie ein Filter, durch den vorerst alles geht, was wir sehen, hören, wahrnehmen, aber auch alles, was wir denken. Immer sehen wir das aus unserer subjektiven Sicht und Einstellung, ganz automatisch und unbewusst. In diesem Sinne entscheidet man selbst, wie das eigene Leben abläuft. Wenn man nämlich herunterbricht, wie vielen Faktoren man ausgesetzt ist, die man nicht ändern kann, so bleibt immerzu die Tatsache, dass all dies durch unser Denken geht, bevor wir es aktiv denken, erst dann real und bewertet wird. Daraus können wir dann unsere Möglichkeiten schöpfen: Annehmen, nicht annehmen, verändern und alles, dazwischen. Wäre es nicht dumm, dies ungeachtet zu lassen?

 Jeder hat Schwächen, hat Fehler, hat Probleme, die ihm immer wieder begegnen. Vielleicht sind es einfach bestimmte Voraussetzungen oder Neigungen, Dinge, die man immer wieder falsch macht und die zum Problem werden.
 Was dabei fehlt ist vielleicht die Auseinandersetzung. Viel zu oft, so glaube ich, glaubt man ein Problem analysiert und abgehakt zu haben, ohne dies wirklich jemals gedanklich richtig durchgegangen zu sein. Weder das Eine, ein Ignorieren und Verleugnen, noch das Andere, ein stummes Hinnehmen und Weitermachen sind Lösungen. 
 Zu Schulzeiten war ich miserabel in Mathe. So geht es vielen, das weiß ich. Ab der Mittelstufe bis hin zur letzten Matheklausur meiner Schullaufbahn war es ein großes Auf und Ab oder eher ein Hinab und noch mehr Hinab. Ich war einfach echt nicht gut, aber nahm es mit Humor und kokettierte nicht selten damit. Etwas zu belächeln und versuchen in irgendeiner Weise positiv zu sehen ist an sich auch gut, aber ich glaube, dass es das gar nicht war. Ich denke, dass ich mich einfach damit abgefunden habe, in diese Kategorie zu gehören: "Ich bin schlecht in Mathe, kann aber andere Sachen gut, bin gut in Geisteswissenschaften, in Sprachen und Künstlerischem und ich möchte ja eh nichts mit Mathe machen." Dummer Fehler. Denn ich gab mir keine Mühe und war dann logisch folgend schlecht benotet. Wenn jemand sagte, dass überall Mathematik sei, dachte ich mir, ok, ja, Prozentrechnung, Winkel und Äpfel zählen kann ich, so blöd bin ich nicht, ich werde schon zurecht kommen. Damit habe ich mir aber nicht nur einen kleinen Teil meines Zeugnisses verbogen und meine Schwächen in zurechtgelegten Floskeln relativiert, sondern mir auch mehr Arbeit gemacht.
 Erst jetzt in meinem Studium bemerke ich, dass Philosophie als solches komplett auf Mathematik beruht. Dass alles, was mich interessiert undenkbar ohne Mathe existieren könnte. Ich musste mir wieder Denkstrukturen aneignen, die ich nicht gewohnt war und ich schäme mich dafür, dass ich dachte, man könnte dem entgehen und es sei unwichtig, obwohl darin so viel fantastische Logik, Wissenschaftlichkeit und - ja, das meine ich ernst - Schönheit liegt oder liegen kann.

 Zwar liegen im Männlichen sowie im Weiblichen naturbedingt Unterschiede, die über Körpermerkmale hinausgehen, aber wie viel ist das tatsächlich? Man dachte nunmal wirklich - auch die Frauen selbst - dass sie weniger wert, dass sie bloß für Familie, Haushalt und gewisse ausgewählte Aufgaben befähigt seien und sie zurecht kein Wahlrecht hatten, weil sie davon keine Ahnung haben und dem Mann untergeordnet waren.
Was ja mittlerweile jeder versteht ist, dass dies natürlich nicht der Fall war. Das ist Erziehung, das ist gesellschaftliche Konvention, das ist Soziologie und Psychologie. Frauen kämpfen sich nun an Führungspositionen und Gleichberechtigung, weil jeder glaubt, erkannt zu haben, was jahrelang der Fehler war. Trotzdem sieht man in meiner Generation und mir selbst weiterhin, viel unscheinbarer, oft etwas Ähnliches: Wie viele Mädchen beschreiben sich ganz grob gesagt, als die Kreative? Und wie viele würden sagen, sie seien eher die Logische, die Starke, die Naturwissenschaftliche? Weit aus weniger, denke ich. Zwar protestieren junge Mädchen, wenn man behauptet, Frauen könnten dies nicht oder das nicht, aber sich selbst mit etwas charakterisieren, womit man herkömmlich nicht konfrontiert und nicht in die feminine Schiene von Sprachen, Kunst, Pädagogik und co. gehört, ist noch nicht verinnerlicht. Dann akzeptiert man plötzlich wieder die heruntergestufte Frauenrolle, heult, weil man denkt, man kann nicht Autofahren, weil man weiblich ist, ist schlecht in Physik, weil das eh uncool ist und nur Jungs und Streber gut können. Doppelmoralisch und feige sind wir. Bin ich.

Vor einer Weile tauschte ich mich mit einer Bekannten aus, die dieses Jahr ihr Abitur gemacht hat. Wir sprachen über die Zeit nach dem Abi, über Zukunftspläne und jeweilige Interessen. Wenn man über die Gegenwart und die Zukunft spricht, kann die Vergangenheit nicht ausbleiben. Faulkner sagt, die Vergangenheit sei nicht tot, sie sei nicht einmal vergangen. Gar nicht so dumm. Denn alles, was wir gerade tun, gründet auf dem, was wir vorher getan haben und die Vergangenheit lebt in dem weiter, was wir gerade in diesem Moment denken, in dem darauf und in dem allerletzten Gedanken, den wir jemals haben werden.
 Dieses Mädchen erzählte im Verlauf des Gespräches davon, wie sie als kleines Kind aus einem anderen Land, gar einem anderen Kontinent, nach Deutschland kam. Nicht die Sprache können, die Neue, die Andere sein. Grausames Verhalten von Kindern, die nicht verstehen oder verstehen wollen. Eine Weile, die es braucht, bis man sich eingewöhnt hat.  Das aber Schlimmste, worüber ich lange nachdenken musste, war jedoch der Punkt, in dem sie ihre Lehrer erwähnte.
 Hatten sie keine Zeit? Waren sie zu oberflächlich? Jedenfalls gab es keine gute Empfehlung für die weiterführende Schule. Sahen sie keinen Sinn darin, tiefer zu betrachten? Stuften sie sie tatsächlich so ein? Ich habe darüber nachgedacht, was das wohl für ein schreckliches Gefühl sein muss. Es ist nicht einmal "nur" ein Nicht-gefördert-werden, es ist ein Aufgeben in einen noch so jungen Menschen, ein oberflächliches Hinwegsehen über jegliches Potenzial, ein Abstempeln. Gerade als Kind neigt man doch noch, dem Urteil anderer schlichtweg zu glauben.
 Wie bereits vorweggenommen hat sie es mittlerweile sehr viel weiter gebracht, als diese Lehrer vermutlich gedacht hätten und macht nun Dinge, die ich fantastisch finde, fotografiert mit Hingabe und sieht, was vielen wohl verborgen bleiben wird.  Hätte sie sich damit abgefunden, diejenige zu sein, die es nicht wert war, die nicht viel konnte, dann wäre sie jetzt genau das. Jedoch nur, weil sie sich der Rolle angenommen und stagniert hätte.

"Würdest Du sagen, dass Du unglücklich bist?"

 Es gibt Momente, da bin stolz auf mich und viele Gelegenheiten und Augenblicke, wo ich mich zutiefst über mein Leben freue. Ich teile es mit den interessantesten Menschen, die ich mir vorstellen kann, mit einem Studium, das mich ausfüllt und einer Umgebung, die mich hin und wieder leicht abfängt oder sachte nach vorne schubst, aber, und das kann ich wohl so sagen: Ich bin unzufrieden mit mir und meiner Leistung. Ich bin oft traurig wegen Dingen, die in meinem Umfeld passieren und habe oft gedankliche Krisen, die viele nie nachvollziehen konnten. Ich stelle jeden Schritt in Frage und verliere mich in Zweifeln. Das ist Fakt, das ist schon Alltag.
 Ich frage mich schon lange, ob das etwas ist, was einfach zu mir gehört, etwas, was mich als Menschen und meine Auffassungs- und Verarbeitungsgabe betrifft, was ich niemals ablegen kann oder ist das etwas, was ich mir wie ein Hypochonder zuschreibe? Gewissermaßen ist das bestimmt Teil meiner Person. Ich stelle Sachen infrage, ich habe oft Angst und habe genauso oft das Gefühl, ich wäre das witzigste Kerlchen der Welt wie das schreckliche Unbehagen, ich sei der schlimmste und dümmste Mensch, ich habe nur schlechte Entscheidungen getroffen, sei feige und könne gar nichts. Aber wie viel davon ist etwas, was ich ändern kann?

 Statt mich darauf auszuruhen, mich unter der Bettdecke zu verkriechen und resigniert festzustellen, dass das wohl einfach so ist, dass ich wohl halt so bin, dass man das nicht ändern kann, sollte man doch vielmehr genau das in Frage stellen. Akzeptanz ist, wie jeder weiß, der erste gute Schritt beim Bewältigen eines Problemes. Was man dabei jedoch nicht vergessen sollte: Es ist bloß der erste Schritt. Man hat in vielerlei Hinsicht irgendwo irgendwelche Schwächen oder schlechtere Voraussetzungen und das sollte man anerkennen. Wozu man dann neigt ist der Gedanke, man habe sich ja jetzt damit auseinandergesetzt und das Problem akzeptiert, statt daran zu sein, zu versuchen es zu verbessern, wenn man es schon nicht komplett lösen kann. Das Gewaltige daran ist nämlich, dass man quasi sein Schicksal, was man sich problematisch eingeredet hat, einfach hinnimmt und bis an sein Lebensende mit sich trägt.

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