Minimalismus 1.0 - Das einfache Leben und wieso Shoppen kein Hobby ist

Ich war schon immer so. Ich liebe es, bewusste "Neuanfänge" zu starten, ich liebe es, all mein Hab und Gut auf einen Haufen z...



Ich war schon immer so. Ich liebe es, bewusste "Neuanfänge" zu starten, ich liebe es, all mein Hab und Gut auf einen Haufen zu sammeln und dann zu sortieren, ich liebe es, wie es sich anfühlt, wenn ich alles gut aufgeräumt habe, liebe Bewusstsein, liebe Verzicht, wenn es mir ein Gefühl von Reinheit, Klarheit gibt. Ich war schon immer so. So ist es auch keine Überraschung, dass ich mich mit Minimalismus beschäftige.






Den Minimalismus kennt man als Prädikat. Aus Bereichen in Design und Kunst, wo man weiße Flächen und wenige Farben, kaum Details, eher klare geometrische Formen im Kopf hat, wenn man an "minimalistisch" denkt. Wovon ich nun ausgehe ist jedoch der Minimalismus als Lebensstil. Seit Jahren sieht man den Trend aufkommen, ist er jedoch noch viel viel älter, als man denken mag. Und auch ich wage mich – zuvor sehr unbewusst, ohne von dem Trend als solchem zu wissen – immer mehr heran.
Minimalismus ist auslegbar und kann sich auch je nach Person auf unterschiedliche Art und Weise äußern. Generell kann man jedoch von einer Reduktion auf das Wesentliche ausgehen, sich somit also von allem zu lösen, was man sogar selbst als überflüssig ansieht, es dennoch besitzt oder zuvor nicht losgelassen hat.
Meiner Meinung nach funktioniert das aber nicht so einfach. Weniger Besitz, ergo mehr Freiheit? Nicht für jeden, nicht immer. Tatsächlich ist es eine unglaubliche Typfrage, in dessen Schema ich jedoch absolut hinein passe, denke ich. Meine Bücher in meinen Regalen sind ganz bewusst sortiert und auch meine Ordner mit wichtigen Unterlagen befinden sich in durchdachter Ordnung. Man mag das spießig, teils pedantisch finden, für mich ist das aber eine schöne Übersichtlichkeit, eine Klarheit, eine Art von Sicherheit, zu wissen, was ich habe, wo es ist, ohne suchen zu müssen und was auf mich zu kommt.


"Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich"


ist fast schon ein Leitspruch, den viele folgen können. 2007 begann mit dem Blog von Kelly Sutton "the cult of less". Die Gegenbewgung zum Überfluss, als Erleichertung für das Gehirn, als Sinnsuche, als Gesellschaftskritik oder eher als Nebeneffekt aus einer ganz anderen Intention: Die Bewegung des minimalistischen Lebensstils.
Die Anfänge liegen aber sehr viel weiter in der Vergangenheit. Wer mich kennt, wird sich nicht wundern, dass ich die philosophische Antike mitsamt ihren Stoikern und auch Platon als Beispiele anführe. Auch der Verzicht der Mönche verschiedenster Religionen bewegt sich in einem Rahmen, den man als Minimalismus auslegen kann, wenn auch aus sehr eindeutig religiösen und spirituellen Gründen.
Auf der Suche nach dem einfachen Leben, dem guten Leben. Das "Wesentliche" will ich, mehr doch eigentlich nicht, oder? Was das Wesentliche nun für jeden einzelnen ist, ist wiederum eine andere Frage.

Es gibt keine festen Regeln, wer sich ab wann als Minimalist bezeichnen kann. Es gibt zwar Menschen, die sich daran halten, nur eine bestimmte Anzahl von Gegenständen z besitzen oder so wenig wie es nur irgendwie geht sein eigen nennt, das ist jedoch nicht der Punkt. Es muss sich nicht einmal auf materiellen Besitz allein beziehen. Weniger Gegenstände und Eigentum ist bloß Folge, nicht das ursprüngliche Ziel.
Der Ansatz liegt in dem Reflektieren: Was will ich in meinem Leben? Brauche ich das, und wenn nicht, wieso sollte ich es dann haben? Es ist eine Bewegung zur Klarheit mit seinen Gedanken und seinem Leben, was sich zumeist allerdings nun einmal darin äußert, weniger haben zu wollen und eine Tendenz zu mehr Achtsamkeit.


Shoppen ist kein Hobby & das Plädoyer für mehr Bewusstsein


Mit der Bewegung geht die Konsumkritik fast immer einher. Wie kaufe ich? Was brauche ich? Wieso? Inwiefern bringt mich das weiter? Dass unsere westliche Kultur viel eher in einer solchen Konsumwelt agiert, ist bekannt. Für mich persönlich ist das legitim, wenn auch nicht immer nachvollziehbar oder in mancherlei Hinsicht zumindest fraglich. Ich schlendere in meiner Freistunde durch die Stadt, sehe mir schöne Stoffe, schöne Schnitte, schöne Verpackungen an und habe ein Glücksgefühl, wenn ich sie kaufe. Konsum reduziert Angst, Stress, schlechte Gefühle. Das ist psychologischer Fakt.
Doch schon zu Schulzeiten habe ich aber immer ein wenig schmunzeln müssen, wenn eine Mitschülerin sagte, dass Shoppen ihr Hobby sei. Mehr darüber nachgedacht, habe ich jedoch nicht. Mir ist also vorerst gar nicht aufgefallen wie absurd das ist.
Wenn der Kleiderschrank voll ist, hat man etwas zum Anziehen. Außer, man hat nur Kleidung, die man eigentlich vielleicht doch nicht so mag, die schlecht kombinierbar oder Fehlkäufe sind. Aber wir kaufen. Wir suchen fast danach, was geeignet ist, streifen durch die Innenstadt. Was kann ich kaufen, was ich brauchen "könnte"? Nicht andersherum. Wie absurd. All das Geld, was ich in diese Aktivität stecke, fehlt mir an Stellen, die ich eigentlich sinnvoller fände oder die mir langfristiger etwas bringen wie zum Beispiel Reisen oder andere Wünsche, die ich schon lange habe.
Ich kaufe gerne. Das kann ich oft auf jeden Fall unterschreiben. Ich stehe in einem Laden und denke ja tatsächlich, dass ich das brauche, was ich gerade zur Kasse bringe. Das mag in einigen Momenten auch so sein, in den meisten vermutlich aber nicht. Mode ist nicht nur auf eine Nützlichkeit und Notwendigkeit bedacht und das ist auch gut so. Mode macht mir Spaß und man kann sie nutzen, um sich auszudrücken. Aber dennoch fällt dies primär nicht unter die Kategorie des  Brauchens, unter dessen Deckmantel wir sie so oft verstecken. 

Die lautstarke Konsum- und Gesellschaftskritik ist für mich persönlich dennoch absolut kein wichtiger Beweggrund. Mir geht es nicht darum, den Kapitalismus zu stürzen, sondern recht egozentrisch darum, zu fragen, was ich eigentlich will und ob mein Kauf und und Konsum dabei eine so große Rolle spielt, wie ich immer meine. Ich will diesbezüglich nicht die Welt ändern, sondern meinen Kopf.
Wenn ich die Bluse kaufe, die Kate Moss, die ich heimlich liebe, auf dem Plakat trägt, dann bin ich nicht Kate Moss, da habe ich nicht den Lebensstil von Kate Moss, dann wird mein Leben nicht aufregender, cooler, besser, sondern ich habe schlichtweg "eine Bluse gekauft". Wenn ich etliche Bücher kaufe oder ein dickes verstaubten Lexikon bei mir liegt, werde ich dadurch nicht klüger, wenn es bei mir rum steht und ich mich nicht damit beschäftige, ich habe "bloß Dinge, die hier rum stehen". Nicht durch teure Küchengeräte werde ich zum Gourmet Koch, sondern durch das Kochen als solches. Ich kaufe nicht den Lifestyle und habe ihn dann plötzlich, ich kaufe nicht ein Gefühl und die Sicherheit, dass mein Leben jetzt ganz anders und toll wird, wenn ich nicht daran arbeite, sondern bloß kaufe. Du bist nicht das, was du besitzt. Du bist, wie du handelst und wie du denkst.
 Und plötzlich wird mir bewusst, wie oft ich immer wieder an dem Punkt war, an dem ein Gegenstand, der mich ursprünglich glücklicher machen sollte oder kurzfristig vielleicht gemacht hat, umschlägt und das Gegenteil bewirkt, eine Art Belastung wird.

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  1. Ein verdammt toller Text. Vor allem ich als Hobby Mode Bloggerin habe mich in letzter Zeit gefragt, ob ich die ganzen Klamotten brauche, nur um neuen Content zu erstellen?! Ich versuche immer mehr, mich minimalistischer zu kleiden und meine Garderobe auf ein Minimum zu reduzieren. Dadurch trage ich zwar immer die gleichen Sachen, aber das ist mir im Moment egal und ich fühle mich wohl (vielleicht auch zum Ärger meiner Blog Leser?!). Vor allem stimme ich dir im letzten Absatz voll und ganz zu! Liebe Grüße :)
    P.S.: Schon der dritte Artikel, den ich auf Arbeit hier verschlinge haha !

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