MINUSGEFÜHLE - Das Gefühl der Gefühlslosigkeit

Schon seit langer Zeit war mir klar, dass ich dieses Buch lesen möchte. Seit Monaten lag Minusgefühle in meinem Pinterest Ordner meiner ...


Schon seit langer Zeit war mir klar, dass ich dieses Buch lesen möchte. Seit Monaten lag Minusgefühle in meinem Pinterest Ordner meiner Book Wishes und doch war es irgendwie spontan, dass ich es kaufte, als ich sogar an Charlotte Roches neuem Buch vorbeisah. Und doch war es irgendwie unerwartet, dass ich es in einem Tag durchlas. Die ehrliche Geschichte der Geschichtenerzählerin. Die Monate und Jahre der witzigen, intelligenten Jana Seelig, die mehr ist als bloß depressiv. Doch das nun einmal auch.


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In ihrer Studienzeit ist Jana Seeelig zu nichts mehr fähig. Sie schließt sich in ihr Zimmer ein. Und sich selbst. Kann kaum aufstehen, nicht mal Bücher, die sie für die Uni braucht, in den Warenkorb bei Amazon legen, man nur das Nötigste, wenn überhaupt. "Was ist eigentlich falsch mit mir?", fragt sie sich. Bei Ärzten wird bei ihr Stress diagnostiziert, den sie doch vermeiden sollte. Jana versteht das nicht. Wie soll ein Mensch Stress haben, wenn er nicht einmal irgendwas tut, außer zuhause rumzuliegen. Bei Google hingegen soll es den Symptomen zufolge ein Gehirntumor sein.

"Es ist ein warmer Frühlingstag, und ich sitze wieder einmal bei meiner Ärztin, als sie zu mir sagt: "Sie haben keinen Hirntumor, sondern eine Depression".
 Die Worte kommen gar nicht richtig bei mir an. Als ich die Praxis mit einer Überweisung zum Psychiater verlasse, schwirrt mir nur ein Gedanke im Kopf herum: Warum kann ich nicht einfach einen Hirntumor haben?
Mir ist klar, dass der Gedanke richtig dumm ist. Niemand wünscht sich einen Hirntumor, doch im Gegensatz zu einer Depression ist so was einfach greifbar, finde ich. Du weißt, da ist ein Ding in deinem Kopf, und entweder kann man es entfernen, oder du stirbst daran. So oder so verschwinden die Probleme, die du hast, irgendwann. Zumindest tun sie das in meiner Vorstellung. Schon dieser verquere Gedankengang macht mir klar, wie wenig ich mich gerade selbst verstehe."
Jana Seelig: Minusgefühle. Meine Leben zwischen Hell und Dunkel. Erschienen am 05.10.2015,
Piper Verlag, ISBN: 978-3-492-06021-9, € 14,99

Es gibt Menschen, die nicht an Depressionen glauben. Menschen, die sagen, man solle sich nicht so anstellen, jeder sei mal traurig, man müsse sich nur mal zusammenreißen. Es gibt Menschen, die sagen, es sei eine Willensschwäche oder gar Einbildung. Man müsse einfach aufhören, sich einzureden, dass alles so scheiße sei. Menschen, die Depressiven vorwerfen, sie würden simulieren, weil man sowas Psychisches ja eh nicht beweisen kann, und sowieso, wenn das doch nur in Gedanken ist, wieso denkt man dann nicht einfach anders? Das macht mich unglaublich sauer. Es spricht nicht bloß von Unsensibilität und grotesker Ignoranz, sondern schlicht und ergreifend von Dummheit, die mir fast schon weh tut.
"Wenn ich mich brav nach dem System richte, das nunmal sagt, dass Migräne zu haben voll okay ist, eine psychische Krankheit aber nicht, belüge ich nicht nur die Menschen um mich herum, sondern vor allem auch mich selbst."

Eine Depression ist eine Krankheit. Sie kann und wird natürlich auch gewissermaßen vom Umfeld und Lebensumständen ausgelöst, verhält sich jedoch auch aufgrund chemischer Prozesse im Körper so. Einer Depression wird u.a. mit Medikamenten entgegengewirkt, nicht bloß mit Smarties und einem Therapeuten, der mit dir Mandalas ausmalt. Ein Mensch, der in eine depressive Episode verfällt, ist nicht schlichtweg traurig, er ist leer, er ist nicht faul, wenn er nicht aus dem Bett kommt, er ist unfähig. 

In Janas Buch geht es um Beziehungen zu Freunden, die es bald nicht mehr sind, um Familie, die ganz anders ist als man selbst, um eine Elternbeziehung mit wenig Verständnis, um all die kleinen und großen Ereignisse, die sie so ehrlich beschreibt, dass man es – selbst die Leute, die sie scheiße finden, und sie soll es ja auch geben – einfach bewundern muss.
Vieles im Buch lese ich mit beobachtendem Interesse. Ich folge der Geschichte von Jana, die in ihrer extrovertierten Art so anders ist als ich, die durchaus mal kokst, mal abgeht, öfter impulsiver und mutiger ist als ich. Und dann kommen ganz überraschend plötzlich Stellen, die mich so richtig treffen. Sätze, die ich zwei oder drei Mal lese, um sicher zu gehen, dass ich sie richtig verstehe.  Sätze, die ich kenne, erlebe, nachvollziehe.

Depressionen sind nicht cool. Sie sind nicht chic, sodass man sich modisch fühlt, wenn man Lana del Reys "Summertime Sadness" hört und wie ein tiefsinniger Künstler, zu denen sowas doch scheinbar immer gehört. Depressionen sind auch nicht witzig. Aber sie sind real und die Zahl der Betroffenen steigt Jahr um Jahr. Das Argument zu nennen, dass es doch so viel Schlimmes in der Welt gibt, dass man (wir) in der westlichen, zivilisierten und reichen Welt (hier) doch glücklich sein können und man doch bloß verwöhnt ist, ist bullshit. -  Luxusproblem? "Nur weil ich alles habe, was ich brauche, muss es mir nicht gut gehen."




Ich wollte nicht den klassischen Einleitungsspruch über "Jana Seelig, die einst mit ihrem Hashtag #notjustsad eine wichtige Debatte ins Rollen gebracht hat..." bringen. Es ist ohne Frage eine wichtige Debatte. Und sie hat es getan. Aber was sie tatsächlich getan hat: Sie hat schon vorher gelebt, gefühlt, nichtgefühlt und ist einige Male verzweifelt. Wir haben keine politische Botschafterin der Depressiven, die man wegen des neu entfachten Hypes und des Medienaufruhrs in den Himmel loben sollte, sondern jemanden, der schon immer genau so war und der Tag um Tag versucht, mit sich selbst und seiner Krankheit umzugehen. Sie war schon immer so. Nur hat keiner zugehört. Das ist die eigentliche Schande.

"Ich bin heute davon überzeugt, dass ich mich nur für die Aufmerksamkeit ritzte. Ich wollte gesehen werden, wollte zeigen, dass es mir schlecht geht – und doch hab ich die Schnitte unter langen Ärmeln oder Stulpen versteckt. Weil ich immer gehofft hab, dass es auch so jemand bemerkt, dass es mir nicht gut geht. Ich wollte mich eigentlich nie verletzen. Ich wollte nur, dass mir mal jemand zuhört – und doch hab ich mich nie getraut, was zu sagen."

Sie hat sich nie bewusst zur Kriegerin gemacht und als solche will ich sie deswegen auch nicht sehen, unabhängig davon, wie sie von den Medien nunmal funktionell als solche wahrgenommen wird. Kaum einer hat zugehört oder verstanden, ihr Vorwürfe an den Kopf geworfen. Es war fast ein Glücksfall, dass sie jetzt die Möglichkeit bekam, über ihre psychische Erkrankung schreiben zu können, eine Art Plattform zu bekommen und ihre Geschichte so in die Welt tragen zu können. Hoffentlich hört die Welt dieses Mal zu und bemüht sich zu verstehen. Ihr natürlich, und all den Menschen, die in unserer Mitte sind und nicht diese Reichweite haben.

"Wenn Menschen sagen, dieses Ich, das du gerade bist, das seist nicht du, meinen sie eigentlich, dass du nicht ihren Erwartungen entsprichst."

Die Frage nach Persönlichkeit und Identität finde ich besonders spannend. Ist man anders? Ist man mehr ich? Was gehört zu mir, was ist bloß auch irgendwie da? Denn Jana erzählt nicht bloß mit – teils sehr zynischem – Witz von den letzten Jahren, sondern zeigt auch, dass sie gar nicht so doof ist, wie sie selbst manchmal glaubt. Intelligente (Selbst-)Erkenntnisse reihen sich an Themen wie Sexismus, Victim Blaming, Sterbehilfe, Kleinstadtfaschismus, Machtmissbrauch oder Netzleben, die zumindest am Rande erwähnt werden und zu denen sie aus eigener Erfahrung Stellung bezieht.
Jana entpuppt sich als selbstbewusst. Dafür muss sie gar nicht Lippenstift auftragen, muss sich nicht in die Mitte eines Raumes stellen und auf sich aufmerksam machen, denn sie ist sich ihrer selbst bewusst, mit den Ups, den Downs, den Problemen und ihrem Leben. 









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