Weniger ist schwer - Sentimentale Souvenirs & Büchertum

Sich von Dingen trennen kann so schön sein. Für mich zumindest. Kein Verlust, sondern ein Gefühl der Befreiung. Loslassen von Belanglosi...


Sich von Dingen trennen kann so schön sein. Für mich zumindest. Kein Verlust, sondern ein Gefühl der Befreiung. Loslassen von Belanglosigkeiten, sei es durch ein Wegschmeissen, Verkaufen oder Verschenken. Wären da nicht die Dinge, mit sentimentalem Wert.
 Ich tendiere zum Idealisieren. In vielerlei Hinsicht, aber auch im Bezug auf Gegenstände kommt das vor. Willkürliche Eintrittskarten oder ähnliches sind plötzlich Erinnerungsstücke, sie sind Repräsentanten, sind unabdingbare Denkmäler meiner Geschichte. Und die kann man bekanntlichermaßen ja nicht wegwerfen.

Wikipedia beschreibt Sentimentalität als 
"eine vorübergehende oder auch andauernde Gemütsverfassung, die durch Rührung gekennzeichnet ist. Sie nimmt ihren äußeren Anlass zum Vorwand, um sich dann in sich selbst hineinzusteigern; also ein Schwelgen in meist wohligen, sehnsüchtigen, romantischen und leidenschaftlichen Gefühlen, aber auch Melancholie. Sentimentalität ist somit eine Form der emotionalen Selbststimulation ohne Handlungsantrieb. Dieser psychische Mechanismus kann zum Beispiel dazu verleiten, bestehende Belastungssituationen passiv zu ertragen oder Konflikte zu ignorieren, statt sie tatsächlich durchdenken oder angehen zu müssen."
Hm.






Gerade Bücher besitzen war in meinen Augen irgendwie immer etwas Romantisches. Seelenlos, sagt ein Zitat, das ich mal las, ein Raum ohne Bücher sei ein Raum ohne Seele. Während es mir bei meiner Kleidung, bei Pflege- und Kosmetikprodukten, auch bei Zeitschriften, bei dem ganzen restlichen Zeug in meiner Wohnung verhältnismäßig leicht fiel, hatte ich bis diese Woche Schwierigkeiten, mich von Büchern zu trennen. Ich kenne einige Menschen, die bei weitem mehr Romane lesen als ich, aber ich halte den Inhalt meiner Regaledennoch sehr hoch. Auch durch mein Literatur- und Philosophiestudium kommen immer mehr Bücher hinzu , ich habe mehrere Ausgaben von Thomas Manns "Die Buddenbrooks", die ich geradezu sammele, notiere mir jede Neuerscheinung von Roger Willemsen in meine Wunschliste und lasse mich auch gerne mal von thematischen Ausreißern begeistern, habe Charlotte Roche, Sarah Kuttner, sogar Twilight (ein anderes Thema...) neben Kafka, Goethe, Rilke, zwischen Sylvia Plath, Tintenherz und Kant stehen. Niemals könnte ich mich von ihnen trennen und will das auch nicht. Auch die geliebte Fear Street Reihe und einige andere Kinder- und Jugendbücher werden ewig in meinem Besitz bleiben. Ein hässliches Buch mit Tierbildern darin und Sprüchen, warum man glücklich sein sollte, kann ich nicht weggeben, weil es mir mein Vater schenkte, als ich klein war und mir es damals viel bedeutete. Bücher weg zu geben, fiel mir immer schwer. Wegwerfen war noch nie eine Option. Sogar Bücher, die ich gar nicht gerne mochte oder welche, die durch wirre Wege ihren Platz in meinem Regal fanden und dennoch nie gelesen wurden, es vermutlich auch nie werden, selbst die konnte ich nicht loslassen. Wieso? Weil ich die Idee eines Buches gut finde. Weil ich daran festhalten will, diesen Speicher von Können, Fleiß und Phantasie bei mir haben will und nicht irgendwo anders, will immerzu die Möglichkeit haben, es bei mir zu haben.



Unter dem Bett in meinem ehemaligen Zimmer bei meinen Eltern steht eine Kiste. Darin finde ich so einiges, wozu mir ganz automatisch immer eine Rechtfertigung einfällt, wieso ich es behalten sollte: Mein altes Handy ("Was für eine Zeit das war!"), ein Gebilde aus Draht, das ich mal im Kunstunterricht bastelte ("Darf man Kunst wegwerfen?") und eine Serviette ("Oh, dort hatte ich einen visionären Einfall!") aus einen Coffee Shop, auf den Philipinen. Irgendwann wird's absurd.

Es klingt zwar sehr poetisch, wenn ich mir überlege, ein materielles Stück sei die Verdichtung eines Momentes, einer ganzen Zeit, Ära, eines Jahrzehnts, aber wieso empfinde ich das so? Hängt meine Erinnerung wirklich an diesem Gegenstand? Wenn ich ihn deswegen nicht wegwerfen möchte, heißt das dann, ich würde die Erinnerung wegwerfen? Habe ich die nicht unabhängig davon, wenn sie es wert ist oder brauche ich es tatsächlich immerzu als Stütze? Da ich vieles aufschreibe, entfällt es zumeist, auch noch Souvenirs in Kisten zu verstauen. Falls das aber nicht der Fall ist oder es ein Stück ist, was mir wirklich sehr viel bedeutet, dann reduziere ich leidglich. Brauche ich von einem Urlaubstrip tatsächlich jede einzelne Stadt- und Eintrittskarte oder reicht nicht eine?

Dann habe ich mal wieder alles umgekrempelt. Ich habe alle Bücher aus dem Regal genommen, mir jedes angesehen, statt es in einem Automatismus wieder hineinzustellen, und überlegt, was es mir wert ist und ob ich es überhaupt mag oder einsehe, zu haben. Ich habe meine kleinen Kisten umgeworfen, habe einiges behalten, mich von vielem auch getrennt. Wem es schwer fällt, sich von Dingen zu trennen, die sentimentalen Wert haben, zeigt sich vermutlich bloß als menschlich. Im Internet las ich mal, dass manche Menschen diese Gegenstände abfotografieren bevor sie ihn wegwerfen oder die Erinnerung formuliert zu notieren, sodass der Auslöser der Erinnerung und des Gefühls noch da ist (nämlich visuell festgehalten). Aber manchmal ist selbst das vermutlich nicht geeignet, denn gerade emotionale Erinnerungen hängen doch auch oft an Geruch, an Habtischem, daran, wie sehr es einen wundert, wie klein ein Stofftier doch ist, obwohl es als Kind so viel größer schien, wie abgenutzt sich etwas anfühlt. Noch immer besitze ich die Kette mit einem Delfin Anhänger, die mein erster Freund mir in der fünften Klasse schenkte, habe die Eintrittskarte eines Museumsbesuchs, der mit kalten Küssen an einem Bahngleis endete, in ein Album geklebt und auch noch das hässliche Buch mit den lustigen Tierbildern.

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