Facebook als Spiegel der Doppelmoral

Profilbilder in Blau-Weiß-Rot Natürlich ist es irgendwie als selbstdarstellerisch auslegbar, dass man auf sein Gesicht eine Flagge mach...

Profilbilder in Blau-Weiß-Rot


Natürlich ist es irgendwie als selbstdarstellerisch auslegbar, dass man auf sein Gesicht eine Flagge macht, nicht "bloß" etwas dazu postet (und sei es die Flagge), sondern sein Gesicht wie ein Aushängeschild in den Nationalfarben hinterlegt. Aber vielleicht ist das ja auch der Sinn dahinter? Nicht bloß eine Notiz der Anteilnahme, sondern ein Bild, das aussagt: ICH stehe hierfür. Vielleicht? 
Ich bezweifle nicht, dass es Vollidioten gibt, die damit zeigen wollen wie politisch sie doch sind und  denken, sie hätten dadurch etwas eindeutig wirkend Gutes getan, eine Pflicht erledigt. Aber ich bin sicher, dass viele das nicht so sehen.
Menschen, die ihre Profilbilder ändern. Menschen, die sich darüber aufregen, dass Menschen ihre Profilbilder ändern. Menschen, die sich darüber aufregen, dass sich Menschen darüber aufregen, dass Menschen ihre Profilbilder ändern. Eine richtige Lösung ist das jetzt natürlich auch nicht.

Was ich nicht verstehe ist, wieso man Menschen nicht auch tatsächlich glauben kann, dass sie in gewisser Weise trauern. Jeder geht anders damit um, wenn er schlimme Dinge gesehen hat oder über Geschehnisse nachdenkt. Wer sind wir denn, dass wir wissen, wie sich jemand eigentlich fühlt und dass er eh keine Ahnung hat, sodass er kein Recht hat, so zu tun, als würde er Anteil an etwas nehmen? Ist das wiederum nicht total absurd?

Wenn meine Paint-Skills größer wären, würde ich hier auf eine Schulter einen Engel und auf die andere einen Teufel machen. Oder ich würde einen Eiffelturm malen. Kann ich aber nicht.

Gutes tun und es verschweigen


Bei der Aktion des Facebook Profilbilds ist es Sinn und Zweck, dass es sichtbar ist. Das ist jedoch nicht bei jeder politischen Handlung so. Nicht immer geht es um eine Zeichen, das man setzt, wozu eine Einheit gebraucht wird und Menschen darauf aufmerksam gemacht werden müssen. Denn manchmal glaube ich fast, man möchte dieses Augenmerk eher auf sich selbst lenken.


"Heute habe ich ein veganes Essen bestellt, weil ich Tiere schütze."

"Hey friends, hier in meinem soziales Jahr ist es super, guckt mal, wie ich mit schwarzen armen Kindern posiere!"

"Hallo Leute, heute habe ich geholfen und eine gute Tat getan. Hier: Flüchtlingslager."

"...nimmt bei der Veranstaltung Ich helfe ehrenamtlich und bin ein guter Mensch teil."


Gutes tun und es niemandem sagen. Vielleicht sollten wir das manchmal probieren?


Wir sind nicht unmoralisch, wir sind kurzsichtig: Paris über Beirut & Bekanntes über Fremdes


Facebook ist in dem Sinne einfach ein Spiegel unserer Gesellschaft und unseres Denkens und Handelns, nur eben noch visuell chronologischer geordnet, sodass es uns mehr auffällt.

Ich habe mich vor einer Weile mit einem Modestudenten darüber unterhalten, wieso so viele junge Frauen bei Primark einkaufen, wenn sie doch eigentlich wissen, dass es unter schlechten Bedingungen für die Arbeiter hergestellt ist.
Ich stellte die These auf, dass sie das vielleicht gar nicht so richtig wissen. Er sagte: Nö. Man sei doch auch echauffiert, wenn man in den Nachrichten davon hört, wie jemand auf offener Straße erschossen wird und ist ergriffen. Einem ist das bewusst, aber wenige Minuten später, habe man es wieder vergessen. Das ist jedoch auch mein Punkt: Wir verinnerlichen das nicht. Wenn man mit einem billigen Kleidungsstück in der Hand in einem Laden steht und abwägt, ist der Zugewinn dieses modischen Pullovers näher an meinem Alltag spürbar als wenn ich es unterlasse und dadurch  ein gefühltes Millionstel dazu beitrage, dass sich etwas in der Textilindustrie ändert.

Wieso ist Paris ein so großer emotionaler Schock und Beirut nicht? Wieso horcht man eher hin, wenn es heißt, unter den Todesopfern ist ein Deutscher? Wieso würde man sein Haustier nicht essen, aber Fleisch von anderen teilweise gequälten Tieren schon? Meine Antwort: Weil es uns nicht bewusst ist, was das heißt.

Wir hören und wissen zwar von Kriegen, von anderen Opfern, von Tierquälerei und wagen es nicht zu sagen, eins sei schlimmer als das andere, aber wenn wir ehrlich sind, ist es das für uns. Wenn meine Mutter stirbt, wäre ich trauriger als wenn meine Nachbarin stirbt, die ebenfalls Mutter ist. Damit werte ich nicht zwangsläufig das andere Leben ab, sondern zeige damit meine emotionale Inbegriffenheit in die Situation. Ich sehe genau vor mir, was passiert. Es ist mir näher, geografisch und vor allem emotional. Doppelmoralisch ist das in manchen Fällen vielleicht schon, wie der Mensch in den meisten Fällen nun einmal ist, das macht uns aber nicht bösartig und unmoralisch. Es macht klarer wie kurzsichtig wir sind.

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