Sterbehilfe: Der Kern der Menschenwürde ist die Selbstbestimmung

Wer in meiner Facebook Freundesliste ist, hat wohl mitbekommen, wie ich Artikel um Artikel teile, die sich mit dem Thema der Sterbehilfe au...


Wer in meiner Facebook Freundesliste ist, hat wohl mitbekommen, wie ich Artikel um Artikel teile, die sich mit dem Thema der Sterbehilfe auseinandersetzen. Eine politische wie zutiefst ethische Frage, die mich sehr beschäftigt. Heute, am 06. November wurde im Bundestag abgestimmt und eine Entscheidung getroffen, die ich bedauere und für eindeutig falsch halte.


Sterbehilfe in Deutschland. Letztes Jahr wurde die Debatte neu gestartet und fand heute ihr Finale in der Abstimmung im Bundestag.  Es gab vier Gesetzentwürfe über die Neuregelungen der Sterbebegleitung und Sterbehilfe und der Fraktionszwang wurde aufgehoben.
Die Kirche horcht auf, die Ärzteschaft auch. Kranke und Angehörige ohnehin. Fragen wie dieser hatte man sich nicht immer stellen müssen. Erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich ein dramatischer Einschnitt im Bereich eines  Verständnisses vom Sterben und des Todes ereignet: Die Intensivmedizin. Sie brachte u.a. die künstliche Lebensverlängerung mit sich. Aus dem Einschnitt resultieren zahlreiche ethische, sowie anthroposophische Fragen. Auch aktuell relevant im Rahmen der Gesetzesabstimmung im Bundestag: Die Palliativmedizin und begleitendes Sterben und der zweiten Fragenkreis: Der ärztlich assistierte Suizid.

Worin liegen die Unterschiede? 

Mit der Sterbehilfe soll einer unheilbar oder schwerstkranken Person körperliches, sowie seelisches Leid erspart werden. Die stark umstrittene aktive Sterbehilfe bedeutet, dass dem Menschen durch fachkundige Behandlung das Ableben erleichtert oder herbeigeführt wird. Hierbei wird dem Kranken ein tödliches Medikament bereit gestellt - durch Angehörige oder andere Helfer und der Patient nimmt es selbst, ihm darf es nicht verabreicht werden. Davon zu unterscheiden ist die Tötung auf Verlangen. Hierbei wird dem Patienten das Mittel verabreicht. Die Grenzen der Beihilfe und der noch aktiveren Handlung der Verabreichung sind vielleicht fließend, aber entscheidend.
Größer als die noch brisantere Frage nach aktiver Suizidbeihilfe Schwerkranker ist die Akzeptanz der passiven Sterbehilfe: Rund 78% unterstützen die Idee der passiven Sterbehilfe, 7% sprechen sich gegen sie aus. Hierbei handelt es sich um die lebensverlängernden Maßnahmen, die durch den Arzt eingestellt werden könne, sollte der Patient dies gewünscht haben. 




Freiheit im Sterben


Die Palliativmedizin kann nicht jedes Leid lindern. Sterben dauert heute länger und ist niemals schön, niemals einfach, ein Todesprozess kann Stunden, Tage, Wochen, Monate ertragen werden müssen. Manch einer sagt, das sei ein Denkfehler, denn in der Palliativmedizin und in der Hospizbegleitung müsse niemand leiden. Das wiederum halte ich für einen schwere Denkfehler. Ich achte, auch aus persönlicher Erfahrung, die Arbeit und begleitende Hilfe in den Bereichen sehr, aber auch diese Arbeit hat ihre Grenzen. Kein Morphin kann verhindern, dass ein Mensch seine letzte Lebzeit in Ekel seiner Umstände, vor sich selbst und in Verlust seiner selbst ist. Nicht die Körperlichkeit leidet da im großen Maße, sondern die Person, die über die Körperlichkeit hinaus geht.
Nachweislich gibt es eine Anzahl dieser Menschen, die den assistierten Suizid wünschen. Das finde ich zutiefst nachvollziehbar, wenn man nicht jede Sekunde, wie lange sie sich noch ziehen mag, seiner Krankheit auskosten will, seinen Körper dabei zuschauen zu müssen, wie er mehr und mehr geht, ggf. seine Persönlichkeit, jedes Bewusstsein verliert, bevor man das Leben loslässt.  Nicht jeder Mensch möchte das, das ist selbstverständlich. Aber es gibt Menschen, die es essentiell für sich entschieden haben und Ärzte, die es ausführen würden. Das als Regierung abzulehnen ist nichts Anderes als eine Bevormundung durch den Staat. Es ist die Freiheit des Einzelnen. Es gibt ein Recht zu leben, aber keine Pflicht zu leiden.


Wie man sterben möchte, ist eine Frage, die sich ein Mensch selbst stellen muss. Das Sterben ist eine zutiefst private Sphäre und wurde plötzlich zu einem öffentlichen Umstand. Hat der Staat das Recht einem Menschen die Freiheit abzusprechen, sein Leben in Selbstbestimmung verlassen zu wollen? Es ist nicht der Sterbende, der ein Privileg einfordert, sondern der Staat, der nahezu ein Bestimmungsrecht über die einzelnen Körper seiner Staatsbürger beansprucht. Dem Staat steht es nicht zu, sich der Freiheit eines ggf. vorkommenden Wunsches von ärztlich assistierter Sterbehilfe eines Bürgers entgegen zu stellen, wie sie die eindeutige gesellschaftliche Mehrheit fordert. 

"Die Menschenwürde kann man dem Menschen nicht nehmen. Sie ist unzerstörbar. Der weltanschaulich neutrale Staat kann jedoch die Menschenwürde achten, indem er das menschliche Recht auf Selbstbestimmung achtet."

- Peter Hintze, im Interview mir der ZEIT, Oktober 2015


Nicht bloß die Gesellschaft altert immer mehr, auch die Anzahl derer steigt, die dem Sterben nahe sind und auch die Akzeptanz der Sterbehilfe steigt. Umfragen der Ärzteschaft und auch der Bevölkerung zeigen eine Mehrheit, die die strafrechtlichen Verbote im Bereich der Suizidhilfe ablehnen. Eine strafrechtliche Verfolgung in diesem Bereich, der so hochsensibel und essentiell ist, wie ich mir keinen anderen vorstellen kann, halte ich für absolut falsch.
Wenn sich ein todkranker Patient in einer aussichtslosen Lage wiederfindet, in der er sich dazu entscheidet, früher sein Leben beendet zu wollen, als es durch den Krankheitsverlauf geschehen würde und wenn es Ärzte gibt, die mit sich und ihrem Gewissen vereinbaren können, ihm dabei zu helfen, dann muss das im Bereich der Möglichkeiten bleiben und unter einen Schutz und nicht durch ein Verbot und Strafrechtsverschärfung gestellt werden.


Die geforderte Rechtssicherheit



Was Hintzes Entwurf gefordert hatte, war eine Rechtssicherheit für Ärzte und todkranke Patienten. Anstelle zusätzlicher strafrechtlicher Verbote, eine Regeulung im Bürgerlichen Gesetzbuch hinsichtlich der Sterbehilfe, aufgrund derer ein todkranker Mensch einen Arzt seines Vertrauens und nach umfassender Beratung und Absprache aller Alternativen, sich dazu entscheiden kann, selbst aus dem Leben zu scheiden. Hiermit wird eine Rechtssicherheit für beteiligte Ärzte und die Patienten erreicht und verhindert, dass diese Entscheidung des Gewissens rechtliche Sanktionen nach sich zieht. Für den Arzt gilt dabei der Grundsatz der Freiwilligkeit. 
"Die Hilfe zum Suizid ist nach derzeitiger Rechtslage grundsätzlich straffrei und soll es auch künftig bleiben. Sinn und Zweck unseres Gesetzentwurfs ist es, unabhängig von der strafrechtlichen Seite solchen Patienten, bei denen es nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie des Sterbens geht, ausdrücklich das Recht zu geben, ihren Arzt um Hilfe beim friedlichen Entschlafen zu bitten. Zugleich werden hierdurch die Ärzte vor berufsrechtlichen Sanktionen geschützt. Die ausdrückliche Möglichkeit einer ärztlichen Suizidhilfe setzt nach unserer Auffassung die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten zwingend voraus. Davon abgesehen muss die Krankheit des Patienten irreversibel zum Tode führen und er selbst unter dieser Krankheit außergewöhnlich leiden."
- Peter Hintze im Interview mit der Zeit, Oktober 2015
Der Gesetzentwurf hätte eine neuen Paragraphen im Gesetzbuch enthalten, die es erlaubt, als volljährige, einwilligungsfähiger und unmittelbar zum Tode führender Erkrankung leidende Person, ihren Arzt um Hilfe bei der selbstvollzogenen Lebensbeendigung zu bitten. Zuvor müsse er über alternative, insbesondere palliativmedizinische Möglichkeiten aufgeklärt werden und mindestens ein zweiter Arzt muss die Diagnose bestätigen. Dies würde z.B. eine ärztliche Suizidhilfe aufgrund rein psychischen Erkrankungen ausschließen.
"Unser Gesetzentwurf ist der einzige vorliegende Gesetzentwurf, der auf das Strafrecht verzichtet. Während die übrigen drei Gesetzentwürfe eine Verschärfung des Strafrechts vorsehen, setzen wir auf eine rein zivilrechtliche Regelung, um das Arzt-Patienten-Verhältnis zu schützen. Wir hielten es für einen Fehler, wenn das Strafrecht am Krankenbett regieren sollte." Quelle

Das Zentrum der Debatte: Der leidende Sterbende und der Arzt als Helfer


Ist es vielleicht, auch im christlich-religiösen Kontext, gar nicht Leugnung des Lebens als Gottesgeschenk, sondern viel mehr das Gebot der Nächstenliebe, jemanden, der in Ekel vor sich selbst, seiner Krankheit und dem Verlust seiner selbst und der bewussten Entscheidung seines Ablebens nach Hilfe verlangt, ihm diese auch zu geben? Es geht nicht nur um das Ende eines Lebens, sondern immer auch um das Ende eines Leidens.

Was niemals vergessen werden sollte, ist die Frage, um wen die politisch, ethische Frage hier unumgänglich kreist: Den leidenden Sterbenden. 
 Eine Ausweglosigkeit vorzuschreiben, weil eine legale aktive Sterbehilfe den Bereich der angenehmen Debatte überschreitet, halte ich ab einem gewissen Punkt nicht für Lebensbejahung, sondern Ignoranz von Extremsituationen, dem Recht seines Körpers und der Verantwortlichkeit. Es geht nicht darum, Suizide schlicht zu erleichtern oder sie gar zu fördern, sondern um extreme ausweglose Leidenssituationen, die nicht bloße Verstimmung, sondern große Qual sind, bei der die Palliativmedizin an ihre Grenzen kommt. Eine eindeutige Rechtssicherheit für die Ärzteschaft ist dabei Voraussetzung.

Was nun ein Problem darstellt, ist die Formulierung des "Geschäftsmäßigen". Selbsttötung als Hauptgeschäft wird abgelehnt, die zum Teil durch "auf Wiederholung angelegt" definiert ist. Ausgeführt muss sie jedoch nur an einem Einzelnen. Im Praktischen würde so gegen jeden ausführende Arzt ermittelt werden können. Gegen den Arzt, der den Wunsch seines Patienten entgegen gekommen ist. Diese Kriminalisierung durch den Gesetzentwurf von Brand/Griese ist ein Rückschritt, für den sich der Bundestag hier entschieden hat und wirkt sich aus wie ein ganzes Verbot.

"Jede strafrechtliche Bestimmung, die das Wirken von Sterbehilfeorganisationen und einzelnen „Sterbehelfern“ verbietet, indem sie die gewerbliche oder geschäftsmäßige, auf Wiederholung angelegte Sterbehilfe unter Strafe stellt, beinhaltet ein Risiko für verantwortungsvoll handelnde Ärzte. Ärzte, die im Rahmen ihrer Tätigkeit eine Vielzahl von tödlich erkrankten Menschen behandeln, wie z.B. Onkologen und Palliativmediziner, würden der Gefahr strafrechtlicher Ermittlungen ausgesetzt, auch wenn es im Ergebnis zu keiner Verurteilung kommen sollte. Die Folge wäre, dass sich Ärzte aus Sorge vor strafrechtlichen Ermittlungen von ihren Patienten zurückziehen. Dass medizinisch fundierte Gewissensentscheidungen überhaupt strafrechtliche Ermittlungen gegen Ärzte auslösen können und dadurch das Vertrauen zwischen Ärzten und Patienten beschädigen, halten wir für falsch." Quelle

Intuitiv wollte man das Gleiche: Hilfe für Leidende ausbauen, ohne Menschen in Zwang zu setzen, ohne eine makabere Kommerzialisierung zu schaffen, Missbrauch stoppen. "Der Kern der Menschenwürde ist die Selbstbestimmung", wurde geäußert, und jene wird nun eingeschränkt.

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