Bahngespräche, Tannenduft, Mistelzweige und Tropenwärme

Ich wache von lauten Geräuschen und farbigen Lichtern auf. Ich stehe auf und sehe auf mein Handy, es ist nachts, dann schiebe ich meine ...




Ich wache von lauten Geräuschen und farbigen Lichtern auf. Ich stehe auf und sehe auf mein Handy, es ist nachts, dann schiebe ich meine Gardine zur Seite, um zu sehen, was los ist. Es ist noch dunkel, aber ein Krankenwagen fährt an meinem Haus vorbei. Ich lege mich wieder unter die warme Daunendecke und schlafe bis sechs Uhr.
Morgens. Ich stehe im Bus. Wenn ich nur wenige Stationen fahren muss und sich nicht eine Landschaft voll freier Sitze anbietet, setze ich mich nicht. Der Bus hält für einige Minuten neben einem kleinen Imbiss Restaurant, dessen Fenster noch mit Jalousinen verschlossen sind. Bloß durch eines der Fenster kann man hindurch sehen und kann beobachten wie an der leeren Theke mit all den Gläsern und Tassen Dampf aus einer Maschine kommt. Vermutlich die Kaffeemaschine.





Eine halbe Stunde später steige ich in die Bahn, die mich nach Köln bringt, von wo ich weiter nach Bonn fahre. Ich setze mich vor einen Vierer, in dem vier sehr gut gelaunte Frauen mittleren Alters.
"Da kommt schon wieder der Kontrolleur!", lacht eine der Frauen auf.
"Weißte was, dem muss ich gar nix mehr zeigen, der kennt mich schon. Der kommt hier doch bestimmt zum vierten Mal an uns vorbei", prustet die Andere, "der kennt uns gut jetzt!"
Ich schlage mein Buch auf, taste nach meinem Ticket in der Manteltasche.
"Weißte was, ich frag den jetzt mal, ob er auch was will!" Lautes Gelächter.
"Möchten Sie ein Stückchen Käse?", fragt die weibliche Stimme.
"Ja, eigentlich gern", antwortet ein Herr.
"Warten Sie, hier noch eine Carbanossi!"
Als der etwas gesetzte Bahnkontrolleur mit Schnauzer mir mein Ticket mit einem Dankeschön und einem Nicken wieder in die Hand drückt, ist er leicht errötet und schmatzt ein wenig.
"Letztens ging im Bus auch mal eine Frau an mir mit einem Berg von Muffins vorbei", verkündet eine der Frauen hinter mir. "Und da hab ich gesagt, 'Oh die hätte ruhig einen auf dem Weg verlieren können' und gelacht. Das hat'se dann gehört und kam zurück und hat mir einen geschenkt!"
"Das ist ja mal richtig nett. Weiß auch gar nicht, was so dabei sein soll."
"Ja, finde ich auch", pflichtet eine der Damen bei. "Ich hab das letztens dem Frank erzählt und der meinte, neee, das solle man doch nicht essen von einem Fremden. Ich mein, was ist denn dabei, man sieht ja, dass das nicht vergiftet ist, wenn die das auch selbst essen. Aber er meint, neee, man weiß doch gar nicht, wo die das gemacht haben undso. Und ich mein: Ja doch, in der Küche, wo sonst."




 In meinem Seminar geht es gerade um die Natur des Menschen hinsichtlich seines moralischen Verhaltens. Das Paradox, dass ein Mensch gewissermaßen nicht von Natur aus gut oder schlecht sein kann, denn als moralisch gut oder schlecht kann nur etwas bewertet werden, wofür sich der Mensch in Freiheit entscheidet. Liegt etwas in seiner Natur, ist er streng genommen determiniert. Zumindest je nach Definition. Bei Kant sieht das bisschen anders aus. Ich liebe Kant.

Nach meinen Veranstaltungen in der Uni bin ich verabredet. Ich möchte mal wieder zum Poppelsdorfer Schloss, das auch ein Teil der Universität Bonn ist und bin damit nicht alleine. Darin befinden sich vor allem Hörsäle und Räume für Fächer wie Geologie und ähnliches. Direkt anliegend ist der botanische Garten und auch das Tropenhaus.





Riesige Tannen gibt es hier. Mammutbäume auch. Und einen Ginkgo Biloba Baum, den wir schon vor einem Jahr bewundert haben. Erst an dem Tag habe ich jedoch erfahren, dass die Baumart in seiner ursprünglichen Heimat ausgestorben ist, was mich, ehrlich gesagt, wirklich wirklich traurig macht. Als ich in der sechsten Klasse war, hatten wir Vertretungsunterricht bei einem Lehrer, den ich nie zuvor und auch nie wieder hatte, der aber Goethes Gedicht rezitierte. Sofort danach beschloss ich, dass dies mein Lieblingsgedicht ist. Mittlerweile sind andere Exemplare meine Lieblinge, aber ich mag es noch immer sehr gerne.

Ginkgo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?


Kaki am Baum. Faszinierend.

Lange saßen wir auf einer Bank vor dem kleinen Teich am Schloss, bevor wir nach einer großen Runde schließlich zum Gewächshaus gingen, vor dem die Rosen beschnitten wurden. Die Hitze und Luftfeuchtigkeit schlug einem wortwörtlich ins Gesicht und war insbesondere wegen der warmen Winterkleidung nicht unbedingt sehr angenehm. Aber ich liebe solche Gewächshäuser, all die fremden Pflanzen und Tieren, mit all dem Formen, Farben und Zwecken.








Noch mal kurz zu Kant und dem Bösen:
Nacht Kant ist der Mensch verschiedenen Triebfedern ausgesetzt. Darunter das moralische Gesetz, aber auch der Sinnlichkeit, das subjektive Prinzip der Selbstliebe. Der Mensch hat demnach all diese verschiedenen Triebfedern und muss nun eine Ordnung in diese bringen, damit er zu einer Maxime und somit zum Handeln kommt. Böse ist eine Verkehrung der Ordnung; also die Sinnlichkeit über das moralische Gesetz zu stellen. Der Mensch ist Kant zufolge also durch die Umkehrung der sittlichen Ordnung der Triebfedern böse. Im Gegensatz steht dazu z.B. das Modell des Teufels, der das moralische Gesetz nicht bloß an zweiter Stelle setzt, sondern es gänzlich negiert. Der Mensch ist sich des moralischen Gesetzes bewusst und hat dennoch die gelegentliche Abweichung der selben in der Maxime aufgenommen. Der Hang im Menschen ist verwurzelt, kann ihm aber dennoch zugerechnet werden






Am Ein- und Ausgang des botanischen Gartens liegen zahlreiche Mistelzweige am Rand aufgestellt. Seit einiger Zeit halte ich in meiner Stadt Ausschau nach einem Mistelzweig und hatte bei den üblichen verdächtigen Blumenhändlern bisher keine gefunden. Dieses Jahr verbringe ich mein erstes Weihnachten in meiner ganz eigenen Wohnung ohne seltsame Mitbewohner mit fragwürdigen Angewohnheiten und Einrichtungsgeschmack. Das heißt für mich - neben einer gewaltigen Steigerung meiner Lebensqualität - das erste eigene Gestalten und Dekorieren meiner vier Wände. Ich verzichte zwar auf mächtige Gestecke und buntes Geklimper, aber ein Mistelzweig musste auf jeden Fall mit. Passt auch gut zu meinen weißen Türen, finde ich. Auf dem Weg hinaus suche ich mir einen aus und halte ihn noch ein wenig in der Hand, während ich die anderen betrachte. Zwei ältere Damen tun selbiges und vergleichen einen Zweig mit dem Nächsten, diskutieren Form und Dichte. "Oh, Sie haben den Schönsten von allen!", sagt mir eine alte Dame, bewundert meinen Zweig und nickt lächelnd. Ich glaube ihr und werfe mein Geld in die Spendenbox.





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