Erfurt: Ein Freundschaftsbesuch.

Ein kleines Mädchen erlebt ihren ersten Schultag. Es ist ein spannender Tag. Es trägt das erste Mal seinen Scout Tornister mit tatsächli...




Ein kleines Mädchen erlebt ihren ersten Schultag. Es ist ein spannender Tag. Es trägt das erste Mal seinen Scout Tornister mit tatsächlichem Zweck, trägt ein Kleid, klobige Schuhe, es hat einen Topschnitt mit Pony, einen Haarschnitt, den wohl fast jedes Mädchen einmal hatte. Es hat sich auf diesen Tag gefreut und tut es noch immer. Viele Freunde sind auch da, die gesamte Nachbarschaft quasi. Auch Tobi, ihr bester Freund, der in der Doppelhaushälfte neben ihr wohnt. Man sitzt zeitweise im Klassenraum - wie die Großen! - und lernt sich kennen, lernt die Lehrerin kennen, bestaunt all die anderen Schüler. Es gibt ein buntes Spektakel auf dem Schulhof. Mit Musik und auch mit den Schultüten, es macht Spaß und ist furchtbar aufregend. Das Mädchen steht neben seiner Mutter, die sich mit einer fremden Frau unterhält. Auch die Frau hat ein kleines Mädchen dabei. Die Kinder beäugen sich. "Mama, wer ist das?", fragt das Mädchen. Die Mutter antwortet und nennt einen Namen. Die Kinder beäugen sich noch immer. Die Mütter unterhalten sich weitere Minuten, gefühlte Stunden. "Mama, wer ist das?", fragt das Mädchen erneut, weil es den Namen wieder vergessen hatte.





Einige Zeit später besucht das Mädchen - ihr habt es erraten, das bin ich - besagtes anderes Mädchen, das nicht mehr ganz so fremd ist. Zwischen ersterem Moment und dem, in dem ich in einem gewaltigen Bahnchaos in den letzten Intercity steige, liegen fünfzehneinhalb Jahre. Es liegen Kindergeburtstage dazwischen und Treffen, bei denen wir lernten wie die Kuscheltiere des anderen heißen, das liegen eiskalte Schlittenfahrten und Ilgubauen und Phantasien, in denen wir ein  erfolgreiches Pfannkuchenhaus führen. Brieffreundschaften, Pubertät und Älterwerden. Wir erleben das erste Mal Alkohol, das erste Mal kiffen, das erste Mal knutschen. Wir kennen all unsere peinlichen Phasen, unsere Abstürze, all die schlechten Witze unserer Eltern, wissen, was es im Kühlschrank des anderen gibt. Über zwei Jahre nach unserem Abitur studieren wir in gänzlich anderen Städten und ebenso unterschiedlichen Gebieten und anderen Leben, kennen uns aber nichtsdestotrotz sehr gut und alles fühlt sich vertraut an. Nachdem ich abends in Erfurt ankomme und wir noch schnell einkaufen gehen, falle ich in ihr Bett, als wäre es mein eigenes.


 
 


Ich mag Erfurt, ist meine erste Erkenntnis, nachdem ich herum geführt werde. Bei eiskaltem Wetter, bei dem ich in Rollkragenpullover mit Mantel und Lederhandschuhen trotzdem friere, besuchen wir den Hafenmarkt. Eine Fabrikhalle mit viele unabhängigen kleinen Produktionen, mit Kunst, Klamotten und Glühwein. Ich hätte einiges mitnehmen  können, es bleibt jedoch bloß bei einem kleinen Weihnachtsgeschenk. Draußen gibt es Glühwein und sämtliche Variationen mit Hipstereinschlag. Was mich immerzu begeistert sind Altstädte, so wie auch dieses Mal. Wir laufen durch alle Straßen, von A nach B und B nach C und dann nochmal von A nach Z, sodass uns an dem Abend und auch noch Tage danach unsere Beine schmerzen.





  







Schon viel früher wollte ich nach Erfurt. Ich habe mich jedoch bewusst für das letzte Wochenende entschieden, damit ich nicht bloß die historische Stadt, sondern auf einen Schlag auch direkt seinen Weihnachtsmarkt zu sehen bekomme. Es hat funktioniert und mich nicht enttäuscht. 

 Sehr andere Leben führen wir. Ich komme in eine WG mit elf Mitbewohnern, in denen dauern Flunkyball gespielt, viel getrunken, gefeiert wird, während ich in meiner kleinene Wohnung möglichst unauffällig lebe. Wir betrachten die Weihnachtskarten, die wir ihr die letzten Jahre geschickt hatten.
"Fragwürdige Pose der Frau", bemerkt sie zu dem Motiv einer Kunstpostkarte.
"Ist von Egon Schiele. Da ist das normal."
"Kenn ich nicht." Tut sie tatsächlich nicht. Aber ich weiß noch viel weniger von all den Festivals auf denen sie ist, von der Band, die über ihren Bett hängt und dass ich auf einem Konzert war, ist vielleicht Jahre her. Was wir gemeinsam haben, sind sehr ähnliche Umstände wie wir sozialisiert wurden, die Eltern, die Schulen, die Stadt, die Freundeskreise. Wir haben uns damals getroffen, um gemeinsam Mittagsschlaf zu machen und bei Sonnenuntergängen Mischbiere getrunken und darüber gesprochen, wie unsere Leben ablaufen sollen. Und genauso sitzen wir an dem Abend zusammen, in Decken gewickelt und Schokolade essend und gucken Weihnachtsfilme, trinken Glühwein, gehen auf eine Party und vermissen alte Zeiten im U-Club in Wuppertal.


















You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER