Opportunitätskosten

Und dann. Dann ist alles vorbei. Drei, zwei eins... und es ist erstmals "nur" Dezember und nicht Weihnachten oder Adven...



Und dann. Dann ist alles vorbei. Drei, zwei eins... und es ist erstmals "nur" Dezember und nicht Weihnachten oder Adventszeit. Es lebt sich fast wie verkatert, mit Erinnerungen und Bilderfetzen, mit Stimmung im Kopf, nun in einer Umgebung, die all das nicht mehr beinhaltet. Ich stehe morgens auf und meine Wohnung ist still.
Meine große Verwandtschaft mit all den Partnern und Kindern gleichzeitig werde ich eine Weile nicht mehr in dieser Dichte sehen. Der Familienlärm von ernsten Gesprächen, alkoholisiertem Gelächter, lauten Kindern, diskutierenden Onkels und angenehm flachen Witzen, ist weg. Meine Küche ist still und der Boden unter meinen Füßen fühlt sich kalt an, als ich mir Milch in meinen schwarzen Tee schütte, einen Löffel Zucker hinzufüge und umrühre.


Festtage und Familientreffen mag ich gerne und erstmals feierte ich Weihnachten sogarr mit mehr als nur einer Familie. Das davor ist für mich jedoch zumeist mit Stress konnotiert. Nicht bloß die Vorbereitungen - sollte man der Gastgeber sein - sondern ein gewisser Druck, alles müsse klappen und Uneinigkeiten, wie etwas am besten gelöst werden sollte, bringt uns oft dazu, ein wenig elektrisch aneinander zu geraten. Dieses Jahr blieb das aus und der Heiligabend ging friedlich und mit viel Spaß zugleich vorüber. Am nächsten Morgen ging ich seit langer Zeit mal wieder laufen, weil es die Feldwege und Ländlichkeit bei meinen Eltern nicht nur anbieten, sondern geradezu fordern. Im Regen lief ich mit meinem Vater, diskutierte dabei über Zukunft und wir besuchten Gräber derer, die das Privileg der Zukunft nicht mehr inne haben.

Ende Dezember spalten sich die Menschen in zwei Kategorien: Jene, die sich Vorsätze für das neue Jahr machen und jene, die das lächerlich finden. Ich bin niemand aus letzterer Möglichkeit. Sofern man sich seine Vorsätze gut überlegt und mit wirklichem Willen setzt, halte ich den Jahreswechsel für eine gute Gelegenheit. "Man braucht kein Silvester, um sich Ziele zu setzen!", schimpfen da die Einen. Gegebenenfalls die Gleichen, die Weihnachten kritisieren, weil es nicht dieser Tage bedarf, um Familie und Glück zu zelebrieren (oder zu spielen?) und dabei auch noch die kapitalistische Konsummühle anzukurbeln, keinen Valentinstag, um seine Liebsten zu beschenken. Das weiß aber jeder, finde ich. Und ja, es bedarf auch keinen Dezember, um darüber nachzudenken, wie das letzte Jahr verlief - man könnte auch im Mai darüber grübeln wie die letzten 12 Monate verlaufen sind, oder überhaupt, wieso sind 12 Monate so wichtig? - Aber diese Endlichkeit des Jahres beschert einem den praktischen Umstand einer Messbarkeit. Eines Anfangs und Endes. Zumal ich es für mich sinnvoller finde, Ziele und nicht bloß Wünsche zu haben. Als aktives Subjekt und nicht in der Hoffnung meiner Umstände und passiver Spielball meines Umfeldes.

Ich habe Vorsätze, habe Ziele, habe bisher auch noch übermäßig Motivation. Denn es ist wie nahezu immer, wenn ich meine Gegenwart betrachte: Ich bin unzufrieden. Nicht in einem undankbaren Sinne. Ich habe so viel, darf so viel, tue auch nicht wenig. Aber im Hinblick darauf wie es sein könnte. was ich hätte schaffen können, was mich eigentlich glücklicher gemacht hätte, stimmt es mich nicht zufrieden und ich trabe in einem unbefriedigten Stummsein aus dem Dezember. Ich schaffe an dieser Stelle keinen klassischen Jahresrückblick. Ich habe eine Abneigung gegenüber der Formulierung, etwas "revue passieren zu lassen" und werde weder ein Best-of resümieren, noch von meinen Höhen und Tiefen berichten.

In den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel habe ich mich unter anderem durch meine Notizbücher durchgearbeitet, die ich seit 2009 eher unregelmäßig führe. Ich fand darin so viel Nonsense, so vieles, was ich mittlerweile anders sehe, mich fast schäme so gedacht zu haben. Und doch sind es Momentaufnahmen, die interessant zu sehen sind und plötzlich kann ich mit viel mehr Distanz meine Entwicklung in jeder Hinsicht beobachten. Der Januar kommt u.a. mit Prioritäten, die ich mir hinsichtlich des Schreibens gesetzt habe. Opportunitätskosten. Ich werde Dinge vernachlässigen, anderen mehr Zeit und Mühe widmen und versuchen, weniger zu zweifeln. Das Zögern und das Nichtvollenden zeichnet mich oft aus, ist der Ausdruck und die Quelle des Lächelns, das nicht zu kommen scheint. Als würde ich bereit Mehl, Eier, Zucker und Butter in eine Rührschüssel geben, dann jedoch seufzen, anfangen zu weinen und die Küche für immer verlassen.  

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