Ekel, Neid & Leidgefälle - Wieso das Dschungelcamp fasziniert

Ich habe ein Jahr gewartet und es kurz vorher dennoch schon fast wieder vergessen, hätten mich die grünen Banner, die sozialen Medien und d...


Ich habe ein Jahr gewartet und es kurz vorher dennoch schon fast wieder vergessen, hätten mich die grünen Banner, die sozialen Medien und die Werbung nicht daran erinnert: Das Dschungel Camp 2016 beginnt. Tatsächlich gucke ich es, tatsächlich mag ich es. Wieso fasziniert die Sendung so viele Menschen in Deutschland und in all den anderen Ländern, in denen "I'm a Celebrity, get me out of here" ausgestrahlt wird? Wir amüsieren uns über gescheiterte Prominente und ihrer Qual. Sind wir schlechte Menschen?


Personenidentifikation von links nach rechts: Gunter Gabriel (deutscher Schlager- und Countrysänger), Jenny Elvers (Moderatorin und Schauspielerin oderso), Friedrich Nietzsche (Deutscher Philologe und Philosoph), Nathalie Volk (ehemalige Germany's Next Topmodel Teilnehmerin)




Die Intelligenz von Zuschauer und Macher

Die Frage, wieso das "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" so beliebt ist, wird oft mit einer generellen Verdummung des Fernsehens und auch ihrer Zuschauer abgetan. Die Intention meiner Frage geht jedoch vorbei an all denen, die ohnehin immer RTL gucken, die sich dessen nicht schämen und für die das alles normal ist. Ich frage nach dem gesamten Publikum, welches die hohe Einschaltquote formt, die weit über den Standard Adressatenkreis hinaus geht. Es schalteten im Schnitt über 7 Millionen Menschen ein und Medienforschern zufolge hat rund ein Drittel dieser mindestens Abitur. - Auch wenn ich Abitur nicht unbedingt als ein Intelligenzkriterium ansehe, zeigt es doch, dass Bildung zugrunde liegt, kein verpöntes "Unterschichtenfernsehen" wie man manchmal liest.
Das zeigt auch meine Erfahrung. Bekannte, die sich teilweise viel mit Politik und eben auch Kultur beschäftigen, in ihren kleinen Teilbereichen vielleicht auch höchst seriös auftreten und sich mit Ästhetik auf einem wissenschaftlichen Niveau beschäftigen und auch ich und einige meiner besten Freunde, schauen gerne das Dschungelcamp. Ein "guilty pleasure" könnte man sagen, also etwas, was man mag, obwohl es dem eigenen Geschmack und Anspruch eigentlich nicht entspricht und mehr in eine Trash Richtung geht. Kokettieren wir damit vielleicht sogar?

Ob wir nun intelligent sind, uns die Sendung anzusehen ist schwer zu beantworten. Die Produzenten sind allerdings eindeutig die Gewinner der Partie. Ihnen gelingt eine Komposition aus all den Aspekten der Zuschauergewinnung und bedienen die Nachfrage.
Die Show wird nicht von den klugen Dialogen der Campbewohner, nicht von Überraschung, von Komplexität oder Intelligenz getragen. "Alles nur Schwachköpfe, ich tue mir das sicher nicht an!", höre ich und stimme nur halb zu. Denn selbst wenn die inhaltlichen Auseinandersetzungen innerhalb des Camps nicht überzeugen und man nicht immer die hellsten Birnen im Leuchter zu sehen bekommt, ist die Umsetzung schlichtweg gut gemacht. Das ganze Drumherum ist klug inszeniert, die Musikauswahl wird weit vor Beginn der Staffeln getroffen, die Dramaturgie wird durch Schnitt und Technik überzogen oder künstlich hervorgerufen. Allen voran die Moderation. Sie zeigt sich in einer durchschauenden Haltung, die nicht bloß meterhoch über den Teilnehmern auf einem Baumhaus und auf Hängebrücken zynische Kommentare abgibt, sondern sich auch in einer höchst sarkastischen Metaebene über den Begebenheiten aufhält. Man macht sich lustig, man ist gemein, man ist mit dem Zuschauer: Wir sind nicht so wie die da unten.


Personendynamik & Voyeurismus

Wie auch Sonja Zietlow und Daniel Hardwich fühlen auch wir uns überlegen. Wir sind in Sicherheit, wir sehen die Lächerlichkeiten. Psychologisch gesehen ist das Dschungelcamp für uns als Beobachter  eigentlich ein Traum. Man sieht die Entwicklungen einzelner Teilnehmer und die Dynamik des ganzen Camps. Man kann beobachten, was konkret zu angespannter Stimmung führt, lernt die Menschen einzuschätzen und verfolgt, wie sich Beziehungen entwickeln, ob und wie es zu Eskalationen führt. Menschliche Dramatik, isoliert, in Ausnahmezustand und das alles noch verfilmt. Als könnten wir endlich das Rütteln am Käfig des Affens, der doch endlich was machen soll, nun umsetzen, indem wir Menschen in Dschungelprüfungen wählen und dabei zuschauen, wie die Teilnehmer tanzen.
Wir sehen die Stars ungeschminkt, weinend, sich waschend, zum Klo gehend, nackt. In all den Privatsituationen, in denen wir nie gesehen werden möchten. Der Reiz des Verborgenen. Solche Situationen, in denen sich uns selbst die engsten Freunde entziehen, im Genuss einer Privatsphäre. Diese geheimen - wenn auch nicht zwangsläufig spannenden - Momente und Situationen bekommen wir nun geschenkt.


Unterforderung, Gemeinschaft, Madensuppe & Känguru Anus

Die "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" erhebt gar nicht erst den Anspruch, intelligenten Content zu liefern. Sie bietet reality Fernsehen - sofern man das noch so nennen kann. Zickerei, Ekel, Streit kann unterhalten. Der Zuschauer setzt sich vor den Fernseher oder den Laptop und will sich  bewusst unterfordern. Er kann sich berauschen lassen, ohne sich anzustrengen, kann abschalten und ablästern zugleich. Und selbst wenn man nicht mit Freunden und Familie auf dem Sofa sitzt und gemeinsam RTL schaut, bekommt man es auch als allein Sehender mit, wer in der Facebook timeline vielleicht auch gerade schaut, auch gerade bei etwas gefällt mir drückt, was die Sendung aufgreift oder eine ähnliche Meinung zu ähnlichen Kandidaten hat. Der Twitter Hashtag "#ibes" (für "Ich bin ein Star") explodiert täglich. Twitterer positionieren sich, greifen falsches Verhalten auf oder amüsieren sich, wofür sie Zustimmung bekommen. Das schafft psychologisch das Gefühl eines Gemeinschaftserlebnisses, das uns sozial befördert und den Spaßfaktor erhöht. Gar nicht so unähnlich wie bei einer Fußball Weltmeisterschaft.
Und da wäre noch ein wichtiger Bestandteil: Der Ekel. Er ist nicht bloß ein existentialistisches Werk und gilt wissenschaftlich als Affekt, sondern auch als tiefliegender Instinkt, der immer greift. Selbst wenn man sich eigentlich distanziert und noch eben darüber herzog, wie gespielt alles nach Skript laufe, so ist unsere Reaktion eines plötzlich verzerrten Gesichtes und angeekelter Laute echt. Es liegt in unserer Natur sich vor Dingen zu ekeln und in unserer Sozialisation, dass darunter eben Insekten, Schleim, Fäkalien und Genitalien fallen, wenn sie auf unserem Teller liegen. Die wohl primitivste, aber auch simpelste Weise, eine Reaktion in uns zu wecken.

Schadenfreude & Leidgefälle: Wir wollen Gerechtigkeit und sind bösartig

Erfreue ich mich am Leid bestimmter Promis, weil ich diese für dumm halte und nicht mag? Sind wir  wirklich so selbstgefällig? Sagen wir: "Haha, du hast kein Geld, haha, du hast das nötig, haha du sagst so doofe Sachen und haha friss doch die Würmer?" Sind wir so böse? Oftmals sind es die Stars, die ohnehin sehr unbeliebt sind und polarisieren, die nach und nach jedes Mal erneut in eine Dschungelprüfung gewählt werden. Der Zuschauer bekommt ein Gefühl von Macht, indem er sich in der Möglichkeit wieder findet, zu bestimmen, wer es tun soll, vielleicht auch wer es verdient hat.

Was wir nie zugeben würden: Ein bestimmender Faktor ist Neid. Wieso neidisch sein, auf diese Stars? Im einfachsten Sinne vielleicht, weil sie Aufmerksamkeit bekommen und wir unzufrieden sind. An dem Punkt kommt die Schadenfreude ins Spiel, als Freude am Unglück anderer. Schon Nietzsche war der Auffassung, Schadenfreude sei eine unvermeidliche Empfindung in einer Gesellschaft. In sozialen Gruppierungen seien wir dazu konditioniert, uns zu messen und unseren Status im Vergleich zu anderen zu sehen. Sehen wir nun eine Person, die einen "Prominenz"-Status und einen entsprechenden Lebensstil hat oder hatte, obwohl wir der Auffassung sind, sie habe wenig dafür geleistet (im Vergleich zu uns und unserer Arbeit), diese Person sei oder verhalte sich dumm (im Vergleich zu uns und unserem Intellekt) verspüren wir unbewusst eine Ungerechtigkeit. Schauen wir nun dabei zu, wie diese Person pürierte Kakerlaken trinken muss, sehen wir dabei etwas wie eine Strafe. Der unverdiente Vorteil wird durch Leid ausgeglichen - wir empfinden Schadenfreude, denn die Gerechtigkeit wurde in unserem Unterbewusstsein wieder hergestellt. Moralisch falsch kann man auch das finden, jedoch hat es einen tugendhaften Kern des Wunsches nach einer ausgleichenden Fairness in unserer sozialen Gruppe.
Gleichzeitig entheben wir uns selbst von einem tieferen Mitleid und Verantwortungsgefühl der Kandidaten, sodass es uns nicht weh tut, die Sendung zu sehen. "Selbst schuld", sagt man dann, "hättest da ja nicht hingehen müssen." Das Gegenteil ist sogar der Fall: Wir fühlen uns besser, wenn wir sehen, dass es jemanden schlechter geht. Egal wie schlecht unser Tag bei der Arbeit oder in der Uni war, wenigstens sind wir nicht dort.


Es ist die Mischung.

Neid wird umgewandelt in Schadenfreude, Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit, Unglück in Freude. Es ist seicht, ist sarkastisch, manchmal sehr platt und albern und genau deswegen müssen wir vermutlich auch manchmal lachen. Ganz viel Ekel, ganz viel Elend aber dennoch zieht es uns an. Roger Willemsen sagte dazu mal, es sei eine Art "Konträr-Faszination", welche die Menge reizt. Und es reizt scheinbar noch immer.




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