Hoffen und Enttäuschung (Winter 15/16)

Das letzte Jahr ist längst vorbei. Wir winken ab, denken an "damals" und meinen damit 2015. Kaum haben wir uns vom Jah...




Das letzte Jahr ist längst vorbei. Wir winken ab, denken an "damals" und meinen damit 2015. Kaum haben wir uns vom Jahr der Ziege verabschiedet, recken wir unsere Hälse nach dem Frühling, der den wechselhaften Winter ablöst.

Über mir wohnt ein Baby. Unter anderem, glaube ich. Manchmal höre ich es weinen und manchmal – und das ist es, was meine Aufmerksamkeit gewonnen hat – höre ich Musik. Selbst gezupfte Saiten, die nicht selten zu Imagine werden. Entweder, das Baby hat musikalische Eltern, oder über mir wohnt ein neuer Mozart. Erneut kommt die Hoffnung auf, es sei letzteres. Das Baby, das sich spontan die Wohnung gemietet hat, das ich vielleicht mal zufällig am Briefkasten oder im Treppenhaus treffe und grüße, das mir freundlich und wie selbstverständlich ein Paket bringt, welches es für mich entgegen genommen hat.

Henriette Reker ist parteilos und Oberbürgermeisterin von Köln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie auf einem Wochenmarkt bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer verletzt. Ein politisch motiviertes Attentat mit rechtsextremen Hintergrund, habe ich gelesen. Nur weniger Monate danach gibt es den gefühlen Super Gau: Die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht.
Silvester in Köln war keine Debatte. Silvester in Köln ist eine Masse von Debatten und Scheindebatten. Es gibt Bewegungen, die schon wissen, was sie fordern, worauf sie sich beziehen, wie sie aufgeladen sind und die – ein Stück weit – warten. Darauf, dass es einen medialen Knall gibt, den sie als Ursache für das Streitthema bezeichnen, das sie längst davor bereit gestellt hatten. Dazu gehörten in dem Fall betont oft Flüchtlingskritik und Sexismusdebatten. Beides hat ihre Legitimation, auch in dem Kontext. Aber nur an dem richtigen Platz.
"Eine Armlänge Abstand", antwortet Reker. Man ist empört, man macht Witze, man droht. Dass es eine Antwort ist, interessiert keinen mehr, denn müsse eine Frage ja auch ausgesprochen sein.
Feministinnen werfen Reker vor, sie mache die Opfer zu Schuldigen. Ein Zusammenhang, der zu 'Asking for it' gehört. "Sie will das doch", sagen Täter und deuten auf kurze Röcke hin, "selbst Schuld", sagen sie und erinnern an die Gläser, in die das Opfer zu tief schaute. Dass ich mir es auch noch anders überlegen darf, ob ich Sex habe, wenn ich bereits nackt unter einem Mann liege, scheint da keine Bedeutung zu haben. Die Armlänge Abstand ist jedoch nicht der Hinweis, Frauen sollten aufhören, das zu tun, was sie wollen und weiterhin das Recht zu haben, unbeschadet zu sein. Die Armlänge Abstand ist eine Antwort. Eine Antwort auf die Frage, wie man in Vorsichtsmaßnahmen handeln kann. Eine (absichtliche?) Verwechslung einer systematischen Rechtfertigung des Täterhandelns mit der Empfehlung einer Präventionshandlung der potentiellen Opfer war der darauf folgende Shitstorm.

Am Laurentiusplatz in Wuppertal steht ein Stadtkehrer mit leuchtender Warnweste an dem offenen Bücherschrank. Mit Ruhe und Kehrblech steht er still und schaut hinab. In seine Hand, schaut er, in ein geöffnetes Buch, das er liest.

David Bowie ging. Alan Rickman ging. Umberto Eco ging. Peter Lustig ging. Auch als bereits andere Berühmtheiten starben, beobachte ich, wie andere trauerten, Tribut zollten oder verletzt schienen. Nie jedoch empfand ich das in einer tieferen Betroffenheit mit. Es ist ein andere Phänomen des Sterbens, ein öffentliches, ein dennoch individuelles. Man trauert um die Wirksamkeit, das Wirken, das repräsentative Zeichen, das erlischt. Es ist nicht das Sterben der Großeltern, das einen erschüttern lässt und in einem einsamen Gefühl hinterlässt. Es ist auch nicht das alltägliche Sterben von Unschuldigen in der Welt, das so fremd, so weit ist. Es ist die Beziehung, die man selbst gesetzt hat, die unterbrochen wird, ein Lichtstrahl eines Sterns, der weiter scheint, obwohl er nicht mehr existiert. Immer ist es jedoch das, was hätte noch können, was mich betrifft. Alles Geschehene lebt weiter, das noch nicht Geschehene stirbt mit. Die Zukunftsbiografie, die Negierung des Geschafften, das Potenzial. All das und all das, was Person und Persönlichkeit ausmachte, das ist plötzlich weg. An anderen Orten, nicht mehr fassbar, höchstens denkbar. Roger Willemsen starb und damit ein Stück Hoffnung für mich. Tatsächlich hatte ich nicht damit gerechnet, wie mich das treffen würde. Glaube auch kaum, schon genau zu wissen, wieso das der Fall ist. Nie habe ich einen Publizisten, Schriftsteller und Menschen mit seiner Weitsicht, seinem Engagement und seinem angenehm authentischen Humor so verehrt. Mein wohl einziges tatsächliches Vorbild ist gegangen.

Am Rosenmontag ist es still. Köln feiert und lacht über Düsseldorf, die ihren Rosenmontagszug – absurderweise - in die Fastenzeit verlegt und die Sicherheitsmaßnahmen – vielleicht vernünftigerweise - vor die Freude gestellt haben.

Hinter mir laufen ein junges Mädchen und ihre Großmutter mit Tüten in den Händen durch die Einkaufspassage. "Was macht man da?", fragt das Kind und deutet auf all die großen Herzen an den Fensterscheiben. Es kennt den Valentinstag nicht.
"Da schenken die Männer den Frauen etwas und die Frauen den Männern."
"Schenkt Papa mir dann was?", fragt es.
"Ich glaube eher nicht", zögert die Großmutter suchend nach einer Erklärung.
"Schenkt dann...", versucht es das Kind erneut, "Mama mir was?"
"Ich glaube, auch das nicht...", antwortet die Großmutter.
Das Kind bleibt stehen und bringt laut seine Empörung hervor: "Aber ich werde doch auch eine Frau!"

Das Tagebuch der Anne Frank kommt nicht bloß in die Kinos, sondern steht wieder in den Regalen der Bestseller. Die Verkäufe von Thilo Sarazzins "Deutschland schafft sich ab" sind wieder gestiegen. Ein Buch, in dem nicht bloß Integration kritisiert, sondern eines, in dem geschrieben steht, dass sich Juden und Muslime genetisch unterscheiden.

Da macht man einmal Mittagsschlaf und wacht in einer physikalischen Euphorie wieder auf.
Gravitationswellen. Ein Sturm der Begeisterung in der Wissenschaft. Einsteins letzte  Bestätigung. Vierdimensionale Raumzeit, deren Form die Lichtwege bestimmt. Masse gerade, Masse krum. Innerhalb der Theorie ist die Wellenlösung eine übliche Lösung. Schien bisher aber sehr schwer nachvollziehbar zu sein.
"Kannst du mir zufällig in weniger als zehn Sätzen erklären, was es sich mit der Heisenbergschen Unschärferelation auf sich hat?"
"Ich in zehn Sätzen leider nicht."

Die Oscar Verleihung - Leos große Show und das schwarze Leiden.
Der hochgelobte Film The Revenant überzeugt durch gute Cinematographie, aber auch durch den Schmerzausdruck. Ein bisschen wie bei Leo, will man witzeln. Die ganze Preisverleihung wurde längst zu einem Insider. Alle Augenpaare sind auf Leonardo Di Caprio gerichtet. Bekommt er ihn endlich, bekommt er ihn nicht? Das Internet explodiert.
Alle 10 schwarzen Frauen, die für den Oscar der "Best Actress" nominiert waren, spielten Rollen in Armut, 9 davon spielten Frauen, die obdachlos waren oder kurz davor standen. Die 20 männlichen schwarzen Schauspieler, die für "Best Actor" nominiert waren, spielten in 13 Fällen einen Gefängnisinsassen, in 15 Fällen gewalttätige Rollen. - Der goldene Preis ist weiß. Will Smith erscheint mit seiner Familie nicht. Sie beteiligten sich am Boykott der Oscar Verleihung, um ihr Unverständnis und ihre Kritik mit der Nominierungsauswahl der Academy Ausdruck zu verleihen. Diskriminierung gegen die Dunkelhäutigen, sagen Stimmen. Diskriminierung gegen die Weißen, kommt als Antwort.

Manchmal ertappe ich mich dabei, zu denken, es kann so Leute gar nicht geben. Solche Leute, die wirklich in dem Maßen ausländerfeindlich denken. Die wirklich finden, es gäbe keinen Sexismus mehr und Homophobie sei bis zu einem bestimmten Grad in Ordnung. Ich rede mit so vielen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, denen Feminismus kein Fremdwort und Xenophobie keine Unbekannte zu sein scheint. Mit Menschen, die es als ironischen Witz verstehen, wenn jemand "Männer! Kennste einen, kennste alle!", sagt.
Dann jedoch sehe ich ins Internet, finde mich dann und wann mal außerhalb meines Freundeskreises wieder und sitze plötzlich an Tischen, an denen darüber geredet wird, ob Homosexualität vererbbar ist, sehe Videos, die zeigen, wie man sich mit dem Volk identifiziert.
Von meiner Aristoteles Lektüre bin ich geprägt. Das vollkommene, das gelungene Leben, nach dem gestrebt wird, ist eines, das sich selbst ausfüllt und erfüllt. Das Messer ist dann gut, wenn es gut schneidet, weil das sein Zweck ist, das seine Arbeit ist, das die Eigenschaft ist, die es ausmacht. Der Mensch ist dann gut, wenn er Mensch ist. Als solcher unterscheidet er sich von den anderen Lebewesen durch seine Vernunft. Das vernünftige Handeln ist das, was menschlich ist, was den Menschen ausmacht und in einer Perfektion erfüllt. Lass uns nicht Volk sein, sondern Mensch, will man sagen. Was, wenn wir aufhören, das Wir gegen die Anderen abzuwägen und stattdessen die Anderen im Wir enthalten zu sehen? Welche Folgen hätte das?

"Ich kann doch nicht eine Obergrenze für Deutschland von X festsetzen, dann mit der Türkei sprechen, während 70.000 Menschen zwischen Aleppo und der türkischen Grenze auf dem Weg sind und die Türkei auffordern, diese Menschen ins Land zu lassen, weil wir die Bilder nicht sehen können."
"Meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit", sagt Merkel. Und Merkel spricht von einem humanitären Imperativ. Geprägt wiederum von Kant bin ich größter Verfechter davon, dass mit dem Menschsein (oder 'Person') Menschenrechte und auch Menschenpflichten inbegriffen sind. Wir haben nicht nur das Recht, unbeschadet zu sein, wir tragen auch Verantwortung. Wir können nicht bloß sein und wollen, wir müssen auch streben und tun.





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