Maasregelungen: Verbot sexistischer Werbung sinnvoll – oder bloß Symptombekämpfung?

Der Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verkündet im Gespräch mit dem „Spiegel“, er wolle geschlechterdiskriminierende Werbung in Deut...



Der Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verkündet im Gespräch mit dem „Spiegel“, er wolle geschlechterdiskriminierende Werbung in Deutschland unterbinden. Man arbeite gerade an einem Entwurf – dafür erntet er viel Häme. Warum eigentlich?

Eine New Yorker Agentur prangert mit ihrer Aktion #WomenNotObjects sexistische Werbung an. (Quelle: Youtube)




Ein modernes Geschlechterbild etablieren?


Maas setzt mit diesem Projekt einen Beschluss der SPD-Parteispitze durch, ein „modernes Geschlechterbild“ etablieren und dadurch mehr „Respekt im Alltag“ generieren zu wollen. Im Januar verabschiedete die SPD auf der Bundesvorstandsklausur einen Beschluss, in dem auch die Forderung eines Verbots sexistischer Werbung enthalten ist und läutet damit das „Jahr der Frauen“ ein. Eine Diskussion über das „Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft“.


Feminismus ist wieder in


Sexismus ist wieder Thema, weniger wegen Aktionen und Debatten wie #Aufschrei, in der sich die lautesten Stimmen dazu äußerten, man solle sich nicht so anstellen, mehr jedoch nach sexuellen Übergriffen an Silvester in Köln und in Schwimmbädern. Der Gesetzentwurf sei allerdings schon vor den Geschehnissen an Silvester erarbeitet worden, heißt es von den Sozialdemokraten. Die SPD sieht Diskussionsbedarf im Hinblick auf Wahrnehmung und Umgang der Geschlechter miteinander. Sexuelle Gewalt gebe es nicht nur von Flüchtlingen und Ausländern, sondern „in allen Teilen unserer Gesellschaft und unter Deutschen“.

Doch fast symbolisch radikal auf die Spitze gebracht wurde mit der Silvesternacht in Köln eine neue Debatte um Sexismus entfacht. Was für ein Frauenbild haben andere Kulturen, wenn sie Frauen als verfügbares Freiwild wahrnehmen? Welches Frauenbild müssen wir nun verteidigen? Funkhaus Europa veröffentlichte einige Zeit später ein Bild. „TV-Tipp für Flüchtlinge: RTL klärt in der Sendung ,Der Bachelor’ täglich über das Frauenbild in Deutschland auf“, war da zu lesen.

Feminismus ist in. „Pink Painting statt Green Washing“ lese ich in einem Artikel. Nichtsdestotrotz auch notwendig. Dass es  teilweise Rechtfertigung erfordert, sich als Feminist oder Feministin zu sehen - ergo als jemand, der für Gleichberechtigung ist - ist traurig.

Der Vorlage von Maas nach soll es in Zukunft möglich sein, Werbung als unzulässig zu bewerten, in denen Menschen auf ein Sexualobjekt reduziert werden, woraufhin im Streitfall ein Gericht entscheiden soll. In Deutschland ist es der Wettbewerbszentrale nur bei massiv menschenverachtender Werbung möglich, einzuschreiten. Der Deutsche Werberat kann Anzeigen und Werbespots rügen.







Die aktuelle Werbekampagne von SAt1 HD TV



„An Spießigkeit kaum zu überbieten!“


„Maas will Sex-Werbung verbieten!“, schreibt die „Bild“-Zeitung in großen Lettern. Was folgt, ist Empörung. Von Seiten der Union und aus der Gesellschaft. Der Kritiker sei ein Spießer, überempfindlich, ein Überkorrekter, auf der Suche nach Problemen, nicht den Humor und die Schönheit einer Frau würdigend. Bald dürfe man ja nix mehr - Verbotskultur!
„Heiko Maas geht den nächsten Schritt zum Nannystaat, der den Bürgern nichts zutraut und Verbraucher für unmündig hält“, kritisiert Christian Lindner, Vorsitzender der FDP, scharf. „Seine Pläne zum Verbot von Nacktheit und sexualisierter Werbung sind an Spießigkeit kaum zu überbieten. Die Verhüllung von Frauen zur Bändigung von Männern zu fordern, das kannte man von radikalen islamischen Religionsführern, aber nicht vom deutschen Justizminister“, wettert er weiter.
Hoppala, denke ich da. Entweder Lindner hat nicht richtig gelesen oder aber nur die „Bild“-Schlagzeile. Denn Maas hat gar nicht gefordert, dass irgendeine Frau sich „verhüllen“ möge. Aber Lindner ist mit seiner Verwirrung nicht allein. Bei „Welt Online“ sieht man Maas' Pläne schon als „weitere Geste der kulturellen Unterwerfung“, „so als hätten die nackten Ärsche aus der Astra-Bierwerbung bisher das Abendland zusammengehalten.“, schreibt Margarete Stokowski in ihrer Kolumne für „Spiegel Online“.

Sexy ist keine Diskriminierung


Die Auseinandersetzung wird übersprungen, weil etwas Wichtiges überlesen wird. Nicht sexy Werbung, nicht Werbung mit dem Motiv von Sex, nicht Nacktheit per se soll verboten werden, sondern solche, die sexistisch ist.
Ist man bereits dann spießig, wenn man gegen Diskriminierung ist? Sexistisch ist jedoch nicht auch bloß ,irgendwas mit Sex', sondern geht weiter, hat nicht zwangsläufig mit Erotik zu tun, sondern ist die auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung. Die Reduzierung eines Geschlechts. So ist eine Werbung bereits dann in einen sexistischen Bereich einzuordnen, wenn gesagt wird, die Frau gehöre bloß in die Küche und nicht erst, wenn sie dort nur mit Netzstrümpfen bekleidet einen Löffel ableckt, um Werbung für eine neue Edelstahl-Besteck-Kollektion zu machen.  Wenn der Einsatz gegen Rollenbilder und die Degradierung eines Geschlechts eine Spießigkeit ausdrückt, dann möchte ich in einem Land leben, in dem sich jeder stolz als Spießer bezeichnet.  

Nackte Frauenkörper sieht man inzwischen überall. Als erotische Wesen, die ein Auto putzen, als Hintergrund eines neuen Produktes, das nicht zu viel von den nackten Brüsten, aber gerade noch genug erkennen lässt, um in Kombination mit einem willigen Blick zu sagen: Wir wollen dich. Eigentlich als Kunden und Käufer. Aber eigentlich will auch das Model dich.

„Mit der Figur brauch' ich kein Abitur!“, steht als Aufschrift über einem blonden Mädchen ohne Hose und wirbt damit für ein Fitnessstudio. „Oh man, wie dumm“, ist mein erster Gedanke, und mir ist die Welt ein bisschen peinlich. Ich kann durchaus auch manchmal darüber lachen. Mehr darüber, wie dämlich man sein muss, dass einen sowas anspricht. Oder darüber, wie flach ein Witz ist.


Wieso sexistische Werbung ein Problem ist


Was mir aber zu denken gibt, ist die Tatsache, wie selbstverständlich wir die Allgegenwart von sexualisierten Körpern annehmen. Nackte Frauen als Dekoration. Losgelöst vom Kontext, unabhängig von dem beworbenen Produkt. Lüsterne Blicke als Aufforderung zu kaufen. Überall.

Die Darstellung der wollüstig untergebenen nackten Frau als ein williges, verfügbares und rein sexuelles Wesen. Menschen in der Werbung haben immer in ihrer Rolle eine Funktion. Eine Schauspielerin, die eine Mutter, und ein Schauspieler, der einen Vater darstellt, ebenso. Auch eine leicht bekleidete Frau kann das sein, so ist Sexualität und Nacktheit als solches nicht zu kritisieren. Doch was mir zu denken gibt ist die Tatsache, wie selbstverständlich wir die Omnipräsenz von sexualisierter Werbung annehmen. Nackte Frauen als Dekoration, losgelöst vom Kontext und unabhängig von dem beworbenen Produkt. Die Objektivierung der Frau, die nicht länger Subjekt bleibt. Eine Werbung kann eine Frau selbstverständlich als Hausfrau und auch als Sex auslebende Frau zeigen, das darf und sollte sie auch – jedoch nicht als Äußerung eines Wertekonzepts oder als entmenschlichte Objektivierung.

Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft teilt mit, dass Werbung nichts mit ausgelebter Frauenfeindlichkeit wie jener in der Silvesternacht zu tun habe. Zudem wirke der Deutsche Werberat geschlechterdiskriminierender Werbung bereits erfolgreich entgegen.










Es ärgert. Auch weil es suggeriert, das Produkt bekomme nur dann Aufmerksamkeit. Braucht der potenzielle und meist männliche Kunde das? Das Zeitalter der Frau, die bloß in der Küche, zur Kindererziehung oder zum Sex zu gebrauchen ist, ist genauso vorbei wie das, in dem der Mann bloß dann ein Mann ist, wenn er mit einem Bier vor dem Fernseher sitzt und keinem weiblichen Dekolleté widerstehen kann.

Es ärgert. Weil Kinder nicht mit natürlicher Nacktheit und Sexualität, sondern mit pornöser Freizügigkeit und Erdbeeren lutschenden Frauen aufwachsen, die dadurch anregen wollen, gesund zu essen und mit eindeutig gewollten Blowjob-Assoziationen Burger in den Mund schieben.

Es ärgert auch, weil es die Werbeindustrie als eine unkreative kennzeichnet, obwohl sie das nicht unbedingt ist. Es gibt schneller Aufmerksamkeit, mehr Klicks. „Sex sells“, das weiß auch der „Stern“ und haut einfach zu jedem Thema ein bisschen Nacktheit drauf.






Die Sache mit dem Verbot


In Schweden ist vieles, was jetzt bei uns gefordert wird, bereits realisiert. „Werbung reflektiert Normen, Werte und die Kultur eines Landes, und da gibt es deutliche Differenzen zwischen Deutschland und Schweden“, sagt die deutsch-schwedische Journalistin Suzanne Forsström im Hinblick auf national unterschiedliche Darstellung von Werbespots zu dem gleichen beworbenen Produkt. Das liegt unter anderem an den strengeren Maßnahmen des schwedischen Werberates, aber auch daran, dass das Bewusstsein für sexistische Werbung und Geschlechterdiskriminierung in Schweden ein anderes sei und ensprechende Kampagnen publikumswirksamer gerügt würden.

Wir müssen darüber reden, dass Frauen nicht nur Objekte sind – darin war sich die Nation zu Beginn des Jahres schlagartig einig. Es ist jedoch ein strukturelles Problem, das gesamtgesellschaftlich verinnerlicht ist und sich zum Beispiel in der Werbung äußert, nicht bloß mit einer fremden Hand am weiblichen Hintern. Die sich stetig im Alltag wiederholenden Bilder der Erniedrigung der Frau durch sexuelle Unterwerfung oder anderweitig geschlechtsdiskriminierenden Bilder machen mich sauer. Unkreativ und dumm zum einen, geschmacklos und moralisch falsch zum anderen, finde ich. Ist der Vorstoß des Justizministers überfällig?

Es kommen pragmatische Fragen auf: Wie wird erkannt, was tatsächlich sexistisch ist? Wo wird die Grenze gezogen? Dann aber geht es um einen nicht unwichtigen Aspekt, für den die Grünen bereits nach ihrem Vorstoß zum Veggie-Day verlacht wurden: Das Verbot.

„Das ist als Vorhaben schon mal merkwürdig, weil man von einem Justizminister eigentlich erwartet, dass ihm die Freiheit der Bürger wichtiger ist als deren Bevormundung“, liest man. Sexistische Werbung als Sinnbild der Freiheit. Genau das ist das Problem.

Das Verbot. Auch das ärgert. Weil Maas aus guten Gründen etwas schützen und ändern will, aber damit die Reife und Urteilsfähigkeit Erwachsener unterläuft, weil er uns paternalistisch zum Guten bringen will, statt uns erkennen zu lassen. Das eigentliche Problem geht tiefer: Uns ist nicht mehr klar, welche Signale wir senden, wie wir auf Signale bereits eingehen, weil wir es schon längst als normal empfinden, was wir in anderen Kontexten und anderen Kulturen streng kritisieren.

Verbote machen es einfach. Verbote bremsen das Schlechte aus, um das Gute zu generieren. Sexismusfreie Werbung finde auch ich gut und bin damit auf Maas' Seite. Ich wünsche mir aber, dass wir diesen Vorstoß von Heiko Maas gar nicht brauchen würden. Dass es Werbung gibt, über die man einmal lachen und sie dann doof finden kann, aber dass einige Werbekampagnen versagen und zurückgerufen werden, weil klar wird, dass sie gesellschaftlich verpönt sind. Weil das ein Auslaufmodell der Werbung ist und nicht, weil der Staat es unterbindet. Symptombekämpfung ist das.

You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER