Wünsche

Als ich klein war, fand ich die Antworten doof, die meine Eltern mir gaben, wenn ich sie nach Wünschen für ihren Geburtstag oder ...




Als ich klein war, fand ich die Antworten doof, die meine Eltern mir gaben, wenn ich sie nach Wünschen für ihren Geburtstag oder Weihnachten fragte. "Gar nichts" oder "Eine brave Tochter!", sagten sie dann lachend und ich schnaubte. Wie konnte man sich gar nichts wünschen, wenn man doch endlich die Gelegenheit bekam, etwas zu bekommen, was man schon immer unbedingt wollte? Ich glaube mir war als Kind schon klar, dass sich mein Papa nicht auch ein Einrad, meine Mama nicht unbedingt ein Tamagotchi wünschen würde, aber da hätte es doch bestimmt etwas gegeben? Ich schenkte jedes Mal. Manchmal nur gepflückte Blumen, ein selbstgemaltes Bild oder ein Gutschein für "1x Zimmer aufräumen" oder "1x Tisch decken".

Den Pfingstmontag hatte ich mir frei gehalten. Frei gehalten von all den Dingen, die ich zu erledigen habe. Ich bin ohnehin der eher gestresste Mensch, der immerzu produktiv sein und moralisch richtig handeln will, was mich genauso oft frustriert zurück lässt. Ich habe im Moment das Gefühl, dauernd hin und her zu fahren, mein Kopf ist immer voll und die To Do Liste der Dinge, an die ich unbedingt denken, die ich unbedingt schaffen muss wird wie von selbst länger.

Manchmal hat das Leben auch nette Überraschungen. An dem Montag saßen wir also in meiner Wohnung. Ich beendete noch schnell eine Aufgabe für die Uni und schob meine Liste weg. Wir saßen eine Weile auf meinem Bett rum und überlegten, wo wir spazieren gehen und etwas zu Mittag essen können, ehe wir am Abend einer Einladung zum Essen folgen würden. Doch endlich aufgerafft und in der Stadt angekommen überraschte uns der Marktplatz mit Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Fahrgeschäften. Eine kleine Pfingstkirmes. Wir schlendern, wir gucken und mein Freund gewinnt mir tatsächlich ein Dinosaurierplüschtier, das ich von da an stolz im Arm halte.
Wieder zuhause angekommen läuft nebenher der Fernseher mit Filmen, die wohl "für die ganze Familie" gedacht sind, denn sie sich eher kindischer und überzogene Komödien. Zur Ablenkung scrolle ich auf Instagram und entdecke durch Zufall und Geschriebenes meiner Kommilitonen: Meine Uni hat Pfingstferien. Ich habe eine Woche lang keine Seminare und Vorlesungen und hatte es vergessen. Man hat mir Zeit geschenkt. Zeit in Zeiten, in denen ich immer zu wenig davon habe. Ein schönes Geschenk.

In einem Monat habe ich Geburtstag und ich werde gefragt, was ich mir wünsche. Ich weiß ganz genau, was ich will und weiß, dass man mir nichts von alle dem einpacken und feierlich überreichen kann, also sage ich "Weiß nicht" oder gebe Hinweise zu Büchern oder anderen Dingen, die ich mir tatsächlich irgendwann selbst anschaffen würden.
Wünsche verändern sich. Sie werden überlegter und immaterieller. Ich denke inzwischen an anderes, wenn ich eine lose Wimper wegpuste und vermutlich auch, wenn ich vor meinem Geburtstagskuchen sitze. Wünsche besinnen sich von einer Liste vieler Spielsachen und technischen Geräten bis hin zu den Dingen, die der Mensch in Alter und Reflektion wirklich will: Gesundheit, Glück, Liebe.
Verständnis, Freunde, Familie, Sicherheit.
Selbstentfaltung und Freiheit.
Frieden, in der Welt und vor allem meist auch für sich.


















  



  
  

  





You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER