Deine 'Selbstliebe' ignoriert die Welt

Als ich 2013 mein Abitur machte, suchte ich nach einem Lied. Das Lied, ihr wisst schon. Das Lied, das abgespielt wurde, wenn man bei der Z...


Als ich 2013 mein Abitur machte, suchte ich nach einem Lied. Das Lied, ihr wisst schon. Das Lied, das abgespielt wurde, wenn man bei der Zeugnisverleihung aufgerufen wurde, aufstand und sein Zeugnis entgegennahm. Es sollte zu einem passen, ein Statement sein oder einfach nur ein Witz.

Lange war ich überzeugt, ich wollte Lily Allens "The Fear" nehmen. Ich mochte das Lied und fand die Lyrics sehr gut:

"I wanna be rich, and I want lots of  money / I don't care about clever, I don't care about funny / I want loads of clothes and fuckloads of diamonds / I heard people die while they're trying to find them" wird da zum Beispiel gesungen,

"And I am a weapon of massive consumption / And it's not my fault, it's how I'm programmed to function / I'll look at The Sun, and I'll look in The Mirror / I'm on the right track, yeah we're onto a winner."


Irgendwie fand ich es doch zu radikal und entschied mich stattdessen für "I hate you all".







Wir sind gerade in einer Welt, in der jeden einzelnen Tag Menschen getötet werden, Häuser brennen und die Zukunft von vielen Leben zerstört wird. Und wir wissen nicht so recht, was wir dagegen tun können. So tun, als wäre nichts, scheint doch eigentlich keine Alternative zu sein.

Zumindest auf Instagram - dem Vortäuscher des perfekten Lebens schlechthin - schleicht sich die erste Gegenbewegung der gefilterten Scheinwelt ein: Mit dem Hashtag #mehrrealitätaufinstagram soll etwas mehr Wirklichkeit in die virtuelle Parallelwelt gebracht werden.
Ich lese auf einem Blog einen Artikel darüber, dass die Bloggerin diese Bewegung nicht möchte. Denn Instagram sei ihr Fluchtort, an dem sie bewusst eine glitzernde Welt sehen will, die nichts mit den Bildern aus den Nachrichten zu tun hat, sie getäuscht werden will.

Dieser Gedanke hat mich sauer gemacht. Mich macht vieles sauer. All dieser Terror, sowie die Ignoranz. Auch die Machtlosigkeit, die ich ebenfalls spüre, aber genauso wie die hübschen Internet Gurus, die ihr Geld damit verdienen, dicken Mädchen zu zeigen, wie sie abnehmen und sich selbst wieder lieben können.

Dann bin ich einem Text begegnet, den ich irgendwie passend fand. Laurie Penny veröffentlichte vor kurzem einen Artikel namens "Life-Hacks of the Poor and Aimless - On negotiating the false idols of neoliberal self-care", den ich nicht gänzlich unterstütze, aber mindestens als Gedankenanstoß nutze.










Die Wohlfühllüge - Wellness als Ideologie


"Coca-Cola ermuntert uns dazu, "Glück zu wählen". Politiker nehmen sich Auszeiten, während die Demokratie in Schutt und Trümmern liegt. Lifestyle-Blogger behaupten vor Hunderttausenden Followern, dass Freiheit erreicht ist, wenn eine weiße Frau alleine Yoga am Strand macht. Ein solches Bild (siehe @selflovemantras auf Instagram) sagt uns: "Je inniger deine Selbstliebe ist, desto reicher bist du." Das ist ein charmantes Gefühl, aber Selbstliebe ist leider noch keine Währung, die Vermieter als Miete akzeptieren", schreibt Laurie Penny.

Die Journalistin schreibt über etwas, das sie selbst die Wohlfühllüge nennt. Sie schreibt von dem - insbesondere medialen - Druck, so produktiv wie möglich zu sein, sich ändern zu wollen, hin zu einem clean eating, zu einem work hard, play hard. Ein aggressives Mantra wird in der Werbung und auch sonst in allen Medien immer wieder wiederholt: Liebe dich selbst, schaue positiv in die Zukunft und verfolge dein Glück! Alles tatsächlich nicht schlecht und durchaus erstrebenswert.
Und während ich meine Smoothiebowl fotografiere und meinen Po runder trainiere, brennt der Planet. Wir wollen uns ändern, wollen hübscher, cooler, besser werden und versuchen die angsteinflößende Gegenwart und Zukunft zu verdrängen. Nizza und Ankara passen optisch nicht in mein Feed.

Penny fragt sich, ob diese Mentalität schaden kann und kommt zu dem selben Schluss, wie die Autoren, Carl Cederström und André Spicer, dass "versessene Rituale zur Selbstsorge auf Kosten des gemeinschaftlichen Engagements gehen. So wird jedes soziale Problem zu einer persönlichen Frage. "Wellness", sagen sie, "wurde zur Ideologie.""



Künstliche Selbstliebe als rettender Religionsersatz


"Für wen fühlen wir uns wohl?", fragt Penny in ihrem Essay und betrachtet die genannte Wellness-Ideologie als Begegnung auf den sozialen Wandel, in dem wir uns befinden. Diese unterschwellige Bewegung verbreitet den Gedanken, dass wir wohl etwas mit uns ändern müssen, wenn wir Probleme haben, "es gibt so gesehen keine strukturelle Ungleichheit. Individuen haben sich falsch angepasst, und das erfordert eine individuelle Antwort. Wenn du dich miserabel oder verärgert fühlst, weil dein Leben ein ständiger Kampf gegen Armut und Vorurteile ist, dann bist du das Problem. Die Gesellschaft ist nicht verrückt oder kaputt: Du bist es." Außerdem hindere sie uns an größere Reaktionen auf Ungerechtigkeit, Armut und die prekäre Situation der Arbeitswelt und Politik. Die Welt ist gut wie sie ist, du musst dich nur anpassen und dein Kopf muss frei und verändert werden, ist die Aussage dieser Art von Gesellschaft.

Die Orgie künstlicher Selbstliebe und der Wohlfühlexzesse ist ein Religionsersatz geworden. Finde ich schlimm, was in der Welt geschieht, mache ich eine Runde Yoga, damit ich mich wieder entspanne. Beruhigungsmittel und Glaubensritual gleichzeitig. Wenn ich nicht die Armut besiegen kann, dann zupfe ich mir wenigstens die Augenbrauen.




Die Komfortzone und Akzeptanz des Niedergangs


Cecilia von dem Blog und Youtubekanal Einhornhörner hat den Artikel auch gelesen und ein Video gemacht, das sich ebenso mit dem Thema beschäftigt und das ich euch - auch aus ästhetischen Gründen - ans Herz lege.
"Lange Zeit hatte man als Bürger eines Landes in Europa das Gefühl, niemand könne uns etwas anhaben. Wir lebten in einer Sicherheitsblase, die über all den Grausamkeiten dieser Welt schwebt und zuschaut, nicht fähig, Einfluss zu nehmen. Das ist einerseits tragisch, andererseits haben wir uns in der Komfortzone sehr wohl gefühlt. (...)
Die rosigen Zeiten sind nun vorbei, es ist Bewegung reingekommen. Die Welt dreiteilen zu wollen, funktioniert nicht mehr. Die Mauer zwischen erster und dritter Welt ist gefallen, die Blase geplatzt."




Die Aktivistin Chloe King schreibt in einem ihrer Essays:

"Deine Einstellung zu ändern, wird keine strukturelle Ungerechtigkeit oder ein gescheitertes, unnachhaltiges Wirtschaftssystem verändern, das nur den Eliten dieser Welt dient und den Rest ausbeutet, vor allem die Arbeiterklassen und Armen. Ich meine, dass positives Denken dein Leben ruinieren wird. 'Denk positiv' ist der Vorgänger von 'Wird schon', doch die bittere Realität ist: Es wird nur viel, viel schlimmer für unsere Schwächsten."

"Da ist etwas Wahres dran", schreibt Penny. Doch kenne sie genug junge Leute, die ihr Leben nicht im Griff haben, die sich aber einst an Studentenprotesten beteiligt haben und erfuhren, "wie es ist, ein ganz anderes Leben zu führen. Was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Zielen zu sein, wobei gegenseitige Unterstützung ganz oben stand. Was es bedeutet, eine kurze Verschnaufpause aus dem individuellen Streben zu erleben und ein alternatives Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die einsame Arbeit, sich um sich selbst zu kümmern, während man darauf wartet, dass sich die Welt verändert, ist dagegen ein schwacher Ersatz."





Die Ich-Peformance

Hallo ihr Instagram-Sternchen.
Ist es Selbstliebe, wenn ich mich erst mag, wenn ich abgenommen habe, aber zumindest akzeptiere, dass ich Dehnungsstreifen habe? Ist es Selbstliebe, wenn ich schreibe "Du bist perfekt wie du bist", aber die meisten meiner Mitmenschen und mich selbst so oft zum Kotzen finde?
Man sollte eine durchaus positive Bewegung - Selbstliebe und das Arbeiten an seiner eigenen Person - natürlich nicht als den falschen Weg als solchen abtun. Das ist er nicht. Eine künstliche Egozentrik  jedoch schon.

Die Verfilmung des Buches "Eat. Pray. Love." beginnt mit einem Voiceover von Julia Roberts, welche die Protagonistin darstellt. Es werden zuerst nacheinander kurze Sequenzen vom Meer, von Palmenwäldern und von Reisfeldern gezeigt, und sie spricht von ihrer Freundin Deborah, die als Psychologin überraschende Gespräche mit geflüchteten Kamodschanern geführt hatte. "So. Und hier stehe ich nun mit einem Medizinmann aus der neunten Generation", spricht die Stimme von Julia Roberts und leitet den Film schließlich ein, "Und was stelle ich ihm für fragen? Wie man Gott näher kommt? Wie man die hungerleidenden Kinder auf der Erde rettet? Fehlanzeige. Ich will mit ihm über meine Beziehung sprechen."

"Was ist die Alternative?", fragen wir uns und können uns tatsächlich nicht den ganzen Tag vor den Fernseher setzen und den Panzern beim Rollen zuschauen und helfen der elendigen Welt damit. Chancen, die im Raum unserer Möglichkeit sind, sollten wir manchmal jedoch auch einfach ergreifen oder uns zumindest nicht rausreden, wenn wir danach gefragt werden.

Hallo ihr Instagram-Sternchen. Ihr könnt so viel Einfluss haben. Wir alle sollten jeden Einfluss nutzen.

"Es ist unmöglich, sich zu entziehen und in einer Blase weiterleben zu wollen. Das ist Utopie, das ist realitätsfern. Es ist Zeit, umzudenken, falls das nicht schon längst geschehen ist.
Der Mensch stellt sich immer als so mächtig dar, aber wenn es darum geht, etwas zu ändern, sich aus seiner Komfortzone zu bewegen, dann ist plötzlich alles aussichtslos. Wieso stellen wir keine Fragen, wenn wir nichts verstehen?", schreibt Cecilia.

"No pain no gain", schreiben jedoch die Fitness Instagrammer und werden von einer Generation dafür geliebt, die zwar keine Kraft und Zeit hat, sich politisch zu engagieren, sehr wohl aber, um sich ein Sixpack anzutrainieren.




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3 x

  1. Verdammt, der Text ist einfach wahr. Ich fühle mich ertappt und weiß gerade nicht, was ich mit dem Gefühl anfangen soll. Ich werde überlegen und vielleicht komme ich dadurch etwas weiter. In diesem Sinne also "Dankeschön!"

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  2. Kann mich meiner Vorschreiberin nur anschließen. So viel Wahrheit und ich schließe mich da tatsächlich nicht aus. Es regt sehr zum Nachdenken an und gibt einen Anstoß zum Umdenken. Dank dir dafür!

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  3. danke für diesen ausführlichen text! besonders das verlinkte video 'komfortzone verlassen' bringt mich irgendwie zum nachdenken.

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