Haben wir die große Liebe verlernt?

Überfordert mit all den Möglichkeiten, unfähig für jede Beziehung? Gibt es die große Liebe überhaupt oder gibt es hunderte potenzieller Pa...

Überfordert mit all den Möglichkeiten, unfähig für jede Beziehung? Gibt es die große Liebe überhaupt oder gibt es hunderte potenzieller Partner? Lieben wir uns selbst zu sehr?
via cocofactory


Ist die Rede von der einen "großen Liebe des Lebens" sieht man unter jungen Menschen manchmal eher nur noch Schmunzeln. Na, ob es die tatsächlich gibt? Wir kennen die Scheidungsraten nur zu gut. Trennungen mittlerweile auch. Und hat es sich nicht in jeder Beziehung angefühlt, das sei es dieses Mal nun wirklich die/der Richtige? Und dann war es das nun einmal doch nicht. Naja.

Langzeitbeziehungen sind eine aussterbende Spezies. Sie sind Herausforderungen und manchmal eine Last, erst recht, wenn man sich eigentlich gar nicht festlegen möchte. Die Tendenz geht zu mehreren kürzeren Partnerschaften – den Lebensabschnittgefährten - mit unschönen Enden, die dann doch nichts waren. Es hat nicht sein sollen, sagt man. Es passte nicht. Ich find' es ohne Beziehung ohnehin besser. Wenn das der Fall ist, ist das in Ordnung. Wenn nicht, sollten wir anfangen, uns zu überdenken.


All you need is love

Als ich in der siebten Klasse war, schrieb ich einen Artikel für meine Schülerzeitung, der den Namen "Wieso eigentlich heiraten?" trug. Es war ein platter Meinungsbeitrag, der ein wenig auszubreiteten versuchte, dass ich - von religiösen Aspekten abgesehen - wieso ich Heiraten als unwichtig empfand: "Wenn man sich wirklich liebt und bis an sein Lebensende füreinander da sein möchte, dann braucht man das nicht schwören, man braucht keine Zeugen, kein Papier, keine große Feier. Dann braucht man auch eigentlich keine Hochzeit."
Ich finde es ganz wunderbar, wie ich das damals dachte. Dem Zitat stimme ich noch immer zu. Meine Meinung hat sich komplexer gestaltet, ich verstehe nun auch mehr Motivationen und bin selbst relativ sicher, heiraten zu wollen. Was ich in dem Artikel auch wieder finde ist mein Bild, was ich mir damals von der Liebe zeichnete. Die Liebe, die da ist oder nicht, die Partnerschaft, die immer schön ist oder beendet werden sollte. Die Einfachheit in meinem jungen kindlichen Bild. Ich dachte, dass eine Beziehung zwischen Liebenden auch immer schön sei, "denn sie lieben sich schließlich". Das mag sein. Doch kaum einer würde abstreiten, den Partner bereits einmal verflucht zu haben. Mir war das völlig fremd. Wieso sollte man? "Dann ist es wohl keine Liebe", hätte ich als Kind vielleicht gesagt.



Optimierung unseres Lebens

Der feste Partner ist nicht Ziel im Leben, er ist Teil des gelungenen Leben und teilt sich den Platz in der Aufzählung mit anderen angestrebten Umständen. Was will der junge Mensch von heute in seinem Leben insgesamt? Die Antwort liegt meist in Zielen wie Glück, Zufriedenheit oder in einer Aufzählung von Materiellem, einem guten Beruf, mit Sicherheit und Freiheit vielleicht Familie und einen festen Partner.

Wir wollen noch so viel sehen, so viel tun und erreichen. Habe ich da überhaupt Zeit für? Brauche ich das jetzt gerade? Bin ich überhaupt der Beziehungstyp? Will ich nicht erstmal meine  Jugend genießen?

Wir sind in der Selbstoptimierung. Wir sind der wichtigste Mensch in unserem Leben und das ist auch gut so. Wir müssen gucken, was wir möchten, wo wir hin und was wir erreichen möchten. Es hat viel Zeit in der Geschichte gebraucht, dass wir nun so viele Möglichkeiten haben, dass wir so selbstbestimmt wie noch nie agieren können, um an dem Leben zu arbeiten, das wir haben wollen. Das Ich und mein Leben, das hat Priorität. Das ist gesund und eine wichtige Weiterentwicklung in dem gesellschaftlichen Selbstverständnis. Ist es aber auch gut im Hinblick auf die Partnersuche und noch wichtiger: Das Halten einer Beziehung?



Der Nutzen einer Beziehung

Man sei gar nicht auf der Suche nach etwas Ernsten. Man sei auch nicht der Typ dafür. Wieso überhaupt? Das sind Sätze, hinter denen man sich unter Umständen auch gut verstecken kann. Niemand außer uns selbst bestimmt so sehr unser Leben und kann es Tag für Tag verändern. Wir sind kein Spielball unserer Umstände und sollten es nicht sein. Was auf der einen Seite – z.B. was Karriere angeht – für viele ein akzeptiertes Kämpfermantra ist, alles zu geben und nicht aufzuhören, ist in der Beziehung nicht mehr verbreitet, mag man meinen. Von nichts kommt nichts.

Wir haben hohe Erwartungen an unseren Partner, denn wir müssen viele Gemeinsamkeiten haben, die gleichen Vorstellungen haben, er sollte intelligent, gutaussehend, humorvoll, verständnisvoll sein und noch einige andere Prädikate vorweisen, von denen wir nicht wissen, ob wir sie eigentlich erfüllen. Ist unser Ideal der idealen Beziehung und des Partners nicht erfüllt, zweifeln wir und verwerfen vielleicht die Idee von beidem. War wohl nichts. Wie ein Produkt, das wir haben und doch wieder abgeben, wenn es uns nicht gefällt, behandeln wir das Menschlichste der Welt, einen Menschen selbst und eine Beziehung. Beides sollte nicht nur Gewinn für uns sein, sondern wir auch Gewinn für den anderen, wir als Schöpfer und Bearbeiter der Beziehung, die wir mitbestimmen, wie sie ist und funktioniert, sie nicht bloß haben. Genau genommen, ist die Frage des Gewinns schon falsch angelegt. Der Wert einer Beziehung und das wahrhaftige Interesse am Partner, der nicht einfach austauschbar ist, sollte Selbstzweck sein. Ein Wert für sich. Es wert sein, wie man so schön sagt.





Kultur der Reparatur

Wir merken, dass nicht bloß in der Beziehung der Wurm stecken könnte, sondern in unserer Haltung, wenn wir ökonomisch abwägen. Wenn eine stressige Beziehung bloß noch ein zusätzlicher Umstand wird, eine Last, die nicht in mein Leben und zu mir passt. Dann verabschieden wir uns. Wir wollen zwar später einmal in einer langjährigen, glücklichen und zusammen gewachsenen Beziehung leben, in der man sich ohne Worte versteht und viel durchgemacht hat, doch den anderen verstehen wollen und miteinander etwas durchmachen will man eigentlich nicht. Dazu muss man sich Komplikationen stellen und auch Zeit und Gefühle investieren. Es besteht immer das Risiko, beides zu verlieren. Genauso wie die eindeutige Unabhängigkeit und Kontrolle über sein Leben, denn die gibt man ein Stück weit ab.

Höhen und Tiefen, Durchhaltevermögen, Arbeit. Auch das ist eine Beziehung. Tellerwerfen, Tränen und Tiefe. Auch das ist Beziehung. Die Kultur der Reparatur haben wir verlernt. Ist ein Loch in der Socke, flicken wir es nicht, sondern werfen die Socke weg und kaufen uns ein neues Paar. Ist heute ja recht einfach.

Wir sind arrogant, weil wir den Fehler im anderen oder in der Beziehung sehen und nicht bedenken, dass wir eine Beziehung mitbestimmten, dass es nie nur einen Schuldigen gibt, immer mehrere Ohren, die zuhören, mehrere Münder, die reden müssen. Haben wir es nicht mehr nötig, an Lösungen, statt an Verteidigungen oder Vorwürfen zu arbeiten? Sehen wir eine Hingabe und ein Entgegenkommen, ein Zugeben von Fehlern und Problemen als Schwäche, die wir nicht anhaften haben wollen? Wollen wir bloß lieben und geliebt werden und der Rest ist zu umständlich? Sind wir zu sehr an Schnelllebigkeit gewöhnt?



Die falsche Glücksformel

Schnelllebigkeit und Globalisierung. Sie sollen ja schuld sein an dem Debakel. Neben gesellschaftlichen Entwicklungen generell, der Pluralisierung und und und. Im Zeit Magazin wird verkündet, dass es noch nie so viele Singles gab wie jetzt und allein 2,5 Millionen von ihnen in Deutschland online einen Partner suchen. In einem Interview wird allerdings der Fehlschluss und die Tücke der Partnersuche anhands des Online Datings erwähnt: Maximale Freiheit, eine Vielzahl an Möglichkeiten, Filterung und Optimierung führt nicht gleichermaßen zu maximalem Glück. Bei zu viel Auswahl können wir uns entweder nicht entscheiden, nicht festlegen oder es hält uns zu wenig an einer Beziehung mit eventuellen Uneinigkeiten.

Ist die Große Liebe gar nicht bloß Liebe?

Wir haben uns davon verabschiedet, dass es die eine große Liebe gibt. Wir glauben weniger an das Schicksal, wir halten das für unwahrscheinlich. Das tue ich auch. Ich glaube, es gibt viele Menschen, mit denen ich in einer Beziehung unter den richtigen Umständen glücklich und verliebt bis an mein Lebensende verbringen könnte. Unromatisch finde ich das nicht. Unromantisch finde ich es jedoch, sollte dieser Gedanke dazu führen, eine Beziehung weniger ernst zu nehmen, sie zu schnell verlassen, bevor wir ihr die Chance geben, Krisen zu bewältigen. Eine Partnerschaft braucht Liebe. Aber sie braucht vielleicht Durchhaltemögen und Arbeit, um zur einen großen Liebe zu werden.



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1 x

  1. Oh, wie schön du schreibst! Habe deinen Blog gerade erst entdeckt und bin jetzt ganz eifrig am Herumstöbern. Ein toller Text - und deinen letzten, abschließenden Sätzen kann ich nur mit einem heftigen Kopfnicken zustimmen. <3

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