Burkinis, Verbote und Befreiung - Die Heuchelei der Frauenrettung

Burkinis, Verbote und Befreiung. Wir reden von „denen”, reden von „der armen Frau”, statt die arme Frau oder einen von denen mal reden zu ...

Burkinis, Verbote und Befreiung. Wir reden von „denen”, reden von „der armen Frau”, statt die arme Frau oder einen von denen mal reden zu lassen. Wieso glauben plötzlich alle zu wissen, was die Frauen wirklich wollen? Unsere Community-Autorin Janet fragt sich: Geht es um Angst, um Emanzipation oder um Kleidung?



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Max weiß, dass er nur eine anständige Frau heiraten wird. Eine, die cool und vor allem hübsch ist, aber lieber nicht klüger als er, denn Klugscheißer mag er nicht. Sie wird auch seinen Nachnamen annehmen, denn das gehört sich so. Max lacht über die heutige „Emanze” und weiß nicht einmal um die pejorative Geschichte dieses Wortes. Er weiß nicht einmal, was „pejorativ” schon wieder bedeuten soll. Immer dieses Fachenglisch der Gutmenschen. „Bisschen übertrieben, oder nicht?”, gröhlt er, „Die brauchen bloß mal einen richtigen Mann!” Alternativ sagt er auch, sie seien nicht weiblich und würden nie jemanden abkriegen. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch, er lacht über die Tweets über Gina-Lisa und sieht bei Facebook Fotos von der Polizei Patrouille am Strand von Nizza. „Gut so!”, sagt Max. „Diese Frauen werden unterdrückt von ihren Männern! Scheiß sexistischer Islam!” Max setzt sich für Frauen ein. Zumindest wenn Araber an Silvester sie belästigen. Weniger, wenn es um den Sextourismus in Asien geht, da muss er immer kurz lachen, weil er Kay One gern „Thainutte” nennt. Und eigentlich findet er auch, dass sich Frauen nicht wundern müssen, wenn sie begrabbelt werden, wenn sie nun einmal rumlaufen wie Schlampen und dann auch noch rumheulen und lügen, man hätte sie vergewaltigt oder genötigt, wenn man nach einigen Drinks Sex mit ihnen hatte. "Wer A sagt, muss halt auch B sagen", denkt Max.


Malcolm Evans


 Die Burka und die Implikation

Würde ich alleine am Strand sitzen und es würden Männer vorbeikommen, die mir befielen mich bis zu einem Grad auszuziehen, der über meine Scham hinausgeht, wäre das ein befremdliches Bild. „Zieh dich gefälligst aus!” ist ein schlimmer Imperativ. „Zieh dich aus, dann bist du frei!” ist der Zwang zur vermeintlich westlichen Freiheit. Die Fotos der Polizeikontrolle am Strand von Nizza gingen um die Welt. Die Entschleierung als Metapher. Der westliche Mann zieht die Burka mitsamt ihren Ketten von der Frau, die nun entblößt aber frei ist. 

Das höchste Verwaltungsgericht Frankreichs hat das Verbot eines Badeortes nun gekippt und die umstrittenen Burkiniverbote für unrechtmäßig erklärt. Nur bei „erwiesenen Risiken” der öffentlichen Ordnung könnten nun die Freiheitsrechte eingeschränkt werden. 

Ging es hier um Kleidung? Um Angst vor Terrorismus? Integration und Anpassung? Um die tatsächliche Freiheit der Frau? Ein Kleidungsstück wird zum Symbol. Das Symbol für eine Religion, für Frauenunterdrückung, für andere Werte, für fehlende Anpassung, für Gefahr.




 Wir wissen, was die denken

Viele der Menschen, um die sich die Debatte dreht sind schon lange keine Gäste oder Ausländer mehr, sondern Staatsbürger, die teilweise komplett hier geboren und aufgewachsen sind. Eine Forderung von Integration wird mit Assimilation verwechselt: Sie sollen sich angleichen, an die Mehrheit, an die Ursprünglichen, an die Europäer.

„In den vergangenen Jahrzehnten ist der Ausländer stets auf der Grundlage von Verboten verhandelt worden. Dabei war der Ausländer genau genommen nie ein Ausländer. Er wurde bloß als Fremder wahrgenommen”, schreibt Mely Kiyak in der ZEIT, „Nach 30 Jahren noch kein Wort Deutsch gelernt? Wohl nicht gewollt. Immer noch keinen deutschen Pass? Wohl deutschenfeindlich. Predigt auf Türkisch? Steckt wohl ein Aufruf zum Dschihad dahinter? Auf diese Weise hat man viel gelernt über die Leute. Nicht den Ausländer. Aber über die Deutschen. Der Kopftuchdiskurs – von einem Gespräch kann wahrlich nicht die Rede sein – ist eine Debatte, in der es keine Sekunde lang um die Muslime geht. Er erzählt immer nur davon, was der Nichtmuslim denkt, fühlt, vermutet und wovon er sich bedroht oder beleidigt sieht.”

Wir reden von „denen ”, reden von „der armen Frau”, statt die arme Frau und einen von denen mal reden zu lassen. 
„Wir kennen sie doch ganz genau!”, sagt Max und erzählt seinen Freunden von all den Mutmaßungen. Er weiß nämlich ganz genau, wie der muslimische Mann und die muslimische Frau ticken. Er hat Mutmaßungen und weiß um ihre Gefühle. Max weiß genau, was die Frau in der Burka will. Befreiung von ihrem Mann, ihrer Kultur. Selbst wenn sie sich wehrt, eigentlich will sie das nicht tragen!



Tradition und Zwang zur Freiheit

Es gibt eine Vielzahl an Frauen, die durch ein Traditionengeflecht und nicht selten auch unter Druck von Umfeld und Familie eine religiös geprägte Verschleierung tragen. Es gibt jedoch auch eine Menge von Frauen, die in ihrer Kleidung genau die Umkehrung sehen: Eine Selbstbestimmung, eine Profilierung, einen Glauben oder auch tatsächlich bloß ein traditionelles Kleidungsstück.

Sollten wir Frauen zwingen, sich zu bedecken? Sollten wir Frauen zwingen, sich frei zu machen? Sind das die beiden Möglichkeiten, die wir haben? Pro oder Contra zu Burka und Burkini?
Muss ich mich beim Tauchen nun frei machen, weil sonst zu viel bedeckt ist? Darf ich weder zu nackt, noch zu bekleidet sein, um als unabhängig und selbstbewusst zu gelten? Oder darf ich komplett verhüllt sein, solange ich katholisch bin?
Wir lassen uns von den Vätern zum Altar zum Bräutigam bringen. Wissen wir, wofür das steht? Die Übergabe. Die Frau ist nun vornehmlich nicht mehr Tochter und dem Vater untergestellt, sondern ist nun Ehefrau und dem Ehemann untergestellt. Dennoch führen wir diesen Ritus weiter. So genau sieht das doch keine, mag man meinen, ist doch irgendwie eine nette Sache, ist doch nunmal Tradition. 

Die Burka wird zum Symbol und der Glaube der Ungläubigen hofft darauf, dass mit der Abschaffung dieses Symbols auch der böse Rest verschwindet. Eine Art der Ausgrenzung kann im weiteren eine Bedrohung eher verschlimmern. Denn je fragmetischer eine Gesellschaft wird, desto mehr Zuwachs gibt es in radikaleren Randgruppen aller Art. 

Es sind im Kern patriarchale Gesten, die Kritik brauchen. Aufgabe der Gesellschaft ist genau das: Kritik an sozialen und kulturellen Geflechten. Das Verbot der Burka kämpft am äußeren Rand der Symptomäußerung. Sie bekämpft nicht die Frauenunterdrückung, sondern zwingt dessen Opfer, die Frauen selbst, sich einem weiteren anderen Gewaltsystem zu beugen. Was will sie wirklich, die Frau unter den Tüchern?







(Artikel am 29.08.2016 auf EDITION F veröffentlicht)

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1 x

  1. Sehr sehr intelligenter und wichtiger Beitrag! Letztens habe ich im Fernsehen eine Diskussion darüber gesehen und habe mich gefragt, wie man auch nur auf die IDEE eines Burka-Verbots (oder Verschleierungs-Verbots) kommt! Es wird doch (zum Glück) immer wichtiger, dass jedes Individuum das tun kann was es möchte! Und dann geht man daher und verbietet ein Kleidungsstück?! Das manche Frauen vielleicht mögen, das sie schützt? Ich stelle mir vor, ich würde in einem Land leben in dem alle oben ohne rumlaufen und sie würden mich als prüde und traditionell ansehen, weil ich meine Brüste bedecke. Und sie würden mir verbieten wollen, mich zu bedecken.. Natürlich nicht 100%ig vergleichbar, aber vielleicht weißt du was ich meine. Und wie du schon schreibst, sollte man an einer ganz anderen Stelle ansetzen als am Verbot eines Kleidungsstücks.
    Mach weiter so mit deinen kritischen Texten :)

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