Verfremdung des Autobiografischen - Gehören meine Erfahrungen alle nur mir?

via  Pexels Ich bin zwar nicht lyrische Ich, aber trotzdem danke! Am Wochenende war ich bei der Tagung der Thomas Mann Gesel...

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Ich bin zwar nicht lyrische Ich, aber trotzdem danke!


Am Wochenende war ich bei der Tagung der Thomas Mann Gesellschaft in Lübeck und durfte mir Vorträge zur aktuellen Forschung zu Thomas Mann und seinen Werken anhören.

Während der Pausen und noch zuvor während des Aufbaus rede ich mit einer unglaublich netten Poetry Slammerin in meinem Alter, mit der ich zusammen arbeite. Wir reden über das Schreiben. "Man weiß von meinen Texten zum Beispiel, dass mir meine Kindheit wichtig ist, ich ein Problem mit Afd-Wählern habe", erzählt sie mir. "Aber ich war auch schon bei einem Slam, bei der ein Mädchen einen Text über eine Prostituierte vorgetragen hat, und die danach mit Fragen überhäuft wurde, ob sie selbst das alles erlebt habe und wie schlimm das sei."
Ich nicke.
Zu Zeiten, als ich mit 16 Jahren noch Texte auf Neon.de veröffentlichte, gab es dort eine aktive Community, die Texte teilte und kommentierte. Zwei Texte von mir bekamen mehr Aufmerksamkeit. Davon handelte einer von einem Paar, das seine Beziehung nicht definiert, dessen männlicher Part jedoch merklich emotional involvierter ist als die weibliche Protagonistin und der sich der Nicht-Definition bloß verletzt beugt. Ich bekam Kommentare, dass ich in meiner Beziehung gefälligst kommunizieren muss, dass ich mich nicht binden will und ich sonst egoistisch mit den Gefühlen anderer spiele. Von dem "Du" war die Rede, das mich jedoch nicht erreichte oder betraf. Nicht ich führte diese Beziehung. Ein anderer Text endete mit einem positiv gestimmten offenen Ende. "Ich freue mich so für dich, viel Glück", schrieb man mir. Das war sehr nett, ich musste jedoch entgegnen, dass ich nicht das lyrische Ich in diesem Text bin.

"Ist nicht alles Schreiben Autobiografie?", fragt Thomas Mann.



Inwieweit ist alles (verfremdete) Autobiografie?

Muss man damit rechnen, dass Menschen dein Gesicht hinter deinen Worten sehen, weil sie nicht sofort die Fiktion erkennen? Muss man sogar damit rechnen, dass einem in erkennbar fiktiven Werken jede Empfindung und Erfahrung nahe gelegt wird - sogar danach gesucht wird - wenn sie bloß Ähnlichkeiten zu deinem Leben hat und denkbar autobiografisch sind?

Zu all diesen Fragen kommt man durch die Annahmen, der Schriftsteller verarbeite seine eigenen Probleme in seinem Schreiben und man müsse etwas selbst erlebt haben, um auf bestimmte Weise davon schreiben zu können.
Ich widerspreche nicht, stimme aber absolut nicht uneingeschränkt zu. Muss man etwas erlebt haben, um es zu schreiben? Absolut nicht. Muss man eine Ahnung davon haben, wie es ist? Ich denke schon.
Ich schreibe viel aus den Erinnerungen heraus und spinne es fiktiv weiter. Ich brauche meist jedoch den Anfangsimpuls, den ich selbst nachvollziehen kann, um ihn weiter führen zu können. Bei mir kann man deswegen sagen, dass immer etwas Wahrhaftes in den Texten steht, der anteilig jedoch sehr klein ist. Wie bei den meisten?

Muss jede Person, mit der ich spreche, von nun an Angst haben, in einem Text seziert zu werden? In meiner Erfahrung kann ich sagen, dass viel mehr Menschen, als sie selbst vermuten würden, von mir be- und geschrieben werden. Die wenigsten landen jedoch in Texten, die veröffentlicht werden.

Ich halte jede historische und literaturwissenschaftliche Forschung für wichtig und notwendig und doch windet es sich in mir. Ist eine biografische Zuschreibung der Inhalte eines fiktiven Werkes zu dessen Autor nicht manchmal unfair, unangebracht oder - gerade posthum - pietätlos?





Was ist meins, was ist deins?

Thomas Mann, der Meister der Verfremdung des Autobiografischen. Liest man allein die Buddenbrooks und kennt sich mit seiner Biografie aus, ließen sich so viele Pfeile von Verbindungen und Prägungen von ihm und seiner ganzen Familie hin und her ziehen, dass man zuletzt ein riesiges und dichtes visuelles Netz vor sich hätte.

Schreibt die Slammerin nun über ihre Trennung und ich über den Tod meiner Mutter, schreiben wir aus unserer Erfahrung und Emotionalität heraus. Es sind unsere Geschichten und Geschehnissen, die wir mit uns tragen und die uns beschäftigen. Gleichsam sind sie jedoch auch die Geschichten derer, die involviert sind, aber nicht schreiben oder schreiben können. In jeder Art der Zwischenmenschlichkeiten bestehen mindestens zwei Seiten. Was ist meins, was ist deins? lässt sich nicht einfach beantworten.

Entwertet man Unausgesprochenes zwischen zwei Personen mit einer Benennung oder (noch schlimmer?) der Abwandlung eines privaten Momentes. -  "Aus unserem Zauber wurde ein Satz in deinem Buch", ein einmaliger Streit wird in Stein und Papyrus gemeißelt, eine Situation zwischen Zweien wird zum Bühnenspiel aller.
Ist das Erzählen der Anderen eine Ausbeutung ihres Lebensmaterials? Ist es nicht nur das Eindringen, sondern die öffentliche Verarbeitung ihrer Privatsphäre durch mein Medium? Fast schon ein Gewaltakt, dem der Beschriebene nicht leicht entkommen kann.

Erika Mann wird ab einem Zeitpunkt ihrer Schwester Monika, der Außenseiterin der Familie, das Recht absprechen, über ihre Familie und ihren Vater Thomas Mann zu schreiben.


Wo ist die Grenze?


Die Verfremdung autobiografischer Erlebnisse kann mindestens zwei Dinge. Auf der einen Seite kann die Anonymisierung oder Abänderung einer Person diese schützen. Auf der anderen Seite verliert sich die Verfremdung in Undurchsichtbarkeit. Man weiß, dass die Person etwas mit der Figur zu tun zu haben scheint, aber nicht genau, wie viel. Was ist wahr, was falsch? Was ist anders, was komplett neu erfunden? Die Verfremdung verfälscht die Authentizität, verschlimmert die Anschauung vielleicht und tut dies zum Nutzen des Textes und dessen Verfassers.

Es ist mein Recht, meine eigenen Erfahrungen und Wahrnehmung meines Lebens preis zu geben. Mein Leben, meine Privatsphäre, meine Geschichte und vor allem (bloß) meine Perspektive. Was bei dem Thema der Meinungsfreiheit immer prekär ist, ist die Freiheit bis zur Einschränkung anderer. Es ist wortwörtlich meine Geschichte, in den meisten Fällen aber nicht nur meine. Meine perspektivische Erfahrung wird zum einzigen Ansatz und zur Wahrheit der fiktiven Welt, in der die anderen Personen keine Möglichkeit des Rechtfertigens und des Sich-Entziehens haben. Sie sind dann dort, verankert in meinen Worten - ob sie wollen oder nicht.
Inwiefern darf der Künstler die Leben der anderen verwenden? Wie viel Rücksicht und Verantwortung sind nötig? Verbessert oder verschlimmert gänzliche Verfremdung?




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