Hier können Sie im Kreis gehen - Frédéric Zwicker

Johannes Kehr, inzwischen 91 Jahre alt, lebt freiwillig in einem Altersheim. Seine Diagnose ist Demenz, doch wie niemand weiß, ist di...



Johannes Kehr, inzwischen 91 Jahre alt, lebt freiwillig in einem Altersheim. Seine Diagnose ist Demenz, doch wie niemand weiß, ist diese von ihm vorgetäuscht. Er möchte nicht zur Last fallen und will seine Ruhe haben. "Früher oder später passiert es sowieso", denkt er sich und plant sein Leben, das ihm nach dem Tod seiner Frau noch bleibt. Seine Enkelin Sophie liebt er, will sie jedoch nicht zu sehr beanspruchen. Durch den Schein seiner Krankheit verschafft sich Herr Kehr Vorteile, indem er Dinge einfach vergisst, die ihm nicht gefallen oder die Gehhilfen unliebsamer Nachbarn zu verstecken. Doch irgendwann wird das Schauspiel schwieriger: Er kennt das Heim inzwischen sehr gut und das Leben dort ist ihm vertraut und wird zur Gewohnheit. Zudem taucht seine Jugendliebe Annemarie auf. Wie lange kann er seine Mitmenschen täuschen? Oder täuscht er am Ende sich selber?

Zwicker ist 83 geboren, hat sowohl Philosophie studiert, als auch zuvor ein Jahr im Zivildienst in einem Altenheim gearbeitet und das spiegelt sich in seinem Debüt wieder. Es ist kein Roman, der aus der Distanz einfach mal über witzige Rentner schreiben will, sondern einer, der sich zwischen ihnen ausbreitet.
"Ich habe lange zugeschaut. Als ich jung war, sah ich die Leute alt werden und verblassen. Sie entfernten sich scheinbar von mir., es war die Vergänglichkeit, die ich den Menschen ansah. Ich hatte alles vor mir auf den Fersen. Und bald fühlte ich mich in die Enge getrieben. Den Weg nach vorn versperrte mir der Tod, der immer unverhohlener auf mich schielte, während er erst sporadisch, bald regelmäßig an die Türen meiner Bekannten klopfte. Er war mir ein altbekannter und doch nicht minder unsympathischer Begleiter."
Die kurzen Kapitel - teils nur eine halbe Seite lang - sind in einfacher Sprache geschrieben.
Der Protagonist Herr Kehr lässt uns in wechselnder Perspektive zwischen der Gegenwart und seinen Erlebnissen, sowie seinen Gedanken oder Erinnerungen an seinem Leben wie es war und wie es nun ist teilhaben.
Es entsteht keine Spannung, die weiterlesen lässt, es entsteht Bindung, die einen dazu veranlasst.
Auf eine ungewöhnliche Weise nähert sich das Buch dem Thema der Demenz und des Alterns in unserer Gesellschaft und lässt Kritik daran aufleuchten.
"Die meisten sehen es falsch. Sie glauben, die Alten würden abgehängt. Sie glauben, die Alten verlören den Anschluss, weil der Zahn der Zeit ihre Geister und Körper daran hindert, mit dem rasenden Fortschritt mitzuhalten. Das stimmt aber nicht. Der Fortschritt gestaltet nur die Kulisse. Und in diesem ewigen Trauerspiel liegen die Alten immer vorn."

Ein manches Mal wäre es mir lieber gewesen, hätte ich Gedanken selber weiterführen können oder müssen, statt sie serviert zu bekommen. So könnte es länger sein und dem Leser mehr Denk- und Interpretationsarbeit zutrauen. Am Ende ist das Buch auf eine Weise voraussehbar, aber nicht weniger authentisch. Wie das Alter und der Lebensabend selbst, den sich jeder Mensch auf eine Weise nähern wird und das den Kreis schließt, der auch dem Titel abgebildet ist.











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