I’m doing badly, I’m doing well, whichever you prefer

Letztes Wochenende in Lübeck Abschied zu nehmen, war schwer. Am Samstagabend kam ich in Dunkelheit wieder an und hatte genau ei...









Letztes Wochenende in Lübeck Abschied zu nehmen, war schwer. Am Samstagabend kam ich in Dunkelheit wieder an und hatte genau einen Tag, um mich zu akklimatisieren, ehe mein Semester anfängt. Ich hab meine Wäsche gewaschen (ich bin nämlich einer dieser Menschen, der gerne Wäsche wäscht), meine neuen Bücher sortiert und war mit meinem Freund zwischen all den gelben Bäumen spazieren.
Am Montagvormittag erledigte ich Arztbesuche. "Sankt Maaaaartin, Sankt Maaaaaaartin!", schreit ein kleines Kind in einem unrhythmischen, aber liebenswürdigen Singsang, als ich auf meine Bahn warte. Es schreitet selbstbewusst fast zehn Meter vor seinem Vater voran, der telefoniert, seine Tochter aber beobachtet. "Guck mal, dahinten steht die Mama im Fenster und winkt, siehst du sie?", fragt er und deutet auf ein Haus auf der anderen Seite der Gleise. Die Kinderaugen leuchten auf, der Kopf blickt suchend in die Richtung und schreit, ohne etwas gefunden zu haben: "Tschüüüüüühüüüüß! Tschüüühüüß Mama!"
In meiner Abwesenheit hat man am Bahnhof nun fast ein fünfstöckiges riesiges Gebäude errichtet. Ich klappere die Ärzte ab, lasse mir Rezepte geben.
Seit etwa einem Jahr ist das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger für mich geworden. Nicht, weil ich plötzlich vegan bin (bin ich nicht) oder mich eine Ökowelle mitgenommen hat, sondern weil es für mich eher ein logischer Schritt ist. Verantwortung halte ich für unfassbar wichtig. Ich glaube, dass es meine moralische Pflicht ist, Verantwortung zu übernehmen und das zu ändern, was ich ändern kann. Ich bin spontan und kaufe mir eine kompostierbare Zahnbürste. Auch mein Stammblumenladen hat renoviert und sieht ganz anders aus. Ich schleiche um die Schnittblumen und kann schließlich doch nicht widerstehen. Im Laden läuft im Hintergrund "Komm hol' das Lasso raus!" Eine ältere Dame mit weißer Kurzhaarfrisur packt gerade ihr Portemonnaie ein und tanzt ein wenig zu "Wir spielen Cowboy und Indianer" und lacht mich an. Ich laufe mit meinen Blumen vorbei an Sonnenschein und einem Mann, der auf dem Boden sitzend Gitarre spielt und von der Liebe singt und witzele im Zug mit dem Herrn in der orangen Warnweste, der den Müll in einer Tüte sammelt. Eine Stunde später fahre ich zur Uni.

Ich wollte nicht mehr zur Uni gehen. Ich war mir tatsächlich nicht mehr sicher, ob ich das alles machen soll. Und ich bin niemand, der das normalerweise sagen würde. Manchmal redet man ja von diesen mysteriösen jungen Menschen, die gerne zur Uni gehen, freiwillig mehr Seminare belegen als sie müssten, extra früher aufstehen und auch in ihrer Freizeit was dafür machen. Hallo. So einer bin ich. Ich liebte mein Studium und es war das, was mir wichtig war. War? Liebte? Als meine Mutter starb und ich die Abgabe meiner Hausarbeit bei meinem Dozenten verschieben wollte, bekam er die Mail vermutlich nie. Nur wenige Tage später starb nämlich auch er. Ich wusste nicht wieso, aber ich musste andauernd weinen. Immer und überall. Genau genommen wusste ich, wieso, aber ich fragte - und frage - mich, wann das denn aufhört. Wieso kann man nicht nur einmal traurig sein, wenn etwas Trauriges passiert? Egal wo ich war, egal was passierte und an was ich dachte, immer drifteten meine Gedanken ab und wurden zu schlimmen, die mich schluchzen ließen und die vermutlich jeden meiner Bahnsitznachbarn oder andere Passanten, die das mitbekamen in Verlegenheit gebracht haben. Ich ging zunächst trotzdem weiter in die Uni. Dort unterschrieb ich eine Beileidskarte an die Familie meines Dozenten, von denen ich zuletzt von so vielen wunderbaren Menschen ebenfalls welche bekommen hatte. Ich las die Todesanzeige und das Bedauern der Philosophischen Fakultät an dem schwarzen Brett. Fragte mich, ob es bei der Familie so ist wie in meiner. Ich habe ein Seminar über die Vorsokratiker gewählt, das mich sehr interessiert. Ich kaufe das Buch und gehe insgesamt drei Mal hin. Beim dritten Mal packe ich mitten in der Sitzung all meine Sachen zusammen, laufe zu den Toiletten, schließe mich ein und weine. Genau wie auf der Fahrt, während des Wartens auf Bus und Bahn, Zuhause und nachts beim Einschlafen während mich mein Freund in den Arm nimmt und beruhigt. Ich habe Angst und alles ist schlimm. Ich liebe Uni und ich liebe Philosophie, aber in den Seminarräumen verstehe ich nichts mehr, was mir gesagt wird, höre nur Wörter, die nicht ankommen und denke dauernd nur an den Tod und was er alles mit mir und uns getan hat. Ich komme mir wie ein Versager vor, der zwischen Leuten sitzt, die ihr Leben im Griff haben und verstehen, wovon gesprochen wird. Ich verstehe nicht einmal mich, wie soll ich dann Ideen von Epikur, Adorno und Marx verstehen. Ich gehe in dem Semester kein Mal mehr zur Uni und stattdessen zur Therapie, schreibe ganz viel, versuche zu schlafen und fahre für sechs Wochen nach Lübeck.

Montag, 17. Oktober 2016. Ich setze mich in den Hörsaal, in dem außer mir bisher nur zwei andere Kommilitonen sitzen. Normal. Ich bin immer früher da. Ich schreibe in mein Notizbuch, dass ich nicht genau weiß, wie sich das gerade anfühlt. Wieder hier zu sein, wieder da, wo ich eigentlich hingehöre und wo ich mich doch so abgestoßen gefühlt habe. Nach einigen Minuten kommt jemand vorbei und sagt uns, wir müssen doch in einen anderen Raum und wir gehen gemeinsam in die Bibliothek, in der ich damals meine allererste kleinere Erstsemester-Veranstaltung hatte, in der wir darüber redeten, wieso wie wir dazu kamen, Philosophie studieren zu wollen. Damals fand ich das komisch zu beantworten. Weil ich alles, was damit zu tun hatte, immer interessant fand? Weil ich es wichtig, für mich sogar als Notwendigkeit sehe? Ist das nicht irgendwie eine triviale Antwort? Ich setze mich und erblicke den Dozenten, dessen Alter undefinierbar ist. Er wirkt auch so, als er etwas holprig an seinen Platz geht und nicht direkt alles akustisch versteht, was man ihm sagt. Ich zweifle insgeheim ein wenig, ob das ein Erfolg wird. Dann beginnt er zu reden, die Vorlesung einzuführen. "Ich hoffe Ihnen gefällt es auch besser, wenn wir hier sind", sagt er und deutet auf die Regale und Emporen voll mit Büchern, "Umgeben von Geist! Von Sokrates bis Habermas, wenn Sie so wollen", sagt er und lächelt freundlich. Er spricht von Thomas von Aquin, spricht vom Glück, von sophia, ratio, von sophrosyne und all den Begriffen, die ich so liebe, er ist plötzlich auf solch einer geistigen Höhe von Weitsicht, Tiefe und Klarheit zugleich, dass mir nach dem Aussetzen eines Semesters erneut klar ist: Das Philosophiestudium ist für mich Notwendigkeit. Ich will das und das auch unbedingt.

Schlimme Samstagabende, in denen alles auf einmal wieder zu viel ist. Goldene Sonntage mit Laub, Lachen und Liebe gefüllt. Schlimm und schön im Wechsel und in Parallelität. Und gleichzeitig ein Hauch von Prozess. "I'm doing badly, I'm doing well, whichever you prefer", schrieb auch schon Franz Kafka in einem Brief an Milena und das würde ich auch bei mir so beantworten.






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  1. Das muss echt eine sehr sehr schwierige Zeit für dich gewesen sein (oder ist es immer noch!), in die ich mich im Entferntesten nicht einfühlen kann. Es ist aber super mutig von dir, die Erkenntnis auch zuzulassen, dass du das Studium brauchst. Und ich hoffe, dass der Spaß an der Sache wieder in dir erwacht! Das Leben ist nun mal unberechenbar... Aber du schaffst das!

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  2. Es gibt Texte, Geschichten, die ich lese und fühle mich tief berührt, als würde mir die Autorin aus der Seele sprechen und als wüsste ich genau was sie meint. Ich möchte mir nicht anmaßen, zu wissen wie du dich fühlst. Deine Gedanken berühren mich einfach. Danke.

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