Minimalismus und Weihnachtsgeschenke

Ich mag Weihnachtsmärkte und Geschäfte während der Weihnachtszeit. Von einem auf den anderen Tag hängen prunkvolle Gestecke mit glänzen Kug...

Ich mag Weihnachtsmärkte und Geschäfte während der Weihnachtszeit. Von einem auf den anderen Tag hängen prunkvolle Gestecke mit glänzen Kugeln in den Einkaufszentren und die Bäckereien sprühen hässlichen Kunstschnee an die Scheiben. Die hölzernen Häuschen vom Weihnachtsmarkt werden aufgebaut und die leuchtenden Ornamente über den Einkaufspassagen werden mit kleinen Kränen angebracht.

Ein kleiner Einwurf: Ich glaube ja manchmal, dass ich kaufsüchtig bin. Ich kaufe nicht dauernd Dinge und gebe massig Geld aus (das ich nicht habe), shoppe auch nicht auf QVC oder komme mit gewaltigen Tüten nach hause, aber ich kaufe sehr gerne. Ich weiß nicht genau, wie Kaufsucht definiert ist, aber ich habe eigentlich immer, wenn ich in der Stadt bin, das Bedürfnis, etwas zu kaufen, und sei es nur ein Tee und Lebensmittel, die ich ohnehin brauche. Ich glaube zur Weihnachtszeit steigt das noch mehr an, weil ich ohnehin Besorgungen machen "muss", wenn ich mir überlegt habe, dass ich jemanden beschenke. Dann lauf ich in der Stadt rum und bin so oft versucht irgendwas zu kaufen, was ich doch verschenken kann. Ein wenig ist dieser Eintrag auch ein Text über minimalistische Weihnachten bezüglich der Geschenke. Schenken und Beschenktwerden soll ja angeblich nicht immer Spaß machen.







SCHULD BEIM SCHENKEN


Ich weiß von vielen Bekannten, die sich mit Ideen für Geschenke schwer tun. Ich glaube tatsächlich, dass es gar nicht so selten nicht einmal das Problem ist, man würde nicht wissen, was dem anderen eine Freude macht, sondern der Gedanke, es sei nicht genug. Nicht persönlich genug, nicht originell genug, nicht teuer genug oder zu wenig im Vergleich zu dem, was der andere mir vielleicht schenkt?
Ich kann es nachvollziehen, dass man sich unangenehm berührt fühlt, wenn man ein Geschenk von jemandem bekommt, für den man selbst nichts vorbereitet hat, oder wenn das Geschenk, das man überreicht bekommen hat in so vielerlei Hinsicht so viel "besser" erscheint, als das, was man selbst übergibt. Aber das ist doch auch einfach nicht der Punkt.
Schuldgefühle beim Schenken und Beschenktwerden zu haben ist das absurdeste an Weihnachten. Auch wenn das natürlich der Wahrheit entspricht, will ich nicht einmal die Besinnlichkeitskeule eines "ES GEHT UM LIEBE, NICHT UM KONSUM!" schwingen, sondern darauf aufmerksam machen, dass es ist kein ökonomischer Vertrag, zu dem man sich verpflichtet. Man will sich bestenfalls doch eine Freude machen und schenkt nicht in Erwartung, etwas mindestens genauso wertvolles im Austausch zu bekommen. Wenn es darum geht, etwas "Besseres" zu verschenken, würde man damit doch dann gleichzeitig ein Schuldgefühl verschenken, wenn es allen so geht.


MINIMALISMUS: WEIHNACHTSGESCHENKE


Ich schenke sehr gerne. Konsumkritisch hin oder her, aber für mich persönlich ist es keine Frage, ob ich prinzipiell etwas verschenke oder nicht. Nicht immer für jeden Menschen, den ich kenne und mag, nicht immer etwas super Großes und Besonderes, aber wenn ich es sinnvoll finde. Das mag für diejenigen, die einen radikaleren Minimalismus pflegen nicht ihrer Definition von "minimalistisch" entsprechen, für mich jedoch absolut: Es geht nicht um das Wenig und das Nichts, sondern um das Wesentliche.





VERGÄNGLICHER GENUSS

Vor kurzem hörte ich das erste mal den Begriff "vergänglicher Genuss", fand damit aber erstmals ein Wort für etwas, was ich seit langer Zeit gut finde. Was damit gemeint ist, ist etwas Aufbrauchbares, d.h. etwas, was man konsumiert oder nutzt (oder erlebt) und somit nicht für ewig da ist.
 Der Kontext, in dem ich das oft sehr sinnvoll finde ist die Frage um Urlaubs Souvenirs für Freunde und Familie. Wenn ich einen Kurztrip oder Urlaub irgendwo verbringe, schreibe ich nicht bloß Postkarten, sondern habe manchmal das Bedürfnis, anderen in meinem Umfeld irgendwie mit einem Geschenk zeigen zu wollen, wie es dort ist, ein Mitbringsel für sie zu besorgen. Zwischen all verrückten Souvenir Ständen mit Accessoires und Kleidung mit witzigen Prints und den Shops, in denen sich alle möglichen kleinen kitschigen Figürchen der Sehenswürdigkeiten finden, finde ich es sinnvoller etwas Kulinarisches mitzubringen. Fast jeder Ort, an dem ich war, ist auch berühmt aufgrund von Speisen und Getränken, die lokal verbreitet und hergestellt sind, die ich bestenfalls in meinem Urlaub selbst gekostet und gemocht habe.
Besondere Lebensmittel, Gewürze oder ähnliches verschenke ich auch und backe einen Tag zuvor etwas, was ich schön einpacke und dann verschenke. Ein Vorteil: Es wird bestimmt tatsächlich genutzt. Man trifft leichter den wortwörtlichen Geschmack, weil ich über viele vielleicht nicht weiß, was genau er an einem Buch gerne mag, welchen Duft er besonders liebt, aber bei fast jedem, den ich gut kenne, einschätzen kann, was er gerne isst.


ZEIT UND GEFÜHL

Wenn man sich unbedingt etwas schenken möchte, jedoch bemerkt, dass man beidseitig keine guten Ideen füreinander hat, ist es oft perfekt, ein (gemeinsames) Erlebnis zu verschenken. Da muss es nicht einmal eine Husky-Schlittenfahrt (wie aus der Werbung!) sein, sondern kann auch einfach in die einzig vernünftigen Lösung resultieren, die eine Freundin und ich fanden: Wir werden und treffen und gepflegt mit Glühwein betrinken. Komischerweise die tatsächlich rationalere Entscheidung.

Wenn man sagt, es sei der Wille, der bei einem Geschenk zählt, das Wissen, der andere habe sich Gedanken gemacht, ist das nur die Hülle der Wahrheit. Was man eigentlich am liebsten geschenkt bekommt ist ein Gefühl. Das Gefühl, man wird so geliebt, man ist so wichtig oder es wert, dass sich jemand als Ausdruck dessen genau überlegt hat, was mir Freude macht. Man verschenkt Gefühle, fast vergessene Erinnerungen, neu ausgelöste Empfindungen. Den wärmenden Rückblick an ein Erlebnis, was man gerne mochte, ein Stück Heimat, in der man nicht mehr wohnt oder die Überraschung, einem wurde wirklich zugehört, als man vor Wochen davon sprach, man würde einen bestimmten Film gerne sehen.





Repost vom letzten Jahr

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