Im Gespräch: Tote Mädchen lügen nicht

Ich habe 2007 das Buch "Tote Mädchen lügen nicht" gelesen. Zehn Jahre später erscheint die eine Buchadaption in Form der gleichnam...

Ich habe 2007 das Buch "Tote Mädchen lügen nicht" gelesen. Zehn Jahre später erscheint die eine Buchadaption in Form der gleichnamigen Serie auf Netflix. Ich schaue mir die erste Folge an und binge-watche sie innerhalb weniger Tage komplett durch, weil ich sie so gut finde. Robin kennt das Buch nicht und hat erst eine Episode gesehen. Schau dir die erste Folge auf Netflix an und folge unserer Unterhaltung. Linksbündig stehen Robins Antworten, rechtsbündig meine. Siehst du Dinge ganz anders als wir? Was war an der ersten Folge besonders interessant für dich?





Seit Ende März ist die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" auf Netflix. Das gleichnamige Buch von Jay Asher aus dem Jahr 2007 war ganze 57 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Ich habe damals sowohl das Buch gelesen, als auch die Serie nun direkt am Erscheinungstag begonnen. Innerhalb von zwei, drei Tagen alle 13 Folgen angesehen und kann nun am Ende sagen: Oh mein Gott, wie gut ist das bitte?
Die Serie handelt von Hannah Baker, die Schülerin an der Liberty High School war. Zu Beginn der Serie hat Hannah jedoch bereits Suizid begangen. Bevor sie das tat, nahm sie Kassetten auf, auf denen sie nacheinander beschrieb, wie ihr Leben in den vergangenen Monaten und Wochen vor ihrem Tod aussah und was letztlich die Gründe waren (der englische Originaltitel: 13 Reasons why), die dazu führten, dass sie sich umbrachte. Kannst du die Ausgangssituation schildern und beschreiben, was deine Erwartung zu Beginn der Serie war?


Nun, meine Ausgangssituation war die, dass ich wie bei den meisten Serien, die ich schaue, vorher überhaupt keine Ahnung hatte, was mich erwartet und ich nur von Leuten, deren Meinung ich schätze, gehört habe, dass diese oder die andere Serie gut sei. So konnte ich relativ unbefleckt herangehen und so macht es mir den meisten Spaß, denn je mehr Mysteriöses und mir Unbekanntes , desto besser. Ich hatte also keine großen Erwartungen und war lediglich gespannt, ob schon eine Rechtfertigung der Empfehlung im Stil der ersten Folge nachvollziehbar ist.
Die Ausgangssituation der Serien: Ein schüchterner High School Schüler namens Clay Jensen findet einige Tage, nachdem eine Mitschülerin sich umgebracht hat, eine Reihe an Kassetten vor seiner Haustür, die sie besprochen hat und auf denen es darum geht, wieso es letztendlich zum Status Quo kam. Clay, der auch zu Lebzeiten in sie verliebt war, macht sich nun auf, die Geheimnisse um ihren Selbstmord mithilfe der Kassetten zu ergründen.


"Ich erzähle dir die Geschichte meines Lebens. Genauer genommen, wieso es mein Leben ein Ende fand", sagt Hannah in ihrer ersten Aufnahme. "Und wenn du das hörst, dann bist du einer der Gründe,  wieso." Es gibt zwei Regeln, die Hannah fest gelegt hat: Alle Kassetten anhören. Und sie weiter an die nächste Person schicken, die sie betreffen.
Was ich sehr interessant finde: Die Kassetten tun eigentlich genau das, was ohnehin in vielen der  Köpfe vorgehen muss. Die Frage: Warum? Warum bloß? Was war der Grund? Wieso hat sie sich nicht Hilf geholfen? All das wird beantwortet. Auch diejenigen, die den mysteriösen Karton vor ihrer Tür stehen hatten, haben sich bestimmt nicht nur einmal eben das gefragt. Wieso? Hier sind sie. Die 13 Gründe, wieso. Und mit den Kassetten erhalten sie Einblick in die Welt und den Kopf eines anderen Menschen und vielleicht auch etwas, was sie nicht wollten: Schuld.


Genau, die Kassetten wirken fats wie eine letzte Anklage und ein Vermächtnis an die Nachwelt, die nun Hannah Bakers Sichtweise aufdecken und ich denke, ein großes Thema der Serie wird auch sein, dass Menschen oft falsch handeln, es aber in ihrer Logik eine richtige Handlung war. Doch dieses Verhalten zieh stets Konsequenzen nach sich. Was ich mich jetzt auch frage ist, ob alle auch wirklich bei diesem Kassetten Spiel mitmachen werden, die da angeklagt werden und wie sehr merkbar ist, dass und wie sehr der Plot doch etwas mehr vorangeschoben wird, als es vielleicht hätte sein müssen. Schon in Folge 1 gab es schon ein, zwei Stellen, bei denen mir das ein wenig ein Dorn im Auge war.


Finde ich auch. Ich habe mich schon zu Beginn, warum Clay nicht einfach alle Kassetten auf einmal hört. Wie kann man dann einfach ins Bett gehen oder morgens in die Schule? Allein schon, weil man doch als Beteiligter unglaublich gespannt und auf ängstliche Weise neugierig darauf sein muss, inwiefern man selbst beteiligt war. Was hat man selbst falsch gemacht? - Innerhalb der Serie ergibt es natürlich Sinn, denn man muss diesen Kosmos des Schulalltags mitsamt aller Personen kennen lernen. Und eben nacheinander die Zusammenhänge und Geschichten verstehen. Clay begründet später auch, warum er nur Häppchenweise alles anhören kann. Aber ich versuche, keine Spoiler einzubinden, wenn du ja erst die erste Folge gesehen hast. Und ja: Dinge passieren nicht einfach so. Erst recht kein Suizid. Jeder ist für seine eigenen Entscheidungen verantwortlich, aber jede Handlung hat Folgen. Alles was man tut und sagt oder auch nichttut oder nichtsagt bestimmt die Realität mit. Auf jede Aktion erfolgt eine Reaktion. Und man kann nicht immer vorausahnen, was die ist. Eine gute Verbindung eben dieses großen Gedankens, gekoppelt an etwas, was man vielleicht an seichten High School Kram mitsamt Schwärmereien, Liebeskummer oder Scherzen als nicht sonderlich deep abtut.



Ich weiß noch nicht, wie ich zu Clay stehen soll. Schüchterne Protagonisten sind normalerweise nicht so mein Fall, aber ich bin schon sehr gespannt, inwiefern sein Verhalten und Charakter vertieft werden. Ja, man sieht schon sehr früh, dass auch die anderen Schüler überfordert mit der Situation sind, verständlich. Manche wollen einfach nur das Thema komplett wechseln und sich abkapseln. Andere versuchen mit den der Toten näherstehenden Personen zu reden und ihnen ihr Mitgefühl auszusprechen. Andere wiederum sind so auf ihre heile Welt fokussiert, aber kanalisieren den Vorfall so um dass es in ihrer heilen Welt passiert, aber es muss ja weitergehen, darauf erstmal ein Selfie. Definitiv die widerwärtigste Szene in der ersten Folge für mich, als zwei Mädchen sich erstmal vor dem Spind der Toten ablichten. Ich bin mir sicher, da werden noch andere Perspektiven anderer Mitschüler folgen, die sicher interessant zu analysieren sind.







Absolut! Die Szene mit dem Selfie ist ekelhaft. Auf absurde Weise aber nicht unrealistisch, finde ich. Ohnehin finde ich auch das Einbringen der digitalen Medien interessant. Als das Buch damals erschien, gab es das Internet und soziale Netzwerke zwar, aber bei weiten noch nicht so, wie es jetzt genutzt wird. Ich finde gut, dass in der Adaption der Serie aber dennoch die Kassetten als Medium genutzt werden und es keine Mail mit "Hier sind dreizehn Soundcloud Dateien, die ihr euch anhören müsst" ist. Ich weiß gar nicht, ab welchem Alter die Teenager heute Hörspielkassetten nicht einmal mehr aus ihrer Kindheit als Einschlafhilfe kennen? Aber dass so Dinge wie Selfies, WhatsApp Nachrichten und co. heute ja auch in der Gesamtkommunikation und auch in der Profilierung von Verbreitung eine große Rolle spielen, ist Fakt. Ist auch an der Stelle wichtig, als sich Fotos plötzlich wie ein Lauffeuer verbreiten... Es ist eine High School Serie und behandelt dementsprechend auch jugendliche Themen. Nichtsdestotrotz ist es eine Serie über einen Selbstmord. Über schlimme Dinge, über Scham und Schuld, über Gewalt, Angst, Verzweiflung und einer Personendynamik, die sich erst im Laufe der Serie nach und nach aufklärt. Ich mag die Mischung von witzigem vermeintlich lockerem Alltag und düsterer Tiefe und Aufgreifen von gesellschaftlichen Themen, die immer wieder angekratzt werden. Man sieht die erste Party, auf der die Jugendlichen trinken und Spaß haben. Man sieht den Unterricht, die Schulgänge, die Schüler an ihren Spinden, bei Nebenjobs oder beim Basketball Spiel. Hannah nennt die erste Person, die eine Rolle in ihrer Geschichte spielt: Justin. Der Basketball Spieler war eigentlich in ihre Freundin verliebt, doch als die dann weg zieht, entwickelt sich ein beidseitiges Interesse zwischen Justin und Hannah.


Ja, mittlerweile ist das Nutzen von Handys als Kommunikationsform selbst in Filmen so weit verbreitet, weil man sich als Zuschauer wohl da auch irgendwie mit verbunden fühlt. Es wirkt auf mich aber immer etwas ungewollt komisch, wenn man Leuten dabei zusehen soll, wie sie auf ihr Handy Nachrichten schreiben, anstatt eine Szene zu drehen, in der sie sich was weiß ich wo treffen und eine richtige Unterhaltung führen, aber ist halt billiger zu filmen. Ich denke, die Serie wird auch sehr auf menschlicher Ebene glänzen, denn man erlebt den Alltag der Schüler und kann darüber nachdenken, wie es vielleicht im eigenen Leben manchmal abgelaufen ist und wo man vielleicht hätte besser handeln können, um Eskalationen zu vermeiden. Die erste Folge war in meinen Augen recht humorfrei, was ich aber auch erfrischend finde und ich mache drei Kreuze, dass nicht in den nächsten Folgen ein offensichtlicher comic relief sich präsentiert und mit unpassenden Witzen oder erzwungen lustigen Szenen Zeit für die richtige Handlung wegnimmt. Eine Serie, die sich fast nur komplett ernst nimmt, gibt es zumindest in meinem Spektrum selten und basierend auf den Themen, die mir jetzt schon gezeigt wurden, hoffe ich doch sehr, dass die Geschichte ernst genommen wird. - Ja, Justin wirkte auf mich sofort wie außen top, innen flop. Ein typischer Sportschönling, auf dessen charmante Präsenz manche Mädchen reinfallen, sich einlullen lassen, nur um letztendlich von ihm enttäuscht und verletzt zu werden. So scheint es auch in der ersten Folge passiert zu sein.


Ich finde die Kommunikation über Handys aber auch gar nicht mal unrealistisch und zumindest in dem Kontext meist sehr passend. - Ein wenig paradox:  Die Schüler haben Kommunikations Unterricht. Es geht um besseres Kommunizieren, um Nonverbales, um Verstehen und Signale und Hinweise. Insbesondere als Aufarbeitung des Suizids einer Schülerin, aber auch bereits davor. "Gebt Acht aufeinander", sagt übrigens Keiko Agena – die Schauspielerin von Lane aus Gilmore Girls – als Lehrerin.
Justin hat auf mich von Anfang an wie ein eher hohler Typ gewirkt. "Cooler" Auftritt, nichts dahinter. Auch wenn er nicht derjenige war, der das Foto weitergeschickt hat, hat er nichts dagegen getan und zuvor noch überheblich damit geprahlt, was so zwischen ihm und Hannah lief. Ekelhaft. Ich war in der achten Klasse und das erste Halbnacktfoto aus einer aus meiner Jahrgangsstufe hatte bereits die Runde gemacht. Auf der Klassenfahrt wurde es rumgezeigt und man sprach darüber. Es war für eine Person gedacht und endete auf den Laptops vieler Jungs. Das Mädchen war Thema, der Junge, der es an alle weiterschickte, nicht. Generell ein unglaublich großes und interessantes Thema, inwiefern Mädchen oder Jungen in ihrer Sexualität bewertet werden. Justin gilt vielleicht als der Idiot, der unnötigerweise die Fotos rumschickt, bekommt aber eher Respekt für seinen Erfolg, Hannah hingegen ist die Schlampe, die lieber hätte warten sollen.
Was ich an der Serie aber mag: Die Figuren sind nicht so komplett flach, wie am Anfang angedeutet. Die Cheerleader und Basketballer sind nicht die komplett unbeschwerten Stars und die eher unauffälligen Mitschüler tragen ebenfalls mehr mit sich, als man am Anfang vermutet. Eine meiner Lieblingsfiguren war schon zu Anfang übrigens Tony.


Ich wollte damit auch gar nicht sagen, dass es irgendwie unrealistisch ist, aber die Art der Kommunikation ist nun mal recht unpersönlich und ich finde es immer schöner, wenn man ein gesprochenes Wort in Serien oder Filmen hört. Man kann einfach viel mehr aus einer Szene rausholen, wenn man verschiedene Charaktere in einen Raum wirft und ihre ganze Gestik und Mimik in einem ständigen ist anstelle von zwei Menschen, die auf ihr Handy starren. Solche Wechselbade der Gefühle haben zum Beispiel bei Gilmore Girls in den oft vorkommenden Diskussionen zwischen Lorelai und ihrer Mutter stattgefunden und wurde da wie ein Musterbeispiel vorgetragen. Ich weiß, dass es eine andere Situation ist, als wenn man jemanden schreibt, ob man sich irgendwo triff, aber auch da hätte man telefonieren können. Ich reibe mich, schätze ich mal, zu sehr an der Nutzung der Smartphones auf, ich habe da lieber eine altmodischere, aber interessantere Methode, Kommunikation zwischen zwei Personen darzustellen.
Ja, das ist ein sehr wichtiges Thema und die Darstellung ist auch in diesem Fall sehr realistisch. Die Opfer sind nun mal der Hauptfokus, aber das Drumherum und wie es dazu kam, ist für diejenigen, die sich nicht wirklich für die Person interessieren, wohl schwer nachzuvollziehen. Ich denke, es passiert oft genug, dass Menschen, die eigentlich in der Verantwortung sind, sich für ihre Freunde und Bekannte einzusetzen, derer zu entziehen, weil es nun mal komfortabler ist, nur seine eigene Last zu tragen, als die der anderen auch noch zu erleichtern. Die Aussage der Lehrerin ist auch unheimlich wichtig, aber ob es zu den Schülern durchdringt, ist eine andere Frage.
Tony wirkte schon wie der coole Freund, zu dem man vielleicht wenig Kontakt hat, obwohl er eigentlich einem immer interessante Dinge zu präsentieren hat. Ich bin gespannt, inwiefern er noch in den Storyverlauf miteingebunden wird.
Die Serie scheint auch Fokus auf Diversität zu legen, also nicht nur weiße, amerikanische Personen als Hauptakteure zu fokussieren. Ich hoffe, dass da auch noch nachgelegt wird.


Oh ja, die Diversität hat mich auch sehr gefreut! Das zieht sich auch durch und zeigt auch verschiedene sexuelle Ausrichtungen und auch verschiedene soziale Klassenschichten, was ja nunmal auch die Charaktere sehr prägen kann. Generell zur Produktion: Eigentlich war eine Filmadaption geplant, in der Selena Gomez die Hauptrolle der Hannah Baker übernehmen sollte. Ich bin jedoch froh, dass es sowohl eine Serie und auch nicht Gomez in der Besetzung geworden sind, die jetzt allerdings Produzentin der Serie war und damit ihr Debut in der Funktion feierte. Brian Yorkey, Pulitzer Preisträger, hat das Drehbuch für die Serie geschrieben. Den Cast finde ich passend und gut spielend. Sofern ich das beurteilen kann, denn ich glaube nicht, dass ich sonderlich versiert bin, gute Schauspieler (sofern sie nicht katastrophal sind...) als solche zu erkennen. Vorher habe ich nur Kate Walsh, die die Mutter von Hannah Mrs. Baker spielt, gekannt. 

Oh, da freue ich mich schon drauf, zu sehen, wie die Gruppen so dargestellt werden und ob man Parallelen zu seiner eigenen Schulzeit sieht, im Guten wie im Schlechten... Ich habe nicht einen Film, geschweigedenn ihre Disney Serien mit Selena Gomez gesehen, von daher kann ich nicht urteilen, ob sie es nicht hätte ganz ordentlich hinkriegen können. Das Drehbuch wirkte an manchen Stellen schon nach Scheme F, aber das sind Methoden, mit denen sich der Otto Normal Zuschauer anfreunden kann, ohne sie groß zu hinterfragen. Alleine Hannah Bakers Einführung hat man in der Form schon in dreidutzend RomComs gesehen, in der verflossene Liebende, sich in Rückblenden erzählen wie ihre Geschichte verlaufen ist. Es ist rein funktionell und effektiv, aber auch etwas langweilig. Ich will aber nicht absprechen, dass noch ein paar starke Dialoge in den nächsten Episoden kommen und man muss auch alles in dem Kontext berücksichtigen, dass wohl überwiegend High School Schüler die Dialoge führen und das ist an die Altersgruppe angepasst. Apropos Altersgruppe, ich warte immer noch auf den Moment, in dem man endlich High School Schüler nimmt und nicht über 20-jährige, die High School Schüler spielen sollen. Es ist einfach sehr auffällig, dass man da rumtrickst und ich finde es schade, dass es bei den Studious wohl eine Dürre an guten, jugendlichen Schauspielern gibt. Nun, gute Schauspieler haben meist mimische Tricks, bestimmte Körperhaltungen, die sie auszeichnen und sie über andere heben. Man merkt, finde ich, immer, wenn ein Schauspieler in seiner Rolle aufgeht oder ein blankes Stück Papier mir da gerade versucht Emotionen zu vermitteln. Ich hoffe, dass dahingehend etwas folgt. Ich kenne bisher keinen der Schauspieler außer Keiko Agena, die mir sofort ins Auge gestochen ist, aber neue Gesichter sind mir immer willkommen.


Manche der Aufnahmen von Hannah finde ich ein wenig zu kitschig. Clay manchmal eben auch zu neutral und unschuldig gehalten, wie du selbst angemerkt hast. All das und auch die RomCom-Elemente, die durchaus noch vorkommen sind mir ein wenig too much, kann ich aber absolut dulden, da es ein Jugendbuch ist, das trotz allem – insbesondere wenn es um manche Klischees geht – dann doch nicht gänzlich in die Tiefe geht. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, wie realistisch ich die ganze Serie finde. Da können wir gerne nochmal drüber sprechen, wenn du komplett durch bist. Repräsentativ für jede High School bzw. Jahrgangsstufe Stufe? Nein. Realistisch? Ja. Ich war auf zwei verschiedenen Gymnasien, weil ich nach der 10. Klasse die Schule gewechselt habe. Und ich entdecke einiges von ihnen in der Serie. Auch aus meiner ... unserer [Anmerkung: Wir sind zuletzt auf der gleichen Schule gewesen] Jahrgangsstufe. Seien es konkrete Dinge, die passiert sind oder Figuren und ihre Handlungsweisen.
Hannah Bakers Eltern und die Schule in Form der Schulleitung, der Lehrer und des Beratungslehrers haben eine ganz eigene Auseinandersetzung, die parallel zum Schulleben der Kinder verläuft. Mr. und Mrs. Baker sind am Boden zerstört, weil ihre Tochter sich umgebracht hat, obwohl sie keine Hinweise dafür gesehen hatten. Ein Rechtsstreit entsteht. Ein Stück weit verständlich, aber ein Stückt weit vielleicht auch... typisch Amerika?








Ich denke auch, dass man den Realismus der Serie durchaus als größte Stärke sehen kann, wenn vielleicht andere Elemente nicht so perfekt sind. Ich mochte ja auch einige Kamerafahrten. Zum Beispiel die Fahrt durch die Vorstadt, wo man quasi mit Vogelblick auf das fahrende Auto schaut oder den Blick auf die Golden Gate Bridge (?), da haben sich die Macher Gedanken gemacht, wie sie noch ein paar schöne Szenenbilder reinbekommen und ich dachte anfangs auch, ob die Flashbackszenen nicht einen gewissen roten Filter draufhatten, der in den gegenwärtigen Szenen nicht vorhanden war. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Die Hintergrundmusik war da, aber nicht sonderlich präsent, halt die typische Serienuntermalungsmusik. Ich kenne ein Spiel namens Life is Strange, welches ähnliches versucht, das Leben einer schüchternen High School Schülerin darzustellen und es auch toll hinkriegt, die verschiedenen Charaktere, die man so finden kann, darzustellen und dazu einen traumhaft schönen, leicht melancholischen Indie Alternative Soundtrack bietet, welchen ich mir auch gerne öfters anhöre. Zumindest musste ich sofort daran denken, als ich die Musikuntermalung bei 13 Reasons Why gehört habe und rausholen könnte, auch wenn da auch der eine coole 80ereske Song drin war.
Und wie die Handlung vorangeht, klingt ja schonmal nach sehr vielen Verzwickungen und Irrungen und Wirrungen. Hoffentlich bleibt es für mich noch nachvollziehbar und ich hinterfrage nicht zu viel wie die Aussage von Hannahs Mutter, dass in Hannahs Spind ja gar keine Aufkleber seien, für uns als Zuschauer gab es meine ich gar keinen Hinweis, dass sie großer Sticker Fan sei, von daher wirkte es im ersten Moment seltsam, dass ihre Mutter das erwähnt. Aber vielleicht wird das auch in den nächsten Folgen klarer.


Den roten Filter hast du dir nicht eingebildet, denke ich. In den Rückblenden sind definitiv wärmere Farben zu sehen, finde ich.
Es gibt auch einige Szenen, die ich ein wenig unnötig fand. Manche Folgen auch wesentlich schwächer als andere. Ich fand es trotz allem sehr spannend. Das kommt durch viele Dinge zustande, glaube ich.
Der Erzählstrang  folgt dem Schulalltag von Clay, sowie der Begebenheiten von denen Hannah auf ihren Kassetten berichtet, die in Rückblenden gezeigt werden. Vergangenheit und Gegenwart vermischt sich in manchen Szenen, in denen Clay an Orten bestimmter Begebenheiten ist oder Hannahs Stimme zuhört und nachdenkt und sie in Tagträumen und Erinnerungen vor sich sieht.
Außerdem glaube ich, dass es der Geschichte zugute kommt, dass es nicht eine abgeschlossene Geschichte und eine Person nach der anderen als Gründe von Hannahs Selbstmord einfach abgehakt werden, sondern dass irgendwie alles miteinander verbunden wird. Nach Folge 1 ist Hannah "noch nicht fertig mit Justin", berichtet sie und mit der Zeit verflechten sich langsam alle Dinge, greifen einander auf und führen eben zu den Reaktionen und Geschehnissen, die noch folgen. Man weiß außerdem: Es gibt 13 Gründe. Es gibt vermutlich 13 Personen. Und einige von ihnen kennen wir vielleicht schon, manche noch nicht. Neugierde. Das Ende, die Gründe alle als Gesamtgrund kennen wollen. Aber auch Ungeduld. Wie bereits angedeutet: Mich nervt es, warum man nicht mal schneller durch die Kassetten geht. Andererseits hat das dann auch zu dem Spaß geführt, schon früher alles herausfinden zu wollen. Ich habe sehr auf Personen, Bilder, Motive und Aussagen im Vorder- oder Hintergrund geachtet, weil ich (so wie du vielleicht bei den Stickern) gehofft habe, darin einen Hinweis zu sehen, der mir mehr über den Verlauf verrät. Mal hat es geklappt, mal hab ich auch einfach überinterpretiert.
Die Geschehnisse und auch die Darstellungen werden von Folge zu Folge heftiger und erreichen in der Steigerung im Finale ihren Höhepunkt. Für die letzten Episoden hat Netflix sogar Warnungen vor Beginn eingebracht, weil Gezeigtes für Zuschauer verstörend und triggernd sein kann und explizite Darstellung von Gewalt- und Suizid enthält. All das erwartet man zu Beginn nicht.


Ja, ich finde eine langsame, sich zum Höhepunkt hoch arbeitende Geschichte auch wesentlich besser als eine, wo nur der Anfang super ist und alles danach immer weiter abbaut. Dann doch lieber mehr Zeit investieren, um am Ende für die Geduld ausgezahlt zu werden. Ich versuche auch oft, Namen zu interpretieren oder Hinweise zu erhaschen und mag es, wenn man sieht, dass die kreativen Leute dahinter sich Mühe gegeben haben, ein paar Indizien zu verstreuen oder vielleicht auch absichtliche falsche Fährten legen, da freue ich mich schon sehr darauf, wie es sich noch weiter zuspitzt und ich glaube, ich werde auch etwas Gewalt verkraften. Mittlerweile ist das Thema ja wesentlich gelockerter, auch weil jeder Jugendliche dank des Internets sich  jederzeit stundenlang gewaltgefülltes Material ansehen kann und man als Autorität da kaum etwas machen kann. Denn das Internet ist nun mal auch eine Informationsquelle für allerlei Dinge und man kann nur hoffen,  dass Jugendliche aus Inhalten aus dem Netz den richtigen Schluss ziehen. Das ist auch ein sehr interessantes Thema, wie Informationen verarbeitet werden und ich bin gespannt zu sehen, welche Konflikte sich noch in den kommenden Folgen aufbauen.


Genau so eine "Suche" mag ich auch gerne. Sehr oft aber auch nicht nur die Fährte des vergangenen (aber in der Serie folgenden) Handlungsverlauf, sondern die Abstraktion und Muster. Ich habe verschiedene Theorien, was die großen Themen sind. Werde wohl aber noch einmal von vorne gucken müssen, um sie für mich bestätigen oder verwerfen zu können. Die Auswahl der aufgegriffenen Themen finde ich nicht nur gut, auf schauderliche Weise realistisch, sondern eben vor allem: Wichtig.
Die Dynamik zwischen jungen Menschen, Degradierung durch Sexualisierung, die Folgen beider Dinge. Die Wahrheit. Was ist die Wahrheit? Wer lügt? Kann es mehrere Wahrheiten geben? Gerichtigkeit. Ist sie da? Muss man sie herstellen, wenn nicht? Und vor allem wie? Und eben Aktion und Reaktion, Kausalität. Eine kleine Sache kann zu einer großen Sache werden. Eine Sache führt immer zu einer weiteren. Dinge wären vielleicht nicht, wie sie sind, wenn vorher nicht andere Dinge vorangegangen wären. Was die eine Person vielleicht nicht schlimm findet, kann der anderen Person zu viel sein. In dem Song "How to save a life" geht es ja ebenfalls darum, dass man ein Leben allein dadurch retten kann, dass man zuhört. 
Das Hauptthema ist meiner Meinung nach die Scham, die Schuld an etwas Schlimmen zu tragen. Die Angst, dass tragische oder schlimme Dinge die Folgen von etwas sind, was man selbst verursacht hat. Dass man verantwortlich ist für das, was passiert ist. Das ist sowohl an der Grundhandlung – 13 reasons why Hannah Baker sich umgebracht hat – aber auch an einigen anderen Situationen und Geschehnissen in der Serie zu sehen, die Figuren zustoßen. "War ich selbst Schuld?" als Grundsatzfrage, die nicht immer mit Ja beantwortet werden kann.
Ich habe überlegt, wer diese Serie gucken sollte. Welche die Zielgruppe ist, der ich sie empfehlen würde? Eher für junge, ältere, eher männliche oder weibliche Zuschauer? Eher Jugendliche, die sich selbst in der Handlung sehen? Ältere Menschen, die Lehrer oder Eltern sind, die dadurch besser verstehen könnten? Jeder, der von bestimmten Geschehnissen betroffen war? Ich weiß nicht, wem diese Serie am meisten gefallen würde, ich bin mir aber sicher, dass eigentlich jeder etwas aus dieser Serie mitnehmen könnte und halte sie deswegen für wichtig für jeden, den ich kenne.


Ja, die Frage der Schuld ist immer unterschiedlich interpretierbar und jede Situation ist an verschiedene Umstände gekoppelt und ich denke, die Serie wird einen guten Job machen, alle Facetten aufzudecken und zu zeigen, dass nicht ein einziges Urteil das richtige ist, wenn man schon sieht, dass es 13 Gründe sind. Haben sie alle die gleiche Relevanz? Ist einer schwerwiegender als der andere? Wie soll man bei so vielen noch differenzieren? Sollte man überhaupt differenzieren oder kulminieren letztendlich alle nur in der einen entscheidenden Frage: Warum? Warum musste es passieren? Ich hoffe sehr, dass ich, nachdem ich die Staffel durchgesehen habe, diese Frage zumindest versuchen kann, für mich zu klären und meine eigene Interpretation des Handlungsverlaufs aufstellen zu können.
Ich denke, eine feste Zielgruppe gibt es nicht, aber schätze, sie peilen hauptsächlich die Altersklasse Jugendliche oder 20-30 jähriger an, welche nochmal in alter Schulnostalgie schwelgen könnten und sich an ihre Schulzeit zurückerinnern, welche je nach Lage auch schon wieder etwas her ist. Aber man kann durch die Figuren als Schablonen oft genug Parallelen zur eigenen Schulzeit sehen. Ich vermute, bei noch älteren war die Schulzeit noch völlig anders und da fällt der Vergleich schwerer, aber dafür kann man ja trotzdem die spannende Handlung immer noch genießen.
Insofern war Folge 1 schon mal ein guter, ausbaufähiger Beginn, aber ich bin definitiv neugierig wie es nun weitergeht und wie der verschiedenen Handlungsfäden ineinander verwoben werden.



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