Kapitel 3: Der Hund im Portrait der jungen Dame

Gehe ich in eine Kunstausstellung, betrachte ich die Malereien nicht nur aus einer Kontemplation heraus. Manchmal versuche ich, s...





Gehe ich in eine Kunstausstellung, betrachte ich die Malereien nicht nur aus einer Kontemplation heraus. Manchmal versuche ich, sie zu analysieren und zu sehen, was ich darin finden kann. Weiße Lilien stehen für Marienerscheinungen und sind Todesblumen. Auch ein Grund, warum sie oft zur Kondolenz verschenkt werden oder malerisch verarbeitet wurden. Ist auf einem Portrait einer adeligen Dame auch ein kleiner Hund zu sehen, hat das nicht unbedingt mit ihrer Tierliebe zu tun. In der Realität gab es in der Familie vielleicht niemals einen Hund. In dem Bild ist er lediglich Symbol. Der tugendhaften Dame wird damit Treue zugeschrieben. Was wäre in meinem Portrait vorhanden? Ein Taschentuch stellvertretend für meine Gefühlslage, ein Stift, ein Laptop, ein Wombat, als Symbol für meine Seele, ein Kaffee oder Energydrink dafür, dass ich mit Motivation und Disziplin manchmal übertreibe und länger wach bleiben muss?

Im April gehen mein Vater und ich ein wenig wandern. Durch Wälder, die keine richtigen Wege haben, über Trittpfade für Pferde und tatsächliche Wanderrouten. Er zeigt mir Stellen, wo er und sein bester Freund als Jugendliche gespielt haben. "Das ist der See der Hoffnung", sagt er einmal stolz und zeigt mir ein kleines Gewässer, das die Bäume und jeden Zweig spiegelt. "Der sieht auch richtig aus wie der See der Hoffnung", sage ich und staune über die Stille und den Glanz. Er und sein bester Freund haben diesen Teich so genannt, der eigentlich gar keinen Namen besitzt. Ich sehe einen Fischreiher, der komischerweise wegfliegt, als ich mit einem Fingerzeig  "Guck mal, ein Fischreiher!" rufe. Ich sehe Mäuse, Vögel und eine Schlange, an mir kleben Kletten. Ein paar Wochen später, ernte ich Kräuter en masse und trage eine elektrische Kettensäge, die sehr viel schwerer ist, als gedacht. Als Belohnung sitzen wir nachher bei einem Omelette mit selbst geernteten Schnittlauch und Mozzarella und Zitronenkuchen. Leben kann still sein, wenn man es so deutet. Wenn man es denn so deutet.

"Survival of the fittest" hat recht wenig mit "fit" im Sinne von Kraft und Vitalität zu tun. Viel mehr geht es um ein "fit in" im Sinne der Anpassung. Und anpassen kann ich mich eigentlich überhaupt nicht gut. Manchmal muss man es allerdings.  Also habe ich es getan. Ob ich wollte, oder nicht - es ging nicht anders.
Im Moment arbeite ich noch immer an dem Versuch, Brücken zu bauen, Fundamente zu schaffen, Raum zu finden. Und das sogar unabhängig vom Umzug. Etwas wie Zuhause finden. Etwas, das mir Sicherheit gibt. Nach etlichen Monaten will ich mehr als eine provisorische Lösung oder einen Zwischenzustand. Ich will raus aus diesem Fegefeuer und hinein in etwas, was wirkliches Leben ist und nicht nur das Warten auf den nächsten großen Schock, die nächste große Angst und das nächste aufregende Ereignis.









Jeder Germanistik Student kennt mit Sicherheit de Saussure und Genette - bei dessen Aussprache ich mich in sämtlichen Seminaren übrigens immer angesprochen gefühlt habe. Zeichen sind dann Zeichen, wenn wir sie zu solch etwas machen. Symbole sind dann Symbole, wenn wir ihnen eine symbolhafte Bedeutung zuschreiben. In der Natur selbst findet sich keine Doppeldeutung bevor wir sie nicht zu einer machen und ebendies aus ihr lesen.
Wie automatisch decodieren wir mittlerweile Codes, die wir irgendwann kennen gelernt haben. Rot bedeutet Stopp, grün bedeutet Gehen. Wie in einer Fahrschule für das Leben und unsere Kultur, wissen wir, was all diese Zeichen zu bedeuten haben. Oder können sie zumindest in einen Kontext einordnen. Ein Kreuz hat etwas mit dem Christentum oder dem Tod zu tun, ein Symbol, das unten eine Spitze hat und oben zwei Rundungen sehen wir als ein Herz, auch wenn unser organisches Herz tatsächlich ein wenig anders aussieht. Und obwohl das so ist, sehen wir sofort: Wow, irgendwas mit Liebe. Kinder malen es über ihre Zeichnung ihrer Familie, um zu zeigen, dass man sich lieb hat. Auf dem Alarmschild an Flughäfen ist ein Herz auch dort aufgemalt, wo auf Herzschrittmacher hingewiesen wird. Wir verschicken etwas Abtruses wie einen Emoji an jemanden, weil wir möchten, dass derjenige weiß, dass wir ihn mögen oder lieben.

Ich will nicht nur Verbesserungen, ich will, dass alles wieder gut wird. Ich will nicht nur klar kommen, ich will alles gut machen, wass verstehen und alles können.
"Frau Kinnert", beginnt die Dame vor mir erneut. "Ich glaube, dass Ihnen ihre Rationalität manchmal im Weg steht. Sie haben viel Theorie, was da nun sein könnte, aber Sie tun sich schwer, zu glauben und zu vertrauen. Und Sie haben so viel Ehrgeiz, Ihre Probleme lösen zu wollen und das Unmögliche zu verstehen, dass Sie wütend werden, wenn Sie es nicht schaffen. All die Abfolge von Unverständnis, Panik, Verzweiflung, Angst und Unruhe müssen in dem Kontext betrachtet werden. Ihnen ist keine Kleinigkeit passiert." Ich nicke und schüttele meinen Kopf gleichzeitig. "Und vielleicht", führt sie weiter aus, "brauchen Sie mehr Trost. Mehr Menschen, die Sie sehen und die Ihnen Verständnis geben, Sie verstehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und Sie müssen mehr Raum für die Seite lassen, die Trauer und Gefühl braucht, nicht bloß Pragmatik und Rationalität."

Ich liebe Verstehen. Ich glaube, dass es kein besseres Gefühl gibt, als das Verstehen. Selbstständig Muster, Konsequenzen und Ursprünge zu erkennen. Nicht bloß eine Liste und Anzahl von Wissen und Wissenswertem anzusammeln, sondern darüber hinaus einen gedankliches Sprung weiter zu kommen: Zusammenhänge und Bedeutung zu sehen. Sachverhalte und Beobachtungen sind noch immer genau die selben, doch stehen sie nun in einem anderen Licht. Man hat sie beleuchtet und verstanden und sieht sie klarer als etwas, was Teil von einem Großen ist. So geht es mir zumindest. Und das liebe ich so so sehr.

"Wie geht es Ihnen jetzt?"
"Besser."
"Und wissen Sie, warum es Ihnen besser geht? Weil Sie durch das, was wir gerade gemacht haben, wieder zu Ihren Stärken kommen. Sie können einerseits sehr gut in eine Metaperspektive gehen und abstrahieren, andererseits haben Sie eine äußert hochsensible Seite und sehen Details, wenn Sie Ihre Situation aus dieser Sicht betrachten"
Stille.
"Ich kann da aber nicht so einfach rein." Ich drehe die Taschentücher zwischen meinen Händen. "Ich kann nicht einfach wieder in eine Metaebene, wenn ich gerade irgendwo drin bin, wo alles einfach nur viel und wenig und schrecklich ist."











Das Buch meiner Schwester ist veröffentlicht. Ich laufe im Luisenviertel herum, das wohl eine der besten Ecken in Wuppertal ist. Ich streiche Wände, wasche Wäsche, sortiere meine Unterlagen. Ich treffe mich für meine Verhältnisse sehr häufig mit anderen Menschen. In der Hitze auf ein Kaltgetränk, im Schatten auf einen Kaffee. Ich habe nämlich wieder angefangen, Kaffee zu trinken und bin nicht stolz darauf.
An einem Freitag fahre ich nach Bonn in ein internationales Institut. Ich lasse mich nach kurzer Erklärung meines Anliegens von der Sekretärin ins Gebäude führen, warte vor einer riesigen weißen Tür und schaue hinauf auf eine Büste eines Philosophen. Ich muss einige Minuten warten, da kommt ein Kommilitone aus der Tür. Mein Einsatz. Ich rücke meine Kleidung zurecht, streiche mir das Haar aus dem Gesicht, betrachte meine Notizen zwischen den Händen und klopfe an die massive Tür.
"Ja, bitte!", ertönt es und ich öffne die Tür. Zwischen drei Meter hohen weißen Regalen voller Bücher, hohen Fenstern und einem verständnisvollen, interessierten Gesicht meines Professors, verkünde ich, worüber ich gerne schreiben würde, was mir dabei wichtig ist und welche Thesen ich vertrete. Ein Gespräch entsteht, in dem all die Aufregung abfällt und ich mich ernst genommen fühle. Ich fühle mich gut. Ich bin motiviert. Endlich, endlich ziehe ich das durch, endlich mache ich etwas richtig. Ich habe Vorstellungen, wie ich innerhalb weniger Wochen zu Deutschlands jüngster Philosophieprofessorin werde, einen Friedensnobelpreis kriege und bei Markus Lanz gefragt werde, wie ich all das denn schaffe und gleichzeitig so gut aussehe, sodass ich endlich Gelegenheit habe, Markus Lanz all das zu sagen, was mich an ihm stört, bis ich von Sicherheitsmännern aus der Sendung getragen werde und in die Geschichte eingehe, als die junge Dame, die für ihre Ideale einsteht.
"Also im Juni habe ich schon sehr viele Termine, habe ich eben gesehen", sagt mein Gegenüber mit englischen Akzent. "Aber dann hätten Sie nur zwei Wochen für die Rohfassung Ihrer Bachelorarbeit. Das ist sicherlich zu kurz..."
- "Nein!", sagt die motivierte junge Dame, die für ihre Ideale einsteht plötzlich und ich erschrecke. "Zwei Wochen, das geht auf jeden Fall", sage ich und suhle mich in meinem motivierten Mindset. Tage später sitze ich müde in meiner Wohnung und frage mich, was ich da getan habe. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee.





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