Leben ist kein Limonadenservice

Manchmal, da finden wir uns wieder und spüren: Das ist nicht das Leben, was ich führen will. Etwas stimmt nicht. Entweder wi...






Manchmal, da finden wir uns wieder und spüren: Das ist nicht das Leben, was ich führen will. Etwas stimmt nicht. Entweder wir wissen nicht genau, was los ist, liegen in den viel zu warmen Sommerlaken und starren an die Decke. Was ist das? Was ist dieses Leben? Wieso fühlt sich das so falsch an? Oder aber wir sitzen mit Kippen am Küchenfenster, schauen in die Nacht und erzählen unseren Freunden von all dem, was scheiße ist. Wir starren hinaus, damit niemand die feuchten Äuglein bemerkt, während wir erzählen, wieso die Beziehung, in der wir sind, nicht die ist, die wir wollen und verdient haben, wieso die Familie belastend ist, weil sie von traurigen Umständen geprägt ist und wieso auch generell unsere Leben auseinanderzubrechen scheinen. Wieso unsere Freunde nicht für uns da sind, wieso wir nicht das studieren, was uns eigentlich interessiert, wieso man den Eindruck hat, jeder um einen rum würde mehr erreichen als man selbst.
Und manchmal, wenn wir all das spüren, da muss ich mir klar machen: Das Leben ist kein Dienstleister. Es gibt dir selten Zitronen. Denn Zitronen muss man nun mal kaufen oder anbauen. Und das Geld dafür muss man verdienen und das Anbauen von Zitronen ist hier auch nicht so einfach, wie das Halten eines Ikea-Sukkulenten.

Ich spreche niemanden ab, an Schicksal und an Gott zu glauben und das nicht alles kontrollierbar ist und in unseren Händen liegt, denn das tut es nicht. Geliebte Menschen sterben. Geliebte Menschen hören auf, dich zu lieben und brechen dir dein Herz. Geliebte Menschen werden krank. Und dagegen kann man nichts tun. Gesellschaft verändert sich, Freunde, Umgebung, Stimmung, Umstände ändern sich. Man verliert einen Job, man fühlt sich schrecklich, man verändert sich. Das passiert. Aber das passiert jedem Menschen gleichzeitig. Dir, wie mir, wie meinem Nachbar, Freund, deiner Tante und der ehemaligen Partnerin deines besten Freundes. 







Während es einem selbst schlecht geht, vergisst man die Welt um einen rum. Als meine Mutter starb, dann mein Dozent und sich durch viele Umstände mein Leben plötzlich so anfühlte, als sei ich der größte Versager und alles sei schlimm, habe ich mich verkrochen. Bloß nicht auf Dinge angesprochen werden, bloß nicht all die Erinnerungen hochkommen lassen, einfach nur liegen und leiden und weinen. Und das war wichtig. Sich die Dinge fühlen lassen, die man fühlt. Die Dinge unfassbar ungerecht und schlimm und traurig finden, die nun einmal unfassbar ungerecht und schlimm und traurig für einen sind. Menschen kommen manchmal nicht wieder. Dinge lassen sich manchmal nicht ändern.
"Und jetzt?", habe ich gefragt. "Ich weiß nicht, was ich tun soll." Noch immer Fragen und Gedanken, die bei mir aufkommen und auf die ich ganz allein nicht immer Antworten finde. Betrachte ich mich jedoch mit Distanz und höre meinen Freunden zu, was sie in den letzten Jahren eigentlich durchmachen mussten, da werden mir manche Dinge klarer und der Nebel von Verzweiflung, Wut und Antriebslosigkeit löst sich ein kleines wenig auf. Bei all den unveränderlichen Umständen, die um einen rum passieren, vergisst man die Variable, die sich doch noch formen lässt: Sich selbst. Was muss ich tun, damit es für mich besser wird? Was an mir, an meinem Leben belastet mich? Du musst dir deine scheiß Zitronen selber holen, wenn du Limonade oder Tequila trinken willst. Du kannst von anderen nicht all das erwarten, was du selbst nicht bereit wärst, zu geben. Du kannst nicht einfach nur hoffen, dieses eine Leben zu leben, das du dir so perfekt vorstellst. Der Traumjob wird dir nicht zufliegen, Talent nicht und die Menschen, die du gerne um dich hättest, auch nicht. Du bist nicht plötzlich der Mensch, der du gerne wärst, indem du bei dem Punkt stehen bleibst, es dir zu wünschen. Du musst arbeiten, um an einen Punkt zu kommen. Und das meine ich nicht nur in einem Sinn, der sich auf Berufs- und Studentenleben oder Karriere bezieht. Dass es mir mental besser geht, verdanke ich nicht nur der Zeit, sondern dem Umstand, dass ich daran arbeite. Dass ich Freunde habe, die für mich da sind und sich Mühe geben, mich zu verstehen, liegt auch daran, dass ich das die letzten Jahre gemacht habe. Dass ich mehr von mir selbst halte, als ich es noch vor einigen Jahren getan habe, liegt daran, dass ich manchmal wage, das zu tun, was ich eigentlich auch will. Heule so viel, wie du es brauchst. Lieg so viel rum, wie du es brauchst. Isolier dich, sei wütend, und traurig und leer. Aber dann, dann sei mutig und mach weiter. Verändere und übernimm Verantwortung für dich und dein Leben. Wer soll es ändern, wenn nicht du selbst?


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