The lovely BILD Zeitungs Rezension

Es war der 22. Juni 2017, ein heißer Tag in einem Altbau in der Großstadt, als man im Treppenhaus - froh, endlich im Schatten zu sein - an...


Es war der 22. Juni 2017, ein heißer Tag in einem Altbau in der Großstadt, als man im Treppenhaus - froh, endlich im Schatten zu sein - an seinen Briefkasten schritt und ihn mit klimpernden Schlüsseln aufschloss. Bitte nicht nur Flyer, denkt man sich. Bitte auf keinen Fall Rechnungen. Bitte lieber nichts oder vielleicht eine Postkarten von Oliver, der gerade im Urlaub ist. Ich kenne keinen Oliver und wurde dennoch enttäuscht: Die Bild lag in dem quadratischen Blechkasten, der auch nicht wusste, wie um ihn geschah.

Unangekündigt verschickte und verteilte der Springer Verlag die BILD gratis in die Briefkästen der Nation, um das 65-jährige Bestehen des Boulevard-Blattes zu feiern. Oder wie die Bild es ausdrückt: "FÜNF!UND!SECHZIG!JAHRE!" Ich nehme sie mit hoch, verlebe meinen Alltag und kehre irgendwann nun doch wieder in meinen Flur zurück, in dem ich das Häufchen verbrauchtes Papier auf meinem Schuhschrank wiederfinde. Lesen? Zumindest mal angucken? Ich weiß ja nicht. LUST AUF DEUTSCHLAND steht in fetten Lettern auf dem Titelblatt. Daneben ein blondes Model in Bikini, Dosenbier in der Hand. Einen Fuß, mit Sportsocken und Adiletten umhüllt, auf eine Kühltruhe ablegend. Nationalismus, Sexismus, Stereotypen - wer liebt es nicht? Die Bild Zeitung hat Lust auf Deutschland, will herausgefunden haben, warum uns die Welt um unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unsere politische Stabilität beneidet. Und um den Fußball sowieso. Ich habe daran wenig Interesse. Widerspreche den Prämissen, vor allem aber verstehe ich nicht, was Toni Garrns Brüste, ein knutschendes Paar im Hintergrund und ein paar Füße im wesentlichen mit der Republik zu tun haben. Aber dennoch, bilde ich mir meine Meinung.

Weniger als eine Woche zuvor sitze ich in einem Journalismus Seminar in der Uni. "Was ist für Sie guter Journalismus? Welche Personen, welche Zeitungen, Eigenschaften, Formate?", fragt die Dozentin und verlässt sich auf unsere vorbereiteten Beiträge. Ich schaue auf meine Notizen und höre das lachende Tuscheln zweier Politikstudentinnen neben mir. "Wäre einfacher, wenn gefragt ist, was schlechter Journalismus ist...."
Nach Diskussionen über gesichertes Wissen, Neutralität, Interviews, Reportagen, den Wandel des Journalismus in Deutschland, Seriosität, investigative Bemühungen, die Panama Papers, große Wochen- und Tageszeitungen und das Verlagswesen ergänz ein Kommilitone: "Für mich ist die Bild Zeitung guter Journalismus."
"Sie sind der Erste seit Jahren, der das sagt", bemerkt die Dozentin kritisch, aber nicht weniger zufrieden.
Die Bildzeitung ist publikumsnah und hat eine enorm hohe Auflage. Sie hat Macht, sie macht Stimmung. Und entspricht inhaltlich auch den Erwartungen, die man hat, wenn man an sie denkt. In den letzten 65 Jahres hielt sie sich und bestimmte mit, worüber gesprochen wird, sie war mutig und innovativ.
"Aber halt auch scheiße", möchte ich ergänzen und traue mich nicht. Ich habe tatsächlich absoluten Respekt vor dem, was sie erreicht haben. Dir ethische Frage und die ethischen wie rechtlichen Grenzen des Journalismus sind für mich jedoch zentral.

Kristina Lunz hat im Herbst 2014 die Kampagne StopBildSexism ins Leben gerufen. Sie ist ebenfalls Teil der Kampagne “Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #Ausnahmslos” und hat gemeinsam mit UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V. die Kampagne “Nein heißt Nein” zur Reformierung des Sexualstrafrechts ins Leben gerufen. 
Sexismus der Bild-Zeitung zeichnet sich mitunter durch die Darstellung aus, wie Frauen und Männer grundsätzlich präsentiert werden. Männer sind Gestalter. Sie sind aktiv, sind Politiker, Sportler, Wirtschaftsmacher. Frauen? Neben einzelnen Ausnahmen sind die Bild-Girls, Models, Frauen-von-jemanden, sexy Nacktschnecken mit kecken Lächeln auf den Lippen. Wie Forschung schon seit Langem bewiesen hat, trägt das zu Alltagssexismus bei. Das heißt, wenn Frauen in unseren Massenmedien wie Bild fast ausschließlich als Lustobjekte dargestellt und nicht wertgeschätzt werden, dann überträgt sich das auf den Alltag, so die Kampagne. Frauen werden dadurch im Alltag weniger ernst genommen und der mediale Sexismus resultiert ebenso in sexuellen Belästigungen und anderen Formen sexualisierter Gewalt.




Zurück zur gratis und ungefragten wie unverlangten Bild in unseren Briefkästen.

Seite 1: Toni Garrn zwinkert mir zu. Die Bild Chefredakteurin Tanit Koch leitet mit ein paar Worten ein, dass sie sich vor allem eines wünscht, dass BILD Sie stets zum Staunen bringen möge. 
Die Aldi Talk Werbung und die Werbung für want (Die Suchmaschine, die Ihre Privatsphäre respektiert) rahmen das Geschehen ein. Was uns erwartet? Jogi, Klinsi, Franz, Rudi und Berti reden über Titel, Angela Merkel und Martin Schulz plaudern über Deutschland und auch noch irgendwas mit Geigen und Autos.

Seite 4: Die gesamte Seite wird gefüllt von einem Artikel. Oder eher von Bildern mit ein wenig Text drumherum und einer Anzeige. Was wir Wichtiges mitnehmen: Adiletten können so sexy sein. Toni Garrn schon wieder. "Wer Toni Garrn (24) trifft, ist schock-fasziniert. Selbst, wenn sie Tennis-Socken trägt. Swimming-Pool-Augen. Intelligente Schönheit - sie ist schlank und erstaunlich groß (184cm). Das Wichtigste: ihr helles, ansteckendes, hanseatisches Lächeln." Und so geht es weiter. Das Model schildert ihre Modelkarriere, über deutsche Gerüche, ihren Traummann, über Rosé, Adiletten und was innere Werte damit zu tun haben. "Eine Traumfrau." so das fett gedruckte Fazit.

Seite 5: Werbung für Facebook. Und für Privatsphäre auf Facebook. lol.
Seite 6: Wann lernen unsere Autos fliegen?
Seite 10: Werbung für die FUSSBALL Bild: Jetzt täglich am Kiosk. Die neue Bibel für Fußball-Fans. Und wer den Wunsch-Titel bestellt, kassiert 65Euro. Außerdem: Gratis-Champagner für die Schnellsten!

Auf einer Seite ist zu lesen, wie der Beruf als Bild Reporter aussieht. Repräsentativ dafür werden Unruhen in Venezuela, der Krieg gegen ISIS im Irak, die Todes-Seuche Ebola in Liberia, Hungersnot in Ost-Afrika und Gefechte in der Ost-Ukraine gezeigt. "Wurde von Polizei verprügelt, bin aber ok", berichtet ein Bild-Reporter. Neben den Artikeln, in denen Merkel und Schulz eine Rolle spielen. Aber ich kürze ab:

Seite 17: "Endlich hat Vicky Leandros einen echten Theo gefunden, der mit ihr nach Lodz fährt: Theo Waigel, Finanzminister unter Altbundeskanzler Helmut Kohl und "Vater des Euro"
Seite 18: Werbung für All you need fresh.
Seite 19: Es war einmal ein Winzer, ein Start-up-Star, eine Influencerin und ein Koch. Und Werbung für Fiat.
Seite 20: Deutschland Quiz und sonnenklar.tv Anzeige "Dubai für alle!"
Seite 21: Werbung für Kaufland.
Seite 22f: Doppelseiten Special: DER RUDI-FRANZ-BERTI-JOGI-KLINSI-GIPFEL.
Seite 23: In den ersten 6 Monaten für nur 4,90€ McFit!!!

"Na ja, man muss das ja auch erstmal schaffen", sagt der Kommilitone in meinem Seminar.
"Was jetzt genau?"
"Dass man Inhalte so kurz fassen kann. Das ist nicht leicht."

Im Rahmen meiner Bachelor Arbeit recherchiere ich gerade viel zum Thema Sprache und Gesellschaft. Genauer: Den Einfluss, den Sprache auf unser Denken hat. Und daraus resultierend, wie sich unsere Konstruktion von Wirklichkeit formt und welchen Einfluss das auf soziale Wirklichkeit, Gesellschaft, Unterdrückung und subjektiv beeinflusstes Weltbild hat. Ergebnisse sind: Die Sprache, die wir sprechen, die Begriffe die wir haben, den Wortschatz, den wir für Dinge besitzen, der prägt unsere Intelligenz und unsere Anschauungen. Je mehr Sprachen, je größer der Wortschatz, desto differenzierter ist die Wahrnehmung.

"Die Trilogie ist geschrieben: Für die Otto Brenner Stiftung (OBS) der IG Metall haben der Kommunikationswissenschaftler Hans-Jürgen Arlt und der Publizist Wolfgang Storz seit 2011 in drei Studien das Treiben der Bild-Gruppe analysiert. In ihrer letzten Bild-Studie fällen die Autoren ein hartes Urteil. Darin heißt es: Bild und BamS machen keinen Journalismus.
Parteilichkeit, Willkür in der Themenauswahl, Kampagnen-Journalismus. Diese drei Schlagworte dürften die Wahlkampfberichterstattung von Bild und Bild am Sonntag (BamS) im vergangenen Jahr beschreiben. Dieses Fazit ziehen zumindest Hans-Jürgen Arlt, ehemaliger Kommunikationschef beim DGB, und Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, in ihrer Studie „Missbrauchte Politik“, für die sie Bild und BamS im Bundestagswahlkampf vergangenes Jahr analysiert haben. Bereits in zwei vorigen Studien haben die Wissenschaftler die Bild-Medien als Verkaufsmaschine  bezeichnet. Nach der Analyse des Bundestagswahlkampfs nehmen die Autoren nun sogar vom Begriff des Journalismus Abstand. Die Bild-Chefs betrieben Publizismus „als Mittel für ihre Unternehmensziele“, so Arlt und Storz. Der „Gewinn pro Aktie“ sei zum „alleinigen Entscheidungskriterium geworden“. Es sei egal „inwieweit die Veröffentlichungen, mit denen das Geld verdient wird, journalistische sind.“ (meedia, 2014)

Das gesicherte und fundierte Wissen und die präzise Analyse und der zusammengefasste neutrale Informationsgehalt der Bildzeitung. Yes, we know it. Der Bild werden zahlreiche Eingriffe in Privat- und Intimsphäre vorgeworfen, sowie Verstöße gegen den Pressekodex und wurde mehrfach verurteilt.

"Diese Bild Sonderausgabe für alle deutschen Haushalte ist unser Bekenntnis, dass wir an eine noch bessere Zukunft für Deutschland und den Journalismus glauben", so der Marken-Chefredakteur Julian Reichelt. Die Bild sei ein Teil dieses weltoffenen Landes und "wer wissen will, wie Deutschland fühlt, liest Bild, gedruckt oder digital. Unabhängiger Journalismus ist ein großartiger Teil von Deutschland, und Bild wird auch in Zukunft weiterhin mit aller Leidenschaft dafür eintreten."

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  1. Ja, der Sexismus ist problematisch, auch wenn den Lesern durch die Beförderung von Tanit Koch inzwischen klar sein dürfte, dass wir uns nicht mehr in den 70ern befinden. Die Bild leistet trotz allem regelmäßig sehr wichtige Beiträge zur öffentlichen Debatte - beispielsweise die Veröffentlichung der Doku "Auserwählt und ausgegrenzt", die Beiträge zum Krieg Russlands in der Ukraine und ganz aktuell die Umtriebe von Linksradikalen in Hamburg.

    Grundsätzlich die Frage nach der Deutschen Identität (sofern existent) zu stellen, ist auch richtig - Angies Antworten haben mich zwar gelangweilt, was sie allerdings nicht falsch macht. Und schade, dass du nicht näher auf das Interview mit Zetsche und Müller eingegangen bist, die sehr prägnant die Herausforderungen der Deutschen Autoindustrie beschrieben haben.

    Des Spaßes halber hier die Unternehmensgrundsätze der Axel Springer AG (von denen ich sicher bin, dass du sie teilen würdest):

    Wir treten ein für Freiheit, Rechtsstaat, Demokratie und ein vereinigtes Europa.
    Wir unterstützen die Lebensrechte Israels.
    Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.
    Wir lehnen politischen und religiösen Extremismus ab.
    Wir setzen uns für eine freie und soziale Marktwirtschaft ein.

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