Gedankenexperiment: Eminem und das Infinite Monkey Theorem

Ich liebe Eminem. Das mag ein streitbarer Musikgeschmack und für den, mir nicht sehr nahen Leser vielleicht auch eine etwas überrasch...


Ich liebe Eminem. Das mag ein streitbarer Musikgeschmack und für den, mir nicht sehr nahen Leser vielleicht auch eine etwas überraschende Eigenheit sein, entspricht sie jedoch einer lang gehüteten Wahrheit: Ich liebe Eminem und halte von ihm als Musiker, aber auch als über-sich-selbst-nachdenkende Person voller Fehler viel. (Mal abgesehen von seinem grandiosen Humor und seiner Selbstironie!) Eminems neues Album Revival, das vor kurzem erschienen ist, hat nicht nur gute Kritiken bekommen, von mir allerdings sehr viel Lob. Walk on Water ist wohl eines der poetischsten und subtil klügsten musikalischen Beiträge, die ich in der letzten Zeit aus diesem Genre gehört habe. Und um zumindest einen Einblick zu bekommen, möchte ich das produzierte Musikvideo erklären mithilfe eines bekannten philosophischen Gedankenexperiments: Der tippende Affe an der Schreibmaschine.

Der Affe an der Schreibmaschine

Ab Minute 1:38 in dem Musikvideo von Walk on Water sieht man Eminem in einer dunklen Kulisse in einer Art Klassenzimmer sitzen. Vor ihm: Eine Schreibmaschine. Was das jetzt mit Philosophie zu tun hat und wieso man ihn nun als Affen bezeichnen könnte, scheint zuerst unklar. Um es noch mysteriöser zu machen: Das Gedankenspiel versucht das Konzept von wahrscheinlichen Realitäten in einer Unendlichkeit zu fassen. Die Referenz dieser Szene soll einen kreativen Prozess darstellen, in dem ein Künstler versucht und versucht etwas Großartiges zu erschaffen. Eminem verarbeitet seinen Kampf mit den Erwartungen, die seit seinen Erfolgen an ihn gesetzt werden. Why, are expectations so high? Is it the bar I set? My arms, I stretch, but I can’t reach.

Das Konzept einer Unendlichkeit besteht in einer Freiheit von Grenzen und Unvorstellbarkeit von Möglichkeiten. Das Infinite Monkey Theorem besagt, dass Unendlichkeit entsprechen in einer solchen Weise endlos ist, dass man einen Affen an eine Schreibmaschine setzen und ihn ewig zufällig auf den Tasten herumschlagen und -tippen lassen könnte und es bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass er eventuell, wenn nicht sogar ganz sicher das gesamte Stück Hamlets Wort für Wort getippt hätte. Wieso, wenn doch offensichtlich bloß eine willkürliche Abfolge irgendwelcher Buchstaben auf dem Papier landen würden? Die Wahrscheinlichkeit, dass er – vor allem in unserer Annahme, dass er Shakespeare natürlich nicht kennt, gelesen hat oder in der Weise wahrnehmen und verstehen kann, wie wir es tun – die genaue Abfolge von Tasten drückt, die dem gesamte Stück entsprechen ist natürlich sehr gering. Innerhalb der Vorstellung der Unendlichkeit jedoch hat jedes Geschehen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, dass es geschieht. Eine mathematisch recht simple Annahme, die in verbildlichter Sprache überraschend wirkt.



"Shakespeare of our time" ist einer der Top-Kommentare unter dem Musikvideo auf Youtube und drückt ironischerweise genau das Gegenteil von dem aus, was gezeigt werden soll: Eminem sieht sich nicht als Shakespeare, sondern sieht sich als den Affen, der bloß zufällig etwas in die Schreibmaschine getippt hat und lehnt jede Überhöhung ab. Genau diese war es, die ihn unter Druck setzte und vom künstlerischem Schaffen abhielt.  Die Standards, die seit der ersten Platte von Marshal Mathers gesetzt wurden, waren mehr Fluch als Segen. A flawed human, I guess.  But I'm doin' my best to not ruin your expectations. [...] God's given me all this, still I feel no different regardless / Kids look to me as a god, this is retarded.
Was Eminem mit diesem Song tut, ist ein Relativieren seines idealisierten Ichs. "I walk on water", singt Queen Beyoncé biblisch. "But only if it freezes", vermenschlicht die Gestalt Eminems als Künstlers. "I am only human." Ein Mensch, der nicht anders ist, als alle anderen, der lediglich eine der unwahrscheinlichen Möglichkeiten erwischt hat.

'Cause I'm only human, just like you
I've been making my mistakes, oh if you only knew
I don't think you should believe in me the way that you do
'Cause I'm terrified to let you down, oh
If I walked on water, I would drown


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