Kapitel 6: Anfang und Ende des normalen Lebens

"Inzwischen sehe ich: Diese Frage entspricht einem Aufschei hilfloser Wut, ein anderer Ausdruck für: Wie hatte das passieren könne...


"Inzwischen sehe ich: Diese Frage entspricht einem Aufschei hilfloser Wut, ein anderer Ausdruck für: Wie hatte das passieren können, wo doch alles normal war?"

Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich "Sehr gut, danke. Und selbst?" Daraufhin antwortet die Person zumeist mit einem ebenso bestätigenden "Gut!" oder einer Bemerkung darüber, dass sie heute müde oder genervt sei, vielleicht eine Information über eine Prüfungsphase oder eine Projektarbeit auf der Arbeit, die viel Zeit beansprucht und stressen würde, aber ansonsten sei alles "Ganz gut."
Wenn mich dieselbe Frage allerdings jemand fragt, der mich sehr gut kennt und das in einer bestimmten Tonalität der Stimme und einem wissenden Blick tut, dann antworte ich "Besser"  und beende damit dieses Thema, ohne dass wir es überhaupt anschneiden konnten. Wissend. Wissentlich der Dinge, die in den mittlerweile letzten zwei Jahren ohne meine Mutter in meinem Kopf vor ingen. In den zwei Jahren, in den ich traurig war und unglaublich viel Angst hatte. Und ich bin noch immer traurig und noch immer habe ich Angst, aber es ist... besser.

"Meine Gedanken sind voller Veränderungen", sagt die Studentin an der Ampel neben mir. Ich war in Bonn gerade aus dem Universitätsgebäude gekommen und fast in sie hinein gelaufen. Sie trägt einen gelben Beutel voller Bücher. "Freut mich, dass du das genauso siehst", sagt sie und verabschiedet sich damit von ihrem Telefon.


Manchmal breche ich in Gesprächen zu schnell meine Gedanken wieder ab. Ist man einmal an einen Punkt gekommen, an dem ich eine Überlegung vertiefend auseinander ziehen möchte wie ein gekautes Kaugummi, das man zwischen seinen Fingern immer und immer weiter auseinander dehnt,  dann verliere ich mich darin. Ich erkläre das, was für mich Bedeutung hat und ergänze und ergänze mit weiteren Gedanken, die ich dabei  ebenfalls einmal hatte und revidiere, dass es auch etwas mit diesem zu tun haben könnte oder von jenem geprägt ist, was ich erlebt habe. Ich stelle ganze Theorien auf, die ineiner gekoppelt und gestuft sind, aber in meinem Kopf so viel Sinn ergeben, dass ich in meiner Erzählung irgendwann dennoch stoppe, wenn mein Gegenüber nichts erwidert. "Aber egal", sage ich dann unsicher, "Ich wollte dich jetzt nicht damit langweilen." Ich unterbreche und fühle mich durch mein eigenes Verhalten gekränkt. Wieso erzähle ich das? Ergibt das denn überhaupt Sinn? Ist das ein dummer Gedanke? Langweile ich die Welt?
"Nein, nein, das war sehr interessant!", sagt man mir. Ich weiß nicht, ob ich das glaube.

Ich fühle mich wie in einem Zwischenstadium. Nichts ist gut, aber es ist auch nicht nur schlecht. Niemand meiner engen Familie wohnt mehr in der Stadt, in der ich lebe. Ja sogar mein Partner war für mehrere Monate aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden und was blieb war Zeit, in der ich mich ungebunden fühle. Alle sind weg, denke ich traurig. Kein Halt. Alle sind woanders, denke ich neutraler. Eine Schwebe und Ungebundenheit. Was macht es jetzt für einen Unterschied, ob ich hier bin oder auch woanders? Alle sind da. Alle sind woanders. Aber alle sind da.

Ich packe feuchte Wäsche aus der Waschtrommel in meine knittrige Ikea Tasche und schaue aus dem Fenster. Dicke Flocken Schnee fallen vom Himmel und es scheint, als würden sie nie dort ankommen, wo sie wollen, denn die Erde wird nicht weiß.

"Das hier ist mein Versuch, der Phase, die darauf folgte, einen Sinn abzugewinnen, den Wochen und Monaten, in denen sich jede feste Vorstellung auflöste, die ich jemals vom Tod hatte", schreib Joan Didion. "Von Krankheit. Von dem, was wahrscheinlich ist und was Glück, was ein glückliches Schicksal und was ein trauriges ist, von dem, was Heirat und Kinder und Erinnerung sind, was Trauer bedeutet und wie Menschen sich mit der Tatsache, dass das Leben irgendwann aufhört, auseinandersetzen. Davon, wie flüchtig geistige Gesundheit ist, und vom Leben selbst."

Ein Freund von mir ist Künstler. So würde ich das nennen, auch wenn er selbst es vermutlich nie täte. Nach der Schulzeit zog er in eine wunderhübsche kleine Stadt, in der das größte unzerstörte Barockschloss Deutschlands steht und studierte dort an einer Akademie. Stundenlang sitzt er dort an Computern und ist Schöpfer von visuellen Welten, die er aus dem Nichts schafft. Und über weitere Stunden hinweg sitzt er mit Freunden in Bars und trinkt Gin Tonic, um die Freizeit nachzuholen, die er einst für seine Arbeit geopfert hat. So oder zumindest so ähnlich stellte ich mir seinen Alltag dort vor. Als er in diesem Frühjahr von seinem einjährigen Aufenthalt in London wieder zurück in die Heimat kam, saßen wir acht Stunden auf alten Polstermöbeln in einem Café und sprachen über die Menschen, die wir kennen, über die Welt, die uns noch offen steht und das Leben, das wir gerade versuchen zu meistern.
Ich bestelle Chai Latte. Er trinkt Tee, Gin und isst eine Tarte.
Was wir jeweils machen, ist sehr unterschiedlich, finde ich. Ich habe keine Ahnung von all den Dingen, die er da tut und weiß bei vielen dieser englischen Spezialbegriffen nicht einmal, was sie bedeuten. Und trotzdem haben wir auf dieser beruflichen und kreativen Hinsicht viel gemeinsam. Der Wunsch, etwas zu tun, das einem selbst entspricht, das einem etwas gibt und für das man sich tatsächlich interessiert, nicht etwas, von dem man glaubt, es irgendwie zu müssen. Die selbstständige Ambition, darin besser zu werden und mehr zu erreichen, als das, zu dem man bisher fähig ist. Sich mit neuen Ideen auseinandersetzen zu wollen, die hin und wieder wie Geistesblitze aus den Köpfen sprudeln. Den Druck, den man sich selbst auferlegt und darunter leidet. Wir kommen an einen Punkt, von dem ich nicht wusste, wir könnten uns darin ähneln.
"Ich glaube, dass viele vielleicht auch einfach das Problem haben, gar nicht zu wissen, was sie machen wollen."
Ein Gedanke, der mir nur sehr selten kam. "Ja, da hast du wahrscheinlich Recht."
Wir überlegen.
"Ich wusste irgendwie schon fast immer, was ich machen wollte." Und es stimmt. Ich war in der Grundschule, als ich bestimmte Bücher für mich entdeckte und anfing all das zu lieben. Ich werde Autorin werden, war für mich schnell klar. Ich schrieb meiner deutschen Lieblingsautorin und meinem Lieblingsautor aus Österreich, fragte sie, wie sie schrieben, bekam Antworten auf die dümmsten Fragen und signierte Karten zurück geschickt. Fantastisch, dachte ich. Und fühlte mich sehr nah an dem, selbst Schriftstellerin zu sein. Mit zehn Jahren erstellte ich ganz allein meine erste Homepage und lernte zufällig mit HTML zu arbeiten, auch wenn all das nie wie Arbeit erschien. Ich schrieb Kurzgeschichten über meine Freunde, tritt mit zwölf in die Schülerzeitung ein und ging erst wieder, als ich Abitur hatte. Ein Blog, als sinnvolle Fusion zwischen Homepage und eigener Schülerzeitung, war eigentlich der genau logische Schritt, den ich zehn Jahre lang weiter führen würde. Und immer, ja immer, schrieb ich. Nicht gut, nicht immer viel. Viel öfter brachte ich Dinge nicht zuende, als dass ich sie als 'fertig' präsentieren konnte. Und immer, ja so lange ich mich richtig erinnern kann, wusste ich: Das will ich machen. Schreiben. Ich werde und will schreiben.
"Genau so ist das bei mir auch", erklärt er. Sehr früh habe er gewusst, was er mal machen möchte. Sehr früh habe er sich in seiner Freizeit damit beschäftigt und sich selbst diese Dinge beigebracht.
"Ja, komisch, oder?" Die Frage war mehr für mich als für ihn gedacht.
Sehr oft zweifele ich daran, ob ich all das denn kann, das Schreiben. Ob das, was ich will nicht vielleicht unmöglich ist. Zumindest für mich, weil ich vielleicht einfach nicht gut genug darin bin. Aber niemals habe ich infrage gestellt, dass es das ist, was ich will. Auch dieser Gedanke ist es, den ich meinem Freund beim Italiner erzähle, als ich meine Spaghetti in Gorgonzola Sauce drehe und genüsslich zerkaue.. Luxus ist das. Wissen, was man will. Ein Privileg.

"Ich glaube, die Leute verstehen gar nicht, was wir beide haben."
Rascheln von Daunendecken. Hände an Gesichtern.


Im November veröffentlichte ich für Refinery29 einen Artikel zum Thema Vernunft. Wenn alle anderen ihre Uni-Zeit feiern & du um 23 Uhr ins Bett gehst. Ich frage mich – halb ironisch, aber insgeheim auch halb im Ernst – ob ich vielleicht zu vernünftig bin: Bin ich zu alt für mein Alter? Sollte ich nicht vielleicht andere Dinge machen, an anderen Dingen Spaß haben? Ist das normal? Ist das richtig? Bin ich so richtig, wenn ich mich mit anderen in meinem Alter vergleiche?

„Man muss doch mal gelebt haben!“, höre ich und verstehe nicht, wieso ich gerade nicht richtig leben sollte. Ich fühle mich nicht so, als würde ich etwas versäumen, das unter meinen Fingern kribbelt und ich eigentlich tun möchte, sondern eher, als würde man manche Dinge und Ausbrüche von mir erwarten.

Ich solle mir das von niemanden auch nur ein bisschen einreden lassen, schreibt meine liebste Kindheitsfreundin und Nachbarin, mit der ich Seilchen sprang, heimliche Süßigkeiten und Busfahrten zur Schule teilte. Ich hätte Glück, dass ich meinen Pfad schon früh gefunden habe. Ich mache mir Gedanken. Es ist so komisch, dass die Eigen- und die Fremdwahrnehmung so weit auseinandergeht. Dass das, was wir als "normal" oder "seltsam" wahrnehmen so oft in Abhängigkeit zum Vergleich zu anderen steht und wir gleichzeitig nie wissen, was denn in ihren Köpfen vorgeht. Ob ein Verhalten von Zweifeln und Zwängen motiviert ist, ob es Spaß macht oder der Versuch ist, sich abzulenken, ob das, was man selbst tut weniger oder mehr richtig ist, als das, was andere zu dem selben Zeitpunkt tun.

"Ich beschloß, bis zum Ende des Sommers an denselben Punkt zu gelangen. Meine Konzentration reichte noch nicht, um zu arbeiten, aber ich konnte meine Wohnung in Ordnung bringen, ich konnte die Dinge unter Kontrolle bekommen, ich konnte mich mit der ungeöffneten Post beschäftigen.
Dass ich erst jetzt überhaupt anfangen konnte zu trauern, kam mir nicht in den Sinn.
Bisher war ich nur in der Lage gewesen, zu leiden, aber nicht zu trauern. Leid war passiv. Leid geschah. Trauern, die Auseinandersetzung mit Leid, verlangte Aufmerksamkeit. Bisher hatte es jeden erdentlichen Grund gegeben, die Aufmerksamkeit, die ich sonst meiner Trauer gewidmet hätte, nicht zuzulassen. Den Gedanken daran zu verbannen, um mich mit frischen Kräften der Krise des Tages zu stellen. Eine ganze Jahreszeit war vergangen [...]"

Mein Leben ist sehr geprägt von Unsicherheit und das ist wohl kaum zu übersehen, wenn man meine Zeilen liest. Aber endlich, nicht nachdem ein Schalter umgelegt wurde, sondern weil dieser Prozess schon lange eingesetzt hat, verändert es sich. Dass das, was ich tue richtig ist, dass das, was ich fühle legitim ist, obwohl es weh tut und ich so oft glaubte, dass es 1. niemand anderem so weh tut und 2. nie wieder weg gehen würde. In beidem lag ich richtig. Es gibt viele Menschen, die meisten vielleicht, denen unglaublich viel in ihrem Kopf und ihrer Seele weh tut, aber keinem auf diese genau gleiche Weise wie mir. Und auch bin ich sicher, dass es nie einfach verschwinden wird, sich aber der Fokus meiner Augen und meiner inneren horchenden Ohren nicht mehr nur allein darauf konzentriert.
Einfach weiter reden, obwohl das Leben schweigt, in der Hoffnung und Zuversicht, dass es sich vielleicht doch für das interessiert, was ich zu sagen habe.

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