Mich überrascht das gar nicht

"Sachsen also. Mal wieder. Weiß ja jede*r, dass die Leute da ein bisschen komisch sind." Julia Korbik spricht dem Konsens n...



"Sachsen also. Mal wieder. Weiß ja jede*r, dass die Leute da ein bisschen komisch sind." Julia Korbik spricht dem Konsens nach und macht in ihrem Artikel auf This is Jane Wayne auf ein systematisches Problem aufmerksam. "Im Prinzip wollen die doch die DDR zurück, weil, damals war ja alles besser" und "Die AfD ist da die stärkste Kraft, was erwartet man eigentlich."
Dass Ressentiments und Fremdenhass weiter verbreitet zu sein scheint ist wahr. Doch die Meinungen gegenüber Sachsen sind hämisch bis ideologisch und in allerlei Farben der Lächerlichkeit zu finden. Selbst bei denen, die noch nie in Sachsen waren oder sich mit den politischen Problematiken vor Ort auseinander gesetzt haben, erscheint eine Vielzahl allwissender Sentenzen über das Bundesland und was es ausmacht. "Es wundert nicht, dass da was los ist", meinen manche. "Das gibt's ein echtes Rassismusproblem." Und diejenigen haben vermutlich recht. Was sie jedoch gleichzeitig tun, ist eine Reinwaschung ihrer eigenen Keller. Ja DORT, im Osten, da geht's zur Sache.

Dass bei sich selbst, im hohen Hamburg, im vielfältigen NRW oder bei der Familie in Baden-Württemberg, ja gar in der eigenen Nachbarschaft oder Familie noch große Muster des (Alltags-)Rassismus vorherrschen, das wird verdrängt. Das Problem haben die anderen.

Diese Art der fehlenden Auseinandersetzung mit humoristischer Abgeklärtheit habe ich auch schon in anderen Diskussionen mitgekriegt. Vor über einem Jahr hatte die Juristin Jenna Behrends den Umgang mit Frauen in ihrer Partei kritisiert. In einem offenen Brief schrieb sie an die CDU darüber, warum sie "nicht mehr über den Sexismus in meiner Partei schweigen will.“ Der Text warf dem damaligen Senator Frank Henkel vor, er habe sie als "Maus" bezeichnet, Sven Rissmann habe ihn in einer Unterhaltung "Fickst du die?" gefragt, als eine mögliche Nominierung Behrends für die Bezirksliste besprochen wurde. Anzügliche Sprüche, systematisches Verhalten gegenüber Frauen und ihre Abwertung waren Inhalt der Beschwerde in ihrem Brief. Behrends sagt heute, sie wisse darum, dass sie sich mit diesem Brief geschadet habe. CDU-Funktionäre hatten verkündet, dass es den Sexismus nicht gibt, den Behrends da äußert, eine Reflektion blieb aus. Auch Frauen aus der Partei beteiligt sich in der Presse daran, Behrends eine Affäre mit den Generalsekretär nachzusagen.

Wen überrascht das, könnte man überlegen. Dass die CDU kein Ort ist, in dem Feminismus gelebt wird, sei doch klar. Und wer das denkt, ist im Recht. Doch verfällt er wieder in das gleiche Muster.
Wie auch jetzt zum Rassismus "der Ossis" hatte Jan Böhmermann auch damals in seiner Satire Show "Neo Magazin Royale" einen Beitrag zu diesem Sexismus Vorwurf gemacht, zu dem die Generation Y lachend den Kopf schüttelt und sich bestätigt fühlt: "Der Osten ist dumm und rechts, die CDU ist ein Haufen alter weißer rückständiger Menschen, LOL, so true."

Nazis waren schon immer scheiße. Ossis sind halt viel rechter. Die CDU ist sexistisch. Das muss nicht überraschen, sollte aber bei jedem Vorwurf von gesellschaftlicher Diskriminierungsformen eben nicht die Erkenntnis sein. Böhmermann macht, wie viele andere Journalistinnen und Journalisten, den Fehler, an diesem Punkt stehen zu bleiben. Er zeigt zwar ein problematisches Verhalten auf, über das man sich moralisch erheben und lachen kann und weist es den Verantwortlichen zu, versäumt es aber, das Problem als solches und seine Auswüchse zu thematisieren. So geht es nicht um Rassismus, sondern den Rassismus der Ossis. Nicht um Sexismus, sondern Sexismus der CDU. Dass diese existenten Probleme nur zwei sichtbare Zweige eines vielschichtigeren Problems sind, das sich bis in unser engsten Umfeld und unser eigenes Verhalten zieht, wird nicht klar, nicht reflektiert oder überhaupt in Frage gestellt. Der junge und alte Mensch schaut in die Zeitung, in Facebook Kommentare und zu ZDF Neo, fühlt sich bestätigt und macht weiter wie zuvor. Damit erliegt man  absurderweise dem gleichen Problem, der Rechten die dem Islam Frauenfeindlichkeit vorwerfen, die es auf beiden Seiten gibt, aber "Die da drüben. Die haben echt ein Problem."


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