Sympathie mit dem Teufel - Die dunkle Faszination der Netflix Serie 'You'

Ich habe etwas entdeckt. Eine Serie, die ich in wenigen Tagen bis zur letzten Folge ansehen musste und eine erschreckende Erkenntnis über...



Ich habe etwas entdeckt. Eine Serie, die ich in wenigen Tagen bis zur letzten Folge ansehen musste und eine erschreckende Erkenntnis über mich. Nehmt euch ein Heißgetränk, setzt euch und seht euch unbedingt die Netflix Serie "You - Du wirst mich lieben" an.

Joe Goldberg ist ein junger New Yorker Buchhändler, der Geschäftsführer des Buchladens Mooney’s ist. Eines Tages betritt eine Kundin namens Guinevere Beck (Elizabeth Lail) seinen Laden. Joe verliebt sich in diese und entwickelt schnell eine Besessenheit von ihr. Die Internetrecherche mitsamt aller Social Media Accounts erleichter ihm das und führt dazu, dass Joe Beck folgt und deren soziale Interaktionen überwacht und sich eine Beziehung zwischen dem intelligenten Buchhändler und der Nachwuchsautorin aufbaut, die eigentlich auf seiner Besessenheit gründet und sich schnell in Gewalttaten verwickelt.

Joe Goldberg ist genau mein Typ. Joe ist intelligent, belesen, humorvoll und will das Beste für die Menschen in seinem Umfeld, die er liebt. In seiner verstaubten, alten und wunderschönen Buchhandlung lebt er ein ruhiges Leben, sammelt und repariert fantastische in Leder gebundene Erstausgaben. Er ist aufmerksam, er hilft dem Nachbarsjungen, dessen drogenabhängige Mutter sich auf einen Schläger eingelassen hat und leiht ihm Bücher. Er ist romantisch, zuvorkommend. Und zufällig wird er dann auch noch gespielt von Penn Bedgley, den ich ohnehin attraktiv finde. Und plötzlich schäme ich mich für meinen Männergeschmack.
All diese Eigenschaften treffen eigentlich tatsächlich auf den Protagonisten der Netflix Serie "You – Du wirst mich lieben" zu. Joe ist all das. Aber darüber hinaus ist er vor allem auch noch eines: Ein Stalker. Ein Stalker, der die junge Guinevere Beck, die hübsche, verspielte, unsichere Literaturstudentin an der Brown University durch diverse Manipulationen dazu bringt, sich in ihn zu verlieben. Joe ist kriminell in seinen Handlungen und toxisch in seinen Beziehungen, unehrlich, zynisch, egozentrisch – "problematisch", wenn man es nett ausdrücken möchte.


Jahre lang habe ich mir die Faszination um "Fifty Shades of Grey" und seinen männlichen Protagonisten angesehen und konnte nur den Kopf schütteln. Wie konnten Millionen von Frauen einen Mann wie die Figur von Christian Grey attraktiv finden, der so offensichtlich toxisch war. Der sich manipulativ und schrecklich benahm, aber dabei zufällig nur gut aussah und einen Haufen Geld hatte, als würde es das irgendwie "okay" machen. Ich verstand das nicht. Und dann. Dann sah ich mir die neue Netflix Serie "You" an und musste beschämt zugeben: Das gleiche war gerade mit mir passiert. Bei mir funktionieren bloß andere Trigger. Ein Sixpack, ein schnelles Auto, ein Spitzenjob oder ein Mann, der mir sagt, wie ich mich verhalten soll, könnten mich nicht weniger interessieren. Einer jedoch, mit dem ich Witze über Literaturinsider machen könnte, der mich dazu bringt, zu schreiben, der mir mit romantischen kleinen Geste zeigt, wie wichtig ich ihm bin und der dem Jungen von nebenan mit dem schweren Leben hilft, sich besser zu fühlen... - Und Zack "Du wirst mich lieben" hat bei mir funktioniert.

Nicht unschuldig ist dabei natürlich das Drehbuch von Sera Gamble und Greg Berlanti auf Grundlage des Romans von Caroline Kepnes. Zwar wirken einige der Erzählstränge sehr konstruiert, woraus sich einige Handlungen schon schnell voraussehen lassen und auf einige Aspekte oder Szenen hätte ich komplett verzichten können, aber die Indieromanze, die sich andeutet ist eigentlich eine Serie zwischen Drama und Psychothriller und schafft dabei – für mich – Großartiges: Die Sympathie mit dem Teufel, der Antiheld des emotionalen Missbrauchs der Moderne.


Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert


Jemandem, den man versteht, dem verzeiht man schnell. Da wir immer im Kopf von Joe sind, nach und nach von seiner Kindheit erfahren, von seinen Absichten wissen, von seiner Liebe und Obsession und seinem Sinn für das Detail, sympathisieren wir mit ihm. Nicht jedoch mit dem Schwachkopf an Exfreund, der ein lächerliches Start Up hat und Guinevere mit nächtlich egoistischen Nachrichten ins Bett kriegt. Der Zuschauer will nicht, dass sie mit jemandem zusammen ist, der offensichtlich schlecht ist für sie. Auch die privilegierte und hochnäsige beste Freundin Peach (gespielt von Shay Mitchell) will man nicht in ihrem Leben. Wir schauen aus der Perspektive eines Stalkers, der eines "Es-ist-doch-nur-gut-gemeint" und verlieren uns in ethischer Verwirrung.
An einer Stelle spricht Joe über das Buch Frankenstein von Mary Shelley. Er erklärt, warum man nicht komplett gegen das Monster sein kein. Frankensteins Monster ist ein Monster und irgendwie auch nicht. Auch Joe tut schreckliche Dinge und irgendwie bewerten wir das dennoch nicht radikal schlecht. Ist Joe denn tatsächlich sooo schlimm? - Ja. Das ist er. Besitzergreifend, manipulativ, obsessiv, gewalttätig. Und trotzdem, und trotzdem mag man es, wenn er gewinnt. Ein Phänomen, was ich auch bei der Figur des Frank Underwood aus House of Cards kenne.

"Aber mit dem Binge-Vergnügen kommt ein Problem: Der smarte Joe verdeutlicht uns mit seinem obsessiven Verhalten den verdammt schmalen Grat zwischen romantischem Werben und emotionalem Missbrauch. Und "You" macht sich einen Spaß daraus, dem Zuschauer diese Gratwanderung minütlich schwerer zu machen, ohne dabei Partei für das Böse zu ergreifen. [...]
Der Identifikationsfaktor ist aber nicht nur dank dieses schlichten Kniffs von Anfang an groß, denn die Macher nutzen jeden Moment, um uns mit Joe sympathisieren zu lassen: Natürlich hat der sensible Stalker eine schlimme Kindheit gehabt und kümmert sich deshalb umso rührender um den Nachbarsjungen. Nebenbei verabscheut er Social Media und so manch andere Marotte von uns Millenials, zu denen er zwar selbst gehört, aber nicht nach seiner Zählung. Joe ist ein Typ, der sich über die Herde erhebt und alle(s) durchschaut. Und so selbstvergessen, wie er Beck umgarnt, möchte insgeheim sicher so manche Zuschauerin auch mal erobert werden." - Tim Sohr

All das macht "You – Du wirst mich lieben" darüber hinaus zu einer Serie, die den damaligen Dan Humphrey von "Gossip Girl" in dunklere Weise weiter entwickelt. "You" wird zu etwas, das sich zwischen Lena Dunhams "GIRLS" und "Dexter" bewegt, moderne Referenzen aus Kultur und Politik und Humor zu bieten hat und die Spannung bietet, unbedingt wissen zu wollen, was funktioniert, was nicht und wie es wohl ausgehen wird.


In diesem Video, das ich vor einigen Tagen auf Youtube entdeckte, werden zudem problematische Lektionen und Figuren aus berühmten romantischen Komödien Hollywoods angeschnitten. Interessant, wie schablonenhaft auch das funktioniert, was eine große Masse tatsächlich insgeheim als "romantisch" empfindet.




You Might Also Like

1 x

  1. In einer Zeit, in der sich Menschen immer mehr zurückziehen und zu hikikomoris werden, finde ich durchaus, dass die Serie eine gesunde humoristische Realitätsnähe hat!

    AntwortenLöschen

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER