Das böse S-Wort. Mir wird doch auch nichts geschenkt!

Das S Wort. Ein Wort, das fast schon tabuisiert wird, glaube ich irgendwie. Der Ausspruch "Eine Spende für die Armen!" ist mi...



Das S Wort. Ein Wort, das fast schon tabuisiert wird, glaube ich irgendwie. Der Ausspruch "Eine Spende für die Armen!" ist mittlerweile fast zu einem witzigen Klischee geworden. Das Spenden hat keinen guten Ruf. Denn sobald es einer erwähnt, kommen das ein oder andere Mal Misstrauens- oder Gutmenschenvorwürfe zutage, unangenehme Momente, wenn man selbst eben nicht spendet, gespendet hat oder überhaupt spenden kann und man in eine psychologische Abwehrhaltung verfällt.

Als meine Mutter im Frühjahr 2016 gestorben ist, war und ist das das Schlimmste, was mir in meinem ganzen Leben geschehen ist. Mit mir hatten Menschen Mitgefühl, die mich lieben und kennen und sogar so viele Bekannte oder Fremde, die mich über irgendwelche anderen Ecken - wie diesen Blog - kennen. Ich durfte mir Zeit nehmen, um wieder klar im Kopf zu werden. Mir wurde Hilfe angeboten, man hörte mir zu, man schrieb mir, man brachte mir Essen und man bot mir alles an, was zur Verfügung stand. Das ist einer der Zeitpunkte in seinem Leben, in dem einem bewusst wird, wie viel man eigentlich hat, obwohl man gerade so etwas immenses verloren hat. Ich habe Mensche um mich herum, die hinsehen, die zuhören und die bedacht sind, mir Sicherheit zu geben.

Insbesondere im Rahmen der Debatte um Geflüchtete, die seit Ende 2015 entbrannte und noch immer im Gange ist, habe ich sehr oft gehört, dass Menschen aus dem Grund nicht helfen wollen, weil sie das Gefühl haben, ihnen werde doch auch nicht geholfen und jeder müsse ja gucken, wo er bliebe oder man sogar die Angst habe, dass einem selbst etwas weggenommen wird.


"Mir wird auch nichts geschenkt!"


Das stimmt auf eine Weise. Denn tatsächlich klingelt Angela Merkel nicht persönlich bei dir oder mir und drückt uns einen Fünfziger in die Hand. Das Geschenk, was wir allerdings schon längst bekommen haben und die ganze Zeit mit uns tragen nennt sich Privileg. Wir sind so viel glücklicher gestellt, als eine unglaubliche große Masse an Menschen auf der Welt, ohne dass sie das weniger verdient hätten als wir selbst. Wir haben ein Auffangnetz. Und unser Startpunkt im Leben, allein durch den Zufallsort, an dem wir geboren wurden, das Umfeld und die Familie und die Möglichkeiten durch Bildung und Gesundheitssystem haben uns schon zu Beginn unseres Lebens sehr viel gegeben, ohne dass wir es bemerken. Wir sind vielen Menschen auf der Welt allein schon insofern etwas voraus, dass wir nicht in Gewalt, Folter, Hungersnot oder Epidemien leben. Und das hat nichts mit dem Umstand zutun, dass wir es mehr verdient hätten, all das zu bekommen. Denn wir besitzen es - die Abwesenheit dieses Leids - rein durch unsere Geburt. Dass es Ungerechtigkeit in der Welt gibt, das wissen wir schon lange. Ist uns denn aber klar, dass einige dieser Probleme nachweislich vermeidbar wären?




Niemand verlangt von uns, von euch, von dir, dass du die Welt rettest. Denn das kannst du nicht. Genauso wenig wie ich. Wir können allerdings einen Unterschied machen. Ein Leben, das lebenswerter oder gar gerettet wird, ist keine Kleinigkeit.  Ich will niemanden einreden, dass er ein schlechter Mensch ist, wenn er nicht spendet oder sich nicht engagiert oder einen Kopf für all diese Dinge hat, die auf der Welt passieren. Wir sind alle nicht Mutter Teresa, nicht heilig, nicht besser, nicht einwandfrei. Das ist alles nicht unbedingt einfach und außerdem auch recht diskutabel.




Wenn wir uns richtig anstrengen und es schaffen von unserer persönlichen Involviertheit in unsere hiesige Situation absehen, wenn wir überlegen, nicht aus dieser Perspektive und diesem Stand heraus auf die Welt blicken. Würden wir dann rational sagen, dass jeder Mensch ein Mindestmaß an Wohlergehen verdient hat? Würden wir sagen, dass man dazu verhelfen sollte, dass die Welt gerechter wird, wenn sie es nicht ist?
Falls (nur falls. no pressure) du etwas übrig hast, Zeit, Geld, Motivation, eine Plattform oder auch helfende Hände oder geduldige Ohren, dann könntest du überlegen, ob du nicht etwas machen möchtest, von dem du weißt, dass es ankommt und etwas erreicht.







Die Kosten eines Geschenks

WAS DU MIT WENIG AUFWAND ERREICHEN KANNST

  • keinen einzigen Cent gibt man aus, indem man Dinge, die man ohnehin nicht mehr bräuchte, weitergibt. Seien es Kleidungsstücke, die man nicht mehr trägt oder andere Sachspenden von Büchern, zu Küchengeräten oder Möbeln.
  • schon ab 45Cent gibt es eine Packung Nudeln, Reis oder ein Päckchen Mehl, das die Tafel in deiner Umgebung sicherlich gebrauchen kann. Im Zweifel nachfragen, ob sie zur Zeit Sachspenden brauchen - und wenn ja, welche am besten sind.
  • für 6 Euro: Wärmende Fleecedecken helfen Kindern, die in Notunterkünften vor allem nachts bei kalten Temperaturen ausharren müssen. (UNICEF)
  • mit nur 18 Euro im Monat kann ein mangelernährtes Kind zwei Wochen lang mit lebensrettender Spezialnahrung versorgt werden. (Save The Children)
  • für 19 Euro finanziert man ein Krisenpaket, das besonders in Krisenregionen mit dem Wichtigsten für eine schnelle erste Hilfe mit Nahrung und Wasser hilft (UNICEF)
  • mit einer 20-Euro-Spende kann einem Reporter Zugang zu Internet und Telefon ermöglicht werden, damit er weiter aus seinem Land berichten kann. Mit 118 Euro kann ein Journalist im Exil einen Sprachkurs machen. Mit 350 Euro kann Reporter ohne Grenzen Rechtsbeistand für einen inhaftierten Journalisten finanzieren. (Reporter ohne Grenzen)
  • mit 24 Euro Schon mit 2 Euro im Monat bewegst du eine Menge. Je mehr sich an der 2-Euro-Aktion beteiligen, desto mehr Projekte können unterstützt werden. (2-Euro-helfen)
  • 27 Euro kostet ein Impfschutz-Paket. Dieses Paket schützt Kinder vor lebensbedrohenden Krankheiten: die Schluckimpfung vor der gefährlichen Kinderlähmung und eine Tetanus-Impfung vor dem gefährlichen Wundstarrkrampf. (UNICEF)
  •  mit 30 Euro schenken Sie Augenlicht. In weniger als 15 Minuten kann durch eine Operation einem Menschen wieder das Augenlicht geschenkt werden, die am Grauen Star erkrankt. Licht für die Welt engagiert sich in mehreren Ländern der Dritten Welt, in denen es im medizinischen Bereich an finanziellen und fachlichen Möglichkeiten fehlt, um u.a. Menschen mit Sehbehinderungen helfen zu können. DariaDaria hat hier ihre Reise nach Mosambik mit Licht für die Welt in einem Video dokumentiert. (Licht für die Welt)
  • 42 Euro finanzieren den Kauf von fünf Laternen. Damit helfen Sie, dass sich Frauen und Mädchen in Nepal sicherer fühlen. Licht verhindert Gewalt. Denn Täter scheuen das Licht. (UN Women)
  • mit einer 50 Euro Spende ermöglichen Sie die Ausbildung eines "Anwalts für Frauenrechte" in Afghanistan, der sich bei Politikern und Dorfvorstehern für die Rechte und Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen einsetzt. (UN Women)
  • mit 77 Euro ermöglichen Sie vier Mädchen den Schulbesuch. Und somit eine echte Chance für eine sichere Zukunft. (UN Women)
  • 180 Euro ermöglichen eine "Schule in der Kiste" durch Unicef. Andere Hilfsgüter kann man schon für wenige Euro spenden, Schulrucksäcke und Schulbücher z.B. für 3 Euro oder Fleecedecken für 6 Euro pro Stück. UNICEF garantiert, dass die Spende für genau die ausgewählten Hilfsgüter eingesetzt wird.
Und noch unzählige weitere Gelegenheiten. Für all diejenigen, die Spenden kritisch sehen, beginnt hier nun der passende Teil:

Misstrauen, Transparenz und Effizienz

Moral trifft Wissenschaft


Als ich Anfang Dezember bei einer Aktion für die Wuppertaler Tafel mithalf, waren die meisten Reaktionen sehr positiv. Wir sprachen am Eingang eines großen Supermarktes die Leute an und erklärten Ihnen unser Konzept: Einfach ein Teil mehr kaufen, als sie ohnehin täten und das komme dann der Tafel zugute. Ich glaube, dass bei dieser Art des Spendens die Hemmung geringer ist, da man konkret sieht, was genutzt wird und wofür es gebraucht wird. Ist es vielleicht eine Art Vergewisserung, dass tatsächlich etwas Gutes damit getan wird? Weil wir uns die Lebensmittel wohl kaum als großen Profit in die eigenen Taschen stecken können? Ist das nahbarere Gefühl, zu helfen, oder ist es Misstrauen gegenüber Hilfsorganisationen?
Während, wie bereits erwähnt, der Großteil der Reaktionen positiv ausfiel, blieben natürlich einige Ausnahmen. Einerseits einige Menschen, die einen anschrien, dass sie ja ohnehin schon sehr viel spenden, als sei es eine Unverschämtheit, sie überhaupt darauf angesprochen zu haben. (I'm sorry.) Und andererseits all die Personen, die gar nicht zuhörten, einen nicht einmal ansahen oder ein "Nein, entschuldige keine Zeit" hervorbringen konnten, sondern einen ignorierten und langsam oder schnell weiter liefen, als sei man gar nicht da. Was mir aber direkt zu Beginn auffiel: Sobald man einzelne Personen ansprach, in dem Moment, in dem sie verstanden, dass man nun nicht als Zivilindividuum unterwegs war, da huschte ihr Blick über einen. Zwei Augenpaare, die in kaum wahrnehmbarer Sekundenschnelle zuerst auf Brusthöhe landeten und dann auf die Hände blickten und erst dann wieder zum Gesicht des Sprechenden zurückkehrten. Was war das? Eine ganze Weile dachte ich, es sei eine komische Reaktion der Verwirrung. Ein Moment, in dem man seine Mimik nicht im Griff hatte quasi. Aber dann wurde es klar: Sie suchen deine Absichten. Sie suchen das Logo, dein Unternehmen, den Schriftzug, von dem sie gerade angesprochen wurden. Welche Hilfsorganisation steckt dahinter? Wer will da was von mir?

Und diese Skepsis ist zurecht da, denn in keinem anderen Bereich wird so sehr auf das Fundament des Vertrauens gelegt wie im Sektor gemeinnütziger Organisationen. Kommt das Geld überhaupt an? Nutzt die Organisation das zu großen Teilen bloß für sich selbst? Oder mit weniger bösen Absichten, aber im Endeffekt mindestens genauso schlimm:


Und genau diesem Thema widmet sich die philosophisch soziale Bewegung des Effektiven Altruismus mithilfe von GiveWell. Effektive Altruisten versuchen, Herz und Verstand zusammen zu bringen, d.h. für sie: Moral trifft Wissenschaft. Was nützt jede gute Absicht, wenn sie im Endeffekt nichts verändert? Mit ihrer Seite GiveWell analysieren sie, welche Charity Organisationen am effektivsten helfen. Sie wägen ab und berechnen, wie viel ein Programm effektiv pro Dollar erreicht, der gespendet wird.
Wenn eines bei GiveWell getan wird, dann ist es das sichtbar machen aller Umstände und Vorgänge. Auf wissenschaftlicher Basis erklären sie ihre Kritieren für die Auswahl (hier), den Prozess (hier), erklären ihre Transparenz (hier), machen selbst auf 'Pros and Cons of Giving to Our Recommended Charities' aufmerksam (hier, weiter unten) und veröffentlichen auf einer ihrer Hauptseiten außerdem Fehler, die sie in der Vergangenheit gemacht haben und Aspekte, die sie noch immer problematisch finden (Our Mistakes, hier).

"GiveWell is a nonprofit dedicated to finding outstanding giving opportunities and publishing the full details of our analysis to help donors decide where to give.
Unlike charity evaluators that focus solely on financials, assessing administrative or fundraising costs, we conduct in-depth research aiming to determine how much good a given program accomplishes (in terms of lives saved, lives improved, etc.) per dollar spent. Rather than try to rate as many charities as possible, we focus on the few charities that stand out most (by our criteria) in order to find and confidently recommend high-impact giving opportunities (our list of top charities)."






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