Bücher im Januar/Februar: Sex mit Gysi, Milk and Honey, Milan Kundera, Sylvia Plath

Ich habe mir einen Vorsatz bezüglich des Lesens gesetzt. Unabhängig von Werken, die ich ausschließlich wegen der Uni oder für Semin...






Ich habe mir einen Vorsatz bezüglich des Lesens gesetzt. Unabhängig von Werken, die ich ausschließlich wegen der Uni oder für Seminare lesen muss, möchte ich in diesem Jahr 40 Bücher lesen. Das ist schaffbar, denke ich. Im Dezember schrieb mir außerdem jemand, dass es ihm gefallen würde, wenn ich mehr Beiträge über Bücher auf meinem Blog teile. Damit man sieht, was oder wie viel ich so lese. Und ich glaube, das tue ich ab jetzt. Ich kann nicht versprechen, ob ich das jedes Mal schaffe, aber hier nun die Bücher, die ich im Januar und im Februar gelesen habe. Keine großen Rezensionen, aber zumindest ein paar Sätze.
Mit den Gedichten, Romanen und vor allem auch mit der ziemlich dicken Sylvia Plath Biographie (über die ich vielleicht gesondert nochmal etwas schreiben sollte?), die ich schon so lange besitze und die mich echt beeindruckt hat, bin ich nun erst einmal zufrieden, obwohl ich viel mehr hätte lesen können.









Rupi Kaurs Milk and Honey

"Milk and Honey" ist eine Gedichtsammlung und treibt sich schon eine ganze Weile in der Welt und im Augenwinkel meiner Aufmerksamkeit herum. Oft sah ich das Buchcover oder Abbildungen der Illustrationen und Verse auf Instagram oder an anderen Stellen im Internet, bevor ich es mir zu Weihnachten wünschte.
Folgt man den Gedichten von Rupi Kaur, folgt man ihren Erfahrungen. Ein Hauch dramatisch und ggf. sogar kitschig, aber dennoch gefiel es mir sehr gut. Die ganze Pathetik, die man nun mal auch in der Höhe fühlt, wenn man in solch emotionalen Momenten steckt.


Milan Kunderas Fest der Bedeutungslosigkeit

Treffen sich vier alte Freunde auf einer Party. Der Zufall hat die vier Pariser Flaneure dorthin geführt. Ramon, der sich die Chagall-Ausstellung ansehen will, aber immer wieder vor der langen Schlange zurückschreckt, Charles, der zu berichten weiß, dass man über Stalins Witze nicht lachen konnte, der Schauspieler Caliban, dem keine Rollen mehr angeboten werden, und Alain, der sich immer noch lüsternd nach den jungen Mädchen umdreht. Sie reden über Bedeutsames und Bedeutungsloses, über den Tod und das Vergessen, über Kommunismus und Sex. Was bleibt von uns, wenn wir mal tot sind, fragen sich die Freunde und stoßen auf die Bedeutungslosigkeit des Seins an.

Mir fehlt etwas. Kundera beherrscht Sprache, ist ein ebenso weitsichtiger wie tiefsinniger Autor, was spätestens nach Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins alle wissen. Er ist der Milan Kundera. Auch im Fest der Bedeutungslosigkeit ist man fasziniert von Worten, die sich aneinanderreihen und sich mit Fäden von Sinn verbinden. Aber. Ja, aber. So viel Sinn in die eine, so wenig Tiefe in der anderen Richtung. So klar und wirr zugleich. Ich habe gelesen und mir fehlt etwas. Etwas ist nicht richtig und ich glaube, es ist die Philosophie dahinter, die mich stört. Ich widerspreche ihr. Mein Körper widerspricht ihr und kann den Roman nicht uneingeschränkt mögen, wenn ich mich gegen die Moral und Pointe wehre. 



Antoine Leiris Meinen Hass bekommt ihr nicht

Helene Leiris stirbt am 13. November 2015 im Konzertsaal Le Bataclan in Paris, als ein Terroranschlag verübt wird. Sie und neununachtzig andere Menschen sterben durch die Terroristen. Ihr Mann, Antoine Leiris, ist in der Zeit mit ihrem gemeinsamen einjährigen Sohn in ihrem Apartment und wird weiß noch nicht, dass seine Ehefrau und die Mutter seines Kindes stirbt. Die Welt ist geschockt und die Welt trauert. Politische Diskussionen, Wut und Hass kochen hoch, weil Menschen sterben mussten. "Meinen Hass bekommt ihr nicht" schreibt Antoine Leiris dennoch. Er veröffentlicht einen offenen Brief, den er an die Attentäter der Opfer in Paris widmet und verweigert ihnen den Hass, den er spüren soll. Auch wenn er nun alleine sei, mit seinem siebzehn Monate alten Sohn Melvil, werde er sich nicht dazu hinreißen lassen, diesen "toten Seelen" der Terroristen etwas zu gewähren. Das Buch zeigt eine wichtige Botschaft: Hass hilft nicht. Und es schildert die bewegende, traurige, aber stille hoffnungsvolle Geschichte der Tage nach einem großen Verlust. "Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht."







Sylvia Plath. Eine Biographie von Anne Stevenson


Sylvia Plath. Das Mädchen, das Gott sein wollte. Eine Frau, die so unglaublich begabt, so unglaublich gefangen in sich selbst und so unglaublich faszinierend wie tragisch ist. Ich glaube, man findet Sylvia Plath entweder uninteressant oder extrem interessant und ich gehöre zu letzteren. Die Biographie über Sylvia Plath von Anne Stevenson besitze ich schon seit Jahren und habe sie dennoch nie durchgelesen. Das habe ich nun nachgeholt und bin erneut ganz gefesselt, sodass ich das Buch jedem empfehlen möchte. Kein Buch hat mich in den letzten Monaten so geprägt wie dieses. Eine gute Biographie einer einnehmenden Dichterin. 


"Gestern hatte ich das gleiche Gefühl wie nach der Lektüre von James, nur damals konnte ich es noch nicht einordnen: ein würgender, seelenauslöschender Strom der Angst in meinem Blut, der sich in trotziger Kampfhaltung verwandelte. Ich konnte nicht schlafen, obwohl ich müde war; ich fühlte wie meine Nerven sich wundrieben und eine innere Stimme stöhnte: Du kannst nicht unterrichten, du kannst gar nichts. Nicht schreiben. Nicht denken. Ich lag in der eisigen Flut der Verweigerung und dachte, diese Stimme ist deine Stimme, ein Teil von dir, sie will dich irgendwie beherrschen und mit deinen schlimmsten Visionen allein lassen: Ich hatte die Chance gehabt, dagegen zu kämpfen & einen Tag nach dem anderen zu gewinnen, aber ich hatte versagt."
Niemals hat Sylvia aufrichtiger den Kampf beschrieben, den sie ständig gegen ihr dunkles Ich führte. Der Tagebucheintrag vom 1. Oktober 1957 mit dem langen "Brief an einen Dämon" zeigt, wie ihre große Intelligenz rational mit den starken Kräften des Irrationalen umgeht, die sie Tag und Nacht hartnäckig verfolgten. Die ganze Passage ist in vieler Hinsicht ein Schlüssel, um sie zu verstehen, und soll deshalb ganz zitiert werden:
"Ich kann dieses mörderische Ich nicht ignorieren: Es ist da. Ich rieche es und fühle es, aber ich werde ihm nicht meinen Namen geben. Ich werde es besiegen. Wenn es sagt: Du wirst nicht schlafen, du kannst nicht unterrichten, werde ich unbeeindruckt weitermachen und ihm die Nase blutig schlagen. Seine stärkste Waffe isst und war mein Image: die Erfolgreiche. Beim Schreiben, beim Unterrichten und im Leben. Sobald ich Mißerfolg in Form von Ablehnung wittere, verwirrte Gesichter beim Unterricht, wenn ich etwas unklar ausdrückte, oder nacktes Entsetzen in persönlichen Beziehungen, werfe ich mir vor, verlogen zu sein und vorzugeben, ich sei besser, als ich bin, und im Grunde nichts zu taugen."


Glas, Ironie und Gott von Anne Carson

Weil mich Sylvia Plath so geprägt hatte, zog ich eine weitere Dichterin heran, die Anne Carson ist eine kanadische Dichterin, Philologin und Essayistin. In dieser Feuilleton Rezension der Frankfurter Allgemeinen wird das Werk hoch gelobt. Und muss mit Enttäuschung leider sagen: Ich war kein Fan.



Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch von Terry Eagleton

Hauptsächlich griff ich nach dem Buch, weil "hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch" eine Beschreibung meiner aktuellen Haltung sein könnte, auch wenn es im Buch selbst nicht um das geht, was ich damit im Kern meine.

"Nach drei Tagen Dauerregen kann man nicht davon ausgehen, dass am vierten Tag die Sonne scheint, hoffen kann man es sehr wohl. Denn bloßer Optimismus ist banal, Hoffnung dagegen erfordert Reflexion und klares, rationales Denken. Und hält immer auch die Möglichkeit des Scheiterns bereit. Hoffnung ist tragisch und zugleich eine permanente Revolution gegen Selbstzufriedenheit und Verzweiflung."
Terry Eagleton untersucht in seinem literaturwissenschaftlichen Diskurs den Begriff der Hoffnung. Worin liegt der Unterschied von hoffnungsvoller und optimistischer Haltung? Was ist irrational, was bloßes Wunschdenken, was ein philosophisches Konzept? 



Sex mit Gysi von Sarah Waterfeld


Was läuft da im Bundestag? Der Student Ronen Wellmer jobbt als Barkeeper in der Kneipe des ARD-Hauptstadtstudios, wo er beim kaffeeschlürfenden Gregor Gysi anrüchige Gesprächsfetzen aufschnappt: von einer Orgie ist die Rede und von abwegigen Sexpraktiken. Das ist die Story, auf die Ronen gewartet hat, damit wird er als investigativer Journalist groß rauskommen. Mit Hilfe seines Hacker-Kumpels Mo, Angestellter in der IT-Abteilung der Bundestagsfraktion der Linken, dringt er nach und nach zu den Abgründen des deutschen Parlamentarismus vor. Von den dunklen Machenschaften ahnt Syana Wasserbrink, Mitarbeiterin im »Ostbüro« der Linken, zunächst nichts. Bis sie für den Parteivorsitz kandidiert und in ein Macht- und Intrigenspiel gigantischen Ausmaßes gerät. Ein Drama? Ein Polit-Krimi? Eine Persiflage? All das und mehr: Dieser Roman ist ein Kabinettstück über die politische Kultur Deutschlands.


Höre ich nur den Titel des Romans "Sex mit Gysi", bin ich hin- un hergerissen, ob ich ihn nun lesen soll oder nicht. Er macht neugierig, auf jeden Fall, aber will ich von all dem wissen, was in diesem Buch steht?
Wer denkt, Sex mit Gysi es sei eine Geschichte, die auch bloß in die Nähe von Feuchtgebiete oder Fifty Shades of Grey oder einem ganz neuen Genre von politischer Fan Fiction (Oh Gott...) kommt, der täuscht sich gewaltig. Es kommt durchaus Sex vor, aber Sarah Waterfelds Debütroman ist eine  junge Geschichte voll von Politik, von Berlin, voll von Zeitgeist, die Spaß macht.











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