Von schlechten Annäherungsversuchen und der Frage, ob man für einen Korb lügen darf

Diese Woche lief ich am späten Nachmittag durch die Wuppertaler Fußgängerzone. Mit recht zügigem Gang, wie ich es immer tue, wenn ich kon...


Diese Woche lief ich am späten Nachmittag durch die Wuppertaler Fußgängerzone. Mit recht zügigem Gang, wie ich es immer tue, wenn ich konkrete Erledigungen zu tätigen habe. Mit Handtasche um die eine und einem Jutebeutel um die andere Schulter trat ich zielstrebig die Straße entlang, als mir ein junger Mann in meinen Augenwinkel trat. Er trug eine Brille, eine Khakifarbene  Hose und ich war mir mal sicher oder unsicher, ob er mich  ansah oder ein wenig in die Ferne schielte. Als ich die paar Meter, die er von mir entfernt herumstand aufgeholt hatte und eigentlich an ihm vorbeigehen wollte, blicke er mir ins Gesicht, lächelte und sprach mich an. "Entschuldigung!"
Ich blieb stehen.
Wenn ich jedes Mal aus göttlicher Hand einen Euro bekommen würde, wenn ich von Fremden nach den Weg oder einer anderen Auskunft gefragt werde, dann könnte ich mittlerweile bestimmt schon die ein oder andere Sache auf meiner Wunschliste abhaken. Irgendwie, vielleicht weil ich hilfsbereit aussehe und man weniger Hemmungen hat, mich anzusprechen, werde immer wieder ich nach etwas gefragt und zumeist lässt es mich auch mit einem zufriedenen Gefühl zurück, geholfen zu haben. Nicht dieses Mal. Aber das konnte ich noch nicht wissen, als ich stehen blieb und freundlich und neugierig "Ja bitte?" entgegenete und in meinem schnellen Schritt inne hielt.




Er grinste, sah zu Boden, dann zur Seite, legte seinen Kopf in den Nacken und sah mit dann erst wieder ins Gesicht. "Das ist jetzt wahrscheinlich etwas komisch, aber...", fing er an und ich ahnte Unangenehmes.
"Ich find du siehst echt gut aus und ich würde dich echt gerne kennen lernen!"
Stolz blicke er mich an.
Ein kalter Schauer fiel von meiner Kopfhaut, meinen Nacken hinab und meine Wirbelsäule hinunter. Es ist fast immer schmeichelhaft, wenn jemand Interesse hat – obgleich ich es immer ein wenig mysteriös finde, wenn man doch nur das Aussehen und ansonsten noch kein einziges gesprochenes Wort des Gegenübers kennt. Aber gleichzeitig bin ich sofort in einer abgeschreckten Haltung, wissentlich, dass ich jemanden sagen muss, dass das Interesse nicht beidseitig ist.
"Ich glaube eher nicht, dass wir uns kennen lernen", antwortete ich verlegen und fand sofort bescheuert, was ich gesagt hatte.
"Und mein Freund fände es auch nicht sonderlich toll", warf ich hinterher. Auch das noch. Mindestens genauso dämlich.
Ich hatte mir vor einer längeren Zeit vorgenommen, nicht meinen Freund und meinen Beziehungsstatus zu nutzen, um aus solch einer Situation charmant hinaus zu kommen. Ich weiß von vielen Freundinnen, dass sie "Ich bin vergeben" nicht nur als Ausrede, sondern auch einfach als Ausweg nutzten, weil sie um die Wirkungskraft wussten, wenn sie kein Interesse an weiteren Unterhaltungen oder gar Annäherungsversuchen hatten. Irgendwann wurde mir klar, wie doof ich das Konzept finde. Nicht, weil ich ein Feind von Ehrlichkeit bin, wenn man doch in festen Händen ist. Oder weil ich verlange, man sollte potentiellen Anwerber umgekehrt etwas vormachen, wenn man doch tatsächlich vergeben war. Was mich störte, war die Tatsache, dass oft erst das dazu führte, dass jemand von meinen Freundinnen abließ. Als würde ihr "Nein, danke" und "Ich habe kein Interesse", das sie direkt bekundeten, wenn sie verstanden, dass all die nonverbalen Signale nichts nützten, keine Bedeutung haben.

Nein gesagt, aber immerhin single?

Wieso wird es nicht einfach akzeptiert, dass ich persönlich einfach nicht will, sondern erst dann, wenn klar ist, dass ein anderer Mann oder eine andere Frau im Spiel ist? Wenn es doch um mich geht, kann man doch nicht ernsthaft glauben, dass ich besonders mehr Bock hätte, wenn man mich drängt?
Und doch tat ich es dieses Mal. Ich war ehrlich und nahm den einfachen Weg, weil ich wusste, dass es in der Regel effektiv ist: Ich habe einen Freund.

"Ah, du hast einen Freund?"
Der junge Mann mit Bartstoppeln und zerzaustem Haar hatte kurz gestockt, dann aber nicht weniger stolz wieder in mein Gesicht geblickt, während ich bereits langsam weiter ging und entschuldigend lächelte. Und er. Er ging einfach mit und trottete mir hinterher.
"Wie alt bist du denn?", fragte er weiter.
Ich merkte, wie unangenehm ich die Situation fand. Aber entschied mich schon wieder für den einfachen Weg: Antworten.
"Vierundzwanzig."
"Ah, cool."
"Ich muss echt los", warf ich ein und ging schneller, doch auch das ignorierte er und hielt weiter Schritt.
"Du bist vierundzwanzig", wiederholte er und grinste mich fröhlich an. "Was glaubst du, wie alt ich bin?"
"Keine Ahnung", raunte ich genervt. Genervt von ihm und auch ein wenig von mir. Wenn ich doch fucking vier-und-zwanzig-Jahre alt bin, wieso kann ich mich nicht besser äußern?
"Ich muss echt los und ich hab echt kein Interesse, sorry."
Er schien es nicht zu hören und war nun bereits zwanzig Meter mit mir durch die Fußgängerzone gelaufen: "Rate doch mal, wie alt ich bin!"
"Keine Ahnung", raunte ich erneut und sah ihn an, "Ich hab doch gesagt, dass ich vergeben bin?" Ich war wütend, aber trotzdem langsam irgendwie nicht mehr sicher, ob er mir zugehört hatte. Hatte ich es vielleicht doch nicht gesagt?
"Ja, aber man kann sich doch trotzdem kennen lernen, ich kann ja bisschen mitgehen-"
"Und ich muss echt los und hab zu tun", unterbrach ich parallel.
"Was glaubst du, wie alt ich bin?"
"Das interessiert mich nicht", sagte ich erneut und traf vielleicht endlich den Ton, den ich gleich am Anfang hätte wählen sollen. "Ich habe kein Interesse und wirklich zu tun."
"Weiß du was!", rief er, wechselte seine Position vom Nebenherlaufen, stellte sich vor mich und würdigte mich gleichzeitig keinen Blickes. "Wenn du so kein Bock hast. Dann hab ich erst recht kein Bock auf dich." Und endlich, endlich schien es, als würde er auf dieser Stelle auch stehen bleiben. Unwillkürlich war die Anspannung weg. Ich war erleichtert, murmelte etwas von Na dann hat sich das ja jetzt erledigt und war von dannen. Nicht jedoch, die Überlegung, wie lächerlich und seltsam ich das gerade fand.

Was für ein unfassbar seltsamer Idiot, dachte ich. In welcher Welt bekommt man denn jemanden mit dieser Methode rum? Ich welcher Welt ist es mein größtes Anliegen, sein scheiß egales Alter zu erraten? In welcher Welt, versteht jemand nicht die Signale, die ich glaubte, zu senden und das Desinteresse, das ich kund gab? Zumindest auf die letzte Frage ist die Antwort leider: In dieser. Und ich hinterfragte, ob ich mich irgendwie falsch verhalten hatte.
Eigentlich finde ich es absolut richtig, dass ich nicht von Beginn an forsch und unfreundlich war, denn das war er ja auch nicht. Wenn jemand den Mut aufbringt, jemanden nach seiner Nummer oder ähnlichem zu fragen, so sollte man ihr oder ihm doch zumindest freundlich absagen, sofern man sie nicht heraus geben möchte. Würde ich jemanden fragen, der mich sofort unfreundlich anging oder gar auslachte, wäre ich vermutlich gekränkt und würde ihn für ziemlich arrogant halten. So weit fand ich also okay, was ich tat. Aber was war nun mit dem Vergebensein? In diesem Fall wurde es zwar nicht beachtet, doch zog ich dieses Karte ja erst, weil mir klar war, wie sie meist zu dem Ziel führt, das ich erreichen will, ohne dass es gemein ist.






Darf man für einen netten Korb lügen?
Sollte man?

Und wieder überlegte ich, wie ich mich fühlen würde, wenn mir jemand einen Korb gibt. Es ist niemals toll, wenn man eine Abfuhr bekommt, aber welche ist die humanste? Die Ehrlichste? Was, wenn ich all meinen Mut zusammennehme und mein Interesse bekunde und ich dann "Ne, sorry, du bist mir nicht hübsch genug" oder "Ich bin zwar sehr verzweifelt auf der Suche, aber du bist die langweiligste und dümmste Person, der ich je begegnet bin" als Antwort bekommen würde. Selbst, wenn es der absoluten Wahrheit entsprechen würde, würde mir die Spucke im Halse stecken bleiben und ich wüsste nicht, was ich antworten sollte. Was wäre die beste Abweisung? "Du bist nicht mein Typ"? Oder ein  "Ich bin vergeben" oder "nicht auf der Suche", auch wenn das gar nicht stimmt? Einfach, weil es die wirkungsvollste Alternative ist, scheinbar besser als jedes Nein.

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5 x

  1. Nach dem Intro dachte ich noch: Och, ist doch aber ganz nett und es kostet immerhin schon Mut, jemanden einfach so anzusprechen, auf der Straße. Der Rest beweist aber nur, dass er mit einer Absage nicht umgehen kann und im Stolz / Ego gekränkt war, wodurch er aufdringlich wurde. Ich finds traurig, dass man als Frau immer eine Ausrede braucht, wenn man kein Interesse an einem Typen hat. Irgendwie scheinen sie nur auf "ich hab nen Freund" zu reagieren, was impliziert, dass sie nicht die Frau, sondern vielmehr den (vermeintlichen) Mann an deren Seite ernst nehmen. Wir haben echt noch ein großes Stück Weg vor uns. Und das in 2017. Eigentlich echt beschämend. Ein deutliches "Nein" oder "kein Interesse" sollte ausreichend sein und jeder, der sich als Mann versteht, sollte das respektieren. Egal, ob der Grund ein Partner ist oder irgendwas anderes.

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  2. Ich finde es genauso unangenehm wie du, meinen Beziehungsstatus als Ausrede/Entschuldigung zu nehmen. Es scheint aber so, als würde noch nicht mal mehr das helfen.

    Ich bin seit 2 Wochen mit Erasmus im Ausland und mir sind schon mehrere Situationen der Art hier passiert. Wir waren letztens mit mehreren Studenten feiern, als mir zwei unangenehme Situationen passiert sind. Nach einem plumpen Anmachspruch bezüglich meines Aussehens wollte ein Kerl unbedingt wissen, wie ich auf Facebook heiße und meine Nummer haben. Als ich ihm sagte, ich hätte kein Interesse und dass ich außerdem vergeben bin, wurde er beinnahe aggressiv und meinte ein paar mal, wir könnten ja Freunde werden. Dass eine Facebookfreundschaft nicht einer realen Freundschaft gleicht, und dass ich an einer Freundschaft mit ihm nicht interessiert war, hat er einfach nicht verstehen wollen.

    Am selben Abend wurde ich von jemanden direkt gefragt, ob ich einen Freund hätte. Als ich bejahte, wurde die Frage genauer: "Ist es eine ernste Beziehung [oder bist du für Spaß zu haben]?"

    Ich weiß, dass im Auslandssemester die meisten Leute auf der Suche nach Spaß sind, aber das hat mich doch schon sprachlos gemacht. Und am Ende sind wir Frauen es Schuld, weil wir a) entweder nicht früh genug erwähnt haben, dass wir vergeben sind; oder b) weil wir prüde Zicken sind, die noch was von Monogamie halten.

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  3. Ich finde es genauso unangenehm wie du, meinen Beziehungsstatus als Ausrede/Entschuldigung zu nehmen. Es scheint aber so, als würde noch nicht mal mehr das helfen.

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  4. Man stelle sich die Situation vor, in der er nur gesagt hätte, er wolle dich kennenlernen - so paradox es klingen mag - mit einer wirklich freundschaftlichen Intention - ist es für dieses Gedankenexperimente nicht echt schwierig? Man findet jemanden einfach sympathisch und würde gern mit ihr/ihm über Gott und die Welt reden, aber dieses Vorhaben ist kaum möglich. Häufig wird so etwas Skurriles als potentieller Flirtversuch abgetan - dies ist wohl zu strange - so bleibt ein stranger - ein strenger, obwohl gerade das freundschaftliche Kenn-Ich-Dich-oder-Kenn-Ich-Dich-Doch-Noch-Nicht-Flirten auch seine Flirtqualitäten mitsichbringt

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  5. Man stelle sich die Situation vor, in der er nur gesagt hätte, er wolle dich kennenlernen - so paradox es klingen mag - mit einer wirklich freundschaftlichen Intention - ist es für dieses Gedankenexperimente nicht echt schwierig? Man findet jemanden einfach sympathisch und würde gern mit ihr/ihm über Gott und die Welt reden, aber dieses Vorhaben ist kaum möglich. Häufig wird so etwas Skurriles als potentieller Flirtversuch abgetan - dies ist wohl zu strange - so bleibt ein stranger - ein strenger, obwohl gerade das freundschaftliche Kenn-Ich-Dich-oder-Kenn-Ich-Dich-Doch-Noch-Nicht-Flirten auch seine Flirtqualitäten mitsichbringt

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