Das Schweigen der Frauen: Vox von Christina Dalcher als Satire einer feministischen Idee

Unbedingt wollte ich dieses Buch haben. Kein Wunder, nachdem ich mich schon 2016 mit dem Kommunikationsverhalten und der Sichtbarkeit von F...

Unbedingt wollte ich dieses Buch haben. Kein Wunder, nachdem ich mich schon 2016 mit dem Kommunikationsverhalten und der Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache beschäftigt und für LIBERTINE einen Artikel geschrieben habe. Auch ist es nicht sonderlich überraschend, weil sich meine Bachelorarbeit mit dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit im Bezug auf Intersektionalität auseinandergesetzt hat. Sprache (und auch Sprachverhalten) ist nicht nur ein Abbild von Denken oder Wirklichkeit, sie konstituiert ein bestimmtes Denken und die Realität. Was sagt das über eine Welt aus, in der Frauen täglich nicht mehr als hundert Wörter sprechen dürfen? Genau das ist die Prämisse aus dem im S. Fischer Verlag erschienenen Debütroman der amerikanischen Theoretischen Linguistin Christina Dalcher. Unbedingt wollte ich das Buch haben. - Und wurde enttäuscht. Maßlos.

Der Inhalt:

Während einige ihrer Kommilitoninnen sich gegen die aufkommende frauenfeindliche Regierung engagierte, interessierte das Jean recht wenig. In den letzten Jahren hatte sie an ihrer Forschung zu einer seltenen Form des Sprachverlustes gearbeitet und ihre Familie gegründet. Doch als vor einem Jahr eine religiöse erzkonservative Partei an die Macht kommt, ändern sich alles. Die Regierung ordnet an, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen. Jean McClellan und jede andere Frau trägt in Amerika nun ein Armband am Handgelenk, das geäußerte Wörter zählt und Stromschocks verteilt, sollten es zu viele sein. Jean darf ihren Job nicht mehr ausüben und auch ihre kleine Tochter Sonia lernt in der Schule nicht mehr Lesen und Schreiben, sondern Haus- und Handarbeit. Während Jeans Mann sich entschuldigt, ist ihr ältester Sohn längst indoktrinierter Verfechter einer Ideologie, die ihm ganz logisch erscheint: Frauen haben nun einmal andere Aufgaben. Sie sind anders, irgendwie schwächer und hierarchisch unter dem Mann und sollten sich deswegen nun einmal auch ihre Rolle als Mutter und Hausfrau ausführen.
Wie konnte es geschehen, dass Frauen und Mädchen im 21. Jahrhundert ihres Stimmrechts beraubt werden? Jean kann es sich nicht erklären, bekommt jedoch eine überraschende Chance, etwas Grundlegendes zu verändern.

So unplausibel man diese Dystopie finden kann, so interessant war sie für mich trotzdem. Und komplett weit entfernt, dass niemand im 21. Jahrhundert so denken könnte, ist zumindest die grundsätzliche Haltung gar nicht unbedingt, wie ich letztens feststellen musste. Auf Youtube stieß ich sehr zufällig auf ein Videos namens "10 Things Every Wife Needs To Do For  Her Husband" und vermutete dahinter einfach einen Clickbait Titel. Als ich mir das Video ansah war dann schnell klar: Okay krass, das war nicht einfach ein polemischer Titel, das ist echt. Und ganz schön rückständig, aus meinen Augen.


Ich gebe also zu, Dalchers Buch wollte ich vor allem aufgrund der Idee lesen. Wenn ihr dieses Buch ebenfalls noch lesen wollt, dann solltet ihr diese Rezension vielleicht nicht lesen. Einerseits nicht, weil ich nicht viel Gutes über dieses Buch zu sagen habe, andererseits aber auch, weil sie einige Spoiler enthält, die manche stören könnte. Denn tatsächlich bleibt das einzig Gute, was ich aus der Lektüre dieser Dystopie mitnehmen kann die Idee. Denn die Suche einer guten Ausführung dieser und tiefer gehender Gedanken bleibt vergebens. Die Idee, den Gedanken der Intersektionalität rein zu bringen ist vorhanden, die Idee des dargestellten Suizids finde ich gut und auch eine einzige Szene, in der die jüngste Tochter Sonia stolz auf ihren Preis ist, in diesem Monat am wenigsten gesprochen zu haben, hat etwas in mir ausgelöst. Alles andere allerdings gar nicht. "Vox" ist wirklich wirklich wirklich nicht gut geschrieben. So gar nicht. Die schrecklich geschriebene betont unsympathisch überhebliche und unreflektierte Protagonistin lässt sich durch eine klischeeüberladene, sprachlich unausgereifte Geschichte voller Figuren treiben, die lediglich in der Flachheit ihrer Funktionen existieren.

Mit diesem Buch tut Dalcher dem Feminismus keinen Gefallen.

Im Gegenteil befeuert der Roman  Vorurteile, mit denen sich die Frauenrechtsbewegung seit jeher auseinandersetzen muss.

Hysterisch sei der Feminismus. Wütend und unsachlich. Dumm. Privilegiert. Sexuell unbefriedigte, unentspannte, männerhassende und doppelmoralische Frauen. An so vielen Stellen zeigt das Buch einen komplett bescheuerten und generalisierenden Sexismus gegenüber Männern, die "einfach so sind" wie sie sind. Das einzig feministische in diesem Buch bleibt erneut die Idee eines frauenfeindlichen Staates, gegen den man sich auflehnt. Oberflächlich und undifferenziert konstruiert: Die einfache Lösung der dystopischen Gesellschaft ist jedes Ablehnen von Religion und dem Großteil der Männer, was flacher gar nicht sein könnte. Darüber hinaus gibt es unironisches Slutshaming und die Charakterisierung männlicher Figuren durch die Beschreibung ihrer Körperlichkeit als "dick", wahlweise auch "fett" und "schwitzend".

Was ich persönlich mit am schlimmsten finde ist die Tatsache, dass der Autorin scheinbar gar nicht aufgefallen ist, was sie tat, als sie die Protagonistin als freche und trotzige Figur schrieb, die ihren Ehemann als nicht genügend "stark" empfindet und sich deswegen den heißen, willensstarken, körperlich so männlichen und starken Italiener Lorenzo als Affäre angelt.
Ein Love-Triangle, das es schon viel zu oft in Büchern gibt, in denen es rein gar nichts zu suchen hat und darüber hinaus absurd problematisch ist. Das gipfelt in den wohl peinlichsten Sexszenen, die ich jemals gelesen habe: "Und diesmal schweige ich nicht. Ich schreie mit meinem Körper und meiner Stimme, grabe Fingernägel ins Bettlaken oder in Lorenzos Haut. Ich beiße und stöhne und kratze wie eine Wildkatze auf Droge, lasse den ganzen Stress und die Angst und den Hass aus mir heraus und lade alles auf ihm ab. Er nimmt auch den letzten Tropfen, gibt mir einen Teil zurück, zieht an meinen Haaren, knabbert an meinen Lippen und Brüsten, attackiert mich mit Küssen. Es ist brutal, aber dennoch ist es Liebe. - Unser gemeinsamer Schrei gegen den Rest der Welt und all ihre Sünden."
Wie dieses Liebes-Dreicks-Dilemma gelöst wird? Ihr Mann stirbt in dem Heldenakt, Amerika gerettet und von seinen mächtigen Unterdrückern befreit zu haben (natürlich ist es auch wieder der Mann, der die Lösung zur Unterdrückung der Frau hat...). Und während schon innerhalb des ganzen Buches komplett unverständlich "italienisch" als Synonym für alle Gute der Welt verwendet wird, ist es auch keine Überraschung dass der Roman genau dort endet. Genau dort unter der heißen Sonne wo, oh happy end!, Jean mit Lorenzo und ihren Kindern lebt und liebt, vielleicht nächstes Jahr sogar in die Politik gehen will. Die Aneinanderreihung schlechter Klischees endet mit einer Szene, die ich exakt so voraus gesehen habe: "Außerdem genieße ich es, die Frauen hier zu beobachten. Sie sprechen mit Händen und Füßen, schütten ihr Herz aus, und sie singen."

Ich hatte eine durchaus kontroverse Dystopie erwartet, die sich mit Sexismus und ihren Auswüchsen beschäftigt und habe ein Buch bekommen, das irgendwo in einer Vorannahme das Thema anschlägt, aber ansonsten nichts Anderes ist als ein irgendwie nicht schlecht geschriebenes Buch, das Aspekte eines Dramas, Science-Fiction- oder Liebesromans beinhaltet. Der Showdown am Ende war unlogisch, schlecht aufgebaut und entsprechend auch viel zu schnell. Während man in der ersten Hälfte des Buches daran verzweifelt, dass jede einzelne Figur und Szene nur als ganz offensichtliches Mittel zum Zweck genutzt wird, das der Leser gänzlich durchschaut, ist im letzten "aufregenden" Drittel des Buches einfach alles so unsinnig und unlogisch, dass man überhaupt nicht weiß, wieso was und wo, wem und wie passiert. Auch wenn Dalcher die Stepford Wifes als Vorbild genommen, die Referenz zu 1984 selbst in ihr Buch geschrieben hat und alle Welt von Atwoods Handmaid's Tale begeistert ist: "Vox" ist ein gescheiterter Versuch, nicht in der Nähe von Literatur und so schwach und problematisch, dass es eigentlich eine Satire sein sollte.



Transparenz: Das Leseexemplar von "Vox" wurde mir vom S. Fischer Verlag kostenlos, bedingungslos und unbezahlt zur Verfügung gestellt. Ich war weder verpflichtet, eine Rezension zu schreiben, noch (wie man vielleicht merkt) bloß positive Urteile zu veröffentlichen.

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2 x

  1. An attention-grabbing dialogue is value comment. I feel that you must write extra on this matter, it might not be a taboo topic but generally individuals are not enough to talk on such topics. To the next. Cheers online casino games

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  2. Oh, ich bin enttäuscht. Der Klappentext klingt wirklich nach einem vielschichtigen Roman, der dem Leser nicht nur auf direktem Weg gute Denkanstöße gibt, sondern auch gute Diskussionen online anstoßen könnte. Nach dem Lesen Deiner Rezension streiche ich Vox mal aus meiner Liste der potentiellen Buchclub-Romane...
    Kann mir vorstellen, wie Du im Kontrast zu all der Literatur für deine Bachelorarbeit und Deiner Bachelorarbeit selbst geschockt darüber warst, auf welchen unterschiedlichen Leveln man über das Zusammenspiel von Sprache und Denken schreiben kann...

    Naja, nichtsdestotrotz (jetzt mal von dieser Umsetzung abgesehen) ist die Bedeutung von Sprache für andere Kognitionen und letztlich Gesellschaften so ein zentrales und dennoch so unerforschtes Gebiet. Habe in England eine Vorlesung zur "Linguistic Relativity" besucht - Hammer Befunde, aber alles noch in den Kinderschuhen.

    Übrigens: Kann mich noch an die Zeit erinnern, als Dein Artikel bei LIBERTINE online gegangen ist... War der Artikel, der mich dann später dazu motiviert hat, zu schauen, was die psychologische Forschung dazu liefert.

    Und noch eins (hab so lange nicht mehr kommentiert, jetzt staut sich alles auf): Hast in Deiner Instagram Story darüber gesprochen, dass Du etwas über die Grundlagen eines Arguments schreiben willst. Hoffe zwar, dass ich das drauf habe; interessiere mich aber dafür, wie Du als Philosophin Argumente erklären würdest.

    So, done.

    Wünsche Dir eine schöne Woche!
    xx Ana (disasterdiary.de)

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