Philosophie Bücher Empfehlungen für Beginner | Moral & Gesellschaft

Manchmal habe ich die schreckliche Befürchtung, Menschen könnten denken, dass Philosophie nicht mehr zeitgemäß sei. Als hätten sie bei...


Manchmal habe ich die schreckliche Befürchtung, Menschen könnten denken, dass Philosophie nicht mehr zeitgemäß sei. Als hätten sie bei dem Stichwort "Philosophie" alte bärtige Männer in langen Roben im Kopf, die ohne Logik sinnieren oder in einem Elfenbeinturm über richtig und falsch urteilen, ohne auch nur irgendeine Verbindung zu den Lebensrealitäten oder Dilemmata der Menschen zu haben. Und jedes Mal, wenn ich neue Leute kennen lerne und erzähle, dass ich Philosophie studiere, begegne ich entweder interessierten Gesichtern oder denjenigen, die schlucken und ein wenig abschätzig fragen, was ich denn damit machen möchte. Naja. Allem voran: Logisch denken lernen und bestmögliche Probleme begreifen und nach Lösungen suchen.
In meinem Studium spreche ich nicht über den Sinn des Lebens und auch nicht über die Schönheit des Gedankens, ich werfe nicht bloß mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen reine Meinungen in den Raum, sondern diskutiere, lerne Modelle und widerlegen die Argumente des jeweils anderen. Dass in der Philosophie niemanden deine Meinung interessiert, solange du sie nicht logisch belegen kannst, scheint eine neue Erkenntnis für diejenigen zu sein, mit denen ich manchmal spreche. Ebenso, dass wir nicht bloß von Aristoteles und Epikur sprechen und uralte Texte lesen, die – wie manche glauben – "schon längst überholt" seien. Im Gegenteil. Wir erkennen Muster und Systeme, die es damals gibt, wie auch heute. Und wir beschäftigen uns ebenso mit Themen, die nicht nur zeitgenössisch sind, sondern darüber hinaus noch weit in unserer Zukunft liegen.
Und muss das ein wenig aufzuzeigen, habe ich hier ein paar Buchempfehlungen für all diejenigen, die sich nicht mit Philosophie auskennen und denen einige Primärtexte zu schwer oder zu wenig zugänglich erscheinen. Hier also einige Bücher, die ich gelesen habe und von denen ich glaube, sie könnten all denjenigen einen seichten ersten Schritt in die wunderbare Welt der ethischer und philosophischer Randbereiche und Fragestellungen ermöglichen.


Debra Satz: Von Waren und Werten

Sind wir auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der alles käuflich ist? In demokratischen Gesellschaften sind Märkte die beherrschende Form gesellschaftlicher Organisation. Idealerweise sollen sie sich durch höchstmögliche Effizienz bei gleichzeitig größtmöglicher Verteilungsgerechtigkeit auszeichnen, aber auch individuelle Freiheit garantieren.
Wenn Organhandel, Sexarbeit, Kinderarbeit, Handel mit Wählerstimmen, Waffen oder mit weiblichen Reproduktionskräften, um nur einige Beispiele zu nennen, den Bedingungen der kapitalistischen Verwertungsgesetzmäßigkeit unterworfen werden, hat das Auswirkungen auf eine demokratischen Gesellschaft. Welche Güter müssen den Marktgesetzen entzogen werden, weil ihre Vermarktlichung den Bedingungen und Wertvorstellungen einer demokratischen Gesellschaft widerspricht?
Debra Satz erläutert nicht nur die ideengeschichtlichen Grundlagen der Märkte und der Gleichheit von Adam Smith bis Ronald Dworkin, sie stellt ebenso die Marktmechanismen auf den Prüfstand, die in die Gesundheitsfürsorge, die Bildung, die Arbeit und die politische Einflussnahme Einzug gehalten haben. Sie beschreibt und analysiert die signifikanten Konsequenzen einer allumfassenden Marktorientierung für die Gesellschaft, sowohl in sozialer, kultureller als auch politischer Hinsicht.




Die Apologie des Sokrates

Und hoppala, da findet sich in dieser Auflistung doch ein antiker Philosoph. Ich kann jedoch keine Auflistung philosophischer Werke machen, ohne nicht zumindest denn Gottvater der griechischen Philosophie zumindest zu nennen. Ich halte unglaublich viel von Sokrates. So viel sogar, dass ein Druck des Gemäldes "Der Tod des Sokrates" von Jacques-Louis David über meinem Bett hängt.


"Die Apologie des Sokrates" ist ein Werk von Platon, das von der Verteidigungsrede der Anklage des Philosophen Sokrates handelt. Literarisch gestaltet erzählt Platon in Dialogform nach, wie sein Lehrer Sokrates vor dem athenischen Volksgericht angeklagt wird und inwiefern er sich verteidigt. Vorgeworfen werden Sokrates aufgrund seiner philosophischen Äußerungen, Diskussionen und Infragestellungen, Gottlosigkeit und die Verführung der Jugend. In drei Reden der verschiedenen Phasen des Gerichtsverfahrens folgen wir Sokrates, der sich verteidigt und Argumentiert, schließlich jedoch dennoch verurteilt wird.

Wir werden dabei Zeuge von Sokrates Furchtlosigkeit und Integrität, sowie der berühmten sokratischen Ironie, seine Methode, Diskussionen zu führen und seine Gegner überführen zu können, indem er sie sich selbst widersprechen lässt und somit entlarvt. Auch deswegen lernen wir durch dieses Exemplar der Weltliteratur weit mehr als das Schicksal eines einzelnen Menschen, viel mehr noch das philosophische Geschick, die Offenheit eines Dialoges und Diskurses aus Sicht und Methode des Sokrates, sowie das Festhalten an moralischen Grundsätzen.





Terror von Ferdinand von Schirach

Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Theaterbesucher, sie müssen über Schuld oder Unschuld urteilen. 
In Schirachs Drama "Terror" schildert er das moralische und rechtliche Dilemma von Menschlichkeit und Töten. Mehr als das schlichte Trolley-Problem der Moralphilosophie und dennoch so zugänglich geschrieben und weitläufig diskutiert. Ein Stück von banaler Aktualität. In welcher Zukunft wollen wir leben? Werden wir uns für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terroranschläge noch gilt? Dürfen Menschenleben gegeneinander abgewogen werden? Stehen Prinzipien über dem Einzelfall?


George Orwell: 1984

George Orwells 1984 ist die Mutter aller Dystopien und längst zu einer scheinbar nicht mehr erklärungsbedürftigen Metapher für totalitäre Verhältnisse geworden. Mit atemberaubender Unerbittlichkeit zeichnet der Autor das erschreckende Bild einer durch und durch totalitären Gesellschaft, die bis ins letzte Detail durchorganisierte Tyrannei einer absolute autoritären Staatsmacht. Seine düstere Vision hat einen beklemmenden Wirklichkeitsbezug, dem sich auch der Leser von heute nur schwer entziehen kann.
Der Roman über die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie "wurde zu einem Jahrhundertbuch, sein Titel eine klassische Prägung wie die Morus-Utopia, und aus dem Spiel ist Ernst geworden." So hat es der 1948 herausgekommene Roman im Jahr 2017 wieder zum Bestseller geschafft, war teilweise über Amazon sogar ausverkauft. 
Winston Smith findet sich in London, der wichtigsten Stadt von Landefeld eins, wieder, wo er als ein Parteimiglied wohn und arbeitet und darüber hinaus tatsächlich auch wenig tun kann. Langsam aber sicher stellt er die Geschehnisse und Informationen, die er erfährt infrage. Von Personenkult über düsteres Misstrauen, einer Zweiteilung der Gesellschaft, Überwachungsstaat und widersprüchlicher Propaganda durch die eigenen Diktatur. - Wer hat Macht? Wie lässt sich etwas verändern? Wie weit würde man gehen? Was ist Wahrheit?




Ray Kurzweil: Die Intelligenz der Evolution

Ray Kurzweil ist Computerpionier, Vordenker, Transhumanist und ein Visionär, der unser digitales Informationszeitalter mitgeprägt hat und auf gruselige Weise mit seinen präzisen Prognosen vor mehreren Jahrzehnten für das 21. Jahrhundert absurd richtig und lag.
Beschleunigung ist das Gesetz der Zeit. Und der entfesselte Fortschritt mitsamt all seiner Möglichkeiten reißt Grenzen nieder. Und das soll auch so sein, findet Kurzweil. Turing Test, Künstliche Intelligenz und digitale Revolution. Computer überflügeln den Menschen in allen Belangen der Intelligenz und entwickeln Bewusstsein. Der Mensch »verbessert« seine natürliche Ausstattung mittels Gentechnik und Neuro-Implantaten. Ein neuer Evolutionssprung kündigt sich an. Um das Jahr 2029 kann das menschliche Gehirn »gescannt« und in einem Computer dupliziert werden, so Kurzweil und erklärt dies auch. Die Debatte über das Bewusstsein und die Würde der Maschinen setzt ein. Die Vision und Entwicklung unserer Gesellschaft wirft Fragen auf, die es bisher noch nie gab, weitreichende Konsequenzen der digitalen Revolution werden uns alle betreffen und einige ethische und philosophische Fragen hierzu müssen jetzt diskutiert werden.

Ich bin, was ich darf von Volker Kitz

Volker Kitz beschreibt in seinem Buch "Wie die Gerechtigkeit ins Recht kommt und was Sie damit zu tun haben." Ein moralisches Problem zu erblicken und zu sagen, es sei falsch oder unrecht, das kann sehr schnell gehen. Sich darüber zu echauffieren, warum ein bestimmtes Gesetz nicht greift und dass es dann eben geändert werden müsse, sogar noch schneller. Wie jedoch das Rechtssystem funktioniert und wie es begründet, das ist der Punkt, der auch aus philosophischer und moralischer Sichtweise interessant und nicht unbedingt einfach ist. Dennoch schafft es Kitz in anschaulicher Weise einen Einblick in die Welt zu geben, in der über Recht und Gerechtigkeit entschieden wird und allein während des Lesens eines einzigen Kapitels hatte ich das Gefühl, viel dazu zu lernen. Inwiefern muss es erlaubt sein, sich politisch durch Zivilen Ungehorsam auszudrücken? Was ist Recht und wie Entsteht es? Welchen Einfluss hat der Mensch auf das, was gerecht und richtig ist? Welche rein bürokratischen Probleme stehen schon der Veränderung des Geschlechts im Weg und wie lassen sie sich lösen? Widerspricht eine Frauenquote der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern? Darf die Straße in der ich wohne von Kameras überwacht werden, um Sicherheit zu gewährleisten, aber gleichzeitig in meine Privatsphäre eingreifen? Was passiert, wenn Religionsfreiheit im Widerspruch mit dem Recht auf körperlicher Unversehrtheit, Tierschutz oder Hilfeleistung steht?Darf mich der Staat bevormunden? Was sind "einfache Gesetze" und was steht darüber? 
Mit vielerlei interessanten und vielschichtigen Fallgeschichten führt Volker Kitz die Leserschaft durch die großen Fragen von Recht und Gerechtigkeit und verbindet damit die tatsächlichen Biographien und Fälle vieler Menschen wir uns mit den Grenzen der Philosophie und den Begründungen und Entwicklungen des Rechts und zeigt uns außerdem auf, inwiefern wir selbst in Freiheit und Verantwortung stehen, uns unserer Macht als Gesellschaft klar zu werden, Regeln und Sichtweisen zu verändern.


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