Reisebericht Sommer 2025: Von Fuerteventura nach Bologna und mit dem Camper Roadtrip durch Norditalien
Sonntag, August 24, 2025
Phase 1: Fuerteventura
Entschleunigung und Sonnenschutz. Euphorisch über die Serpentinen und nackt in die Wellen. Klippen aus Vulkanstein, Brotzeit mit Aioli, Meerwasser mit Salz auf den Lippen und Fragen mit Tiefe
Phase 2: Bologna
Meinen vollständigen Bologna-Guide findet ihr inzwischen sogar schon hier:
Phase 3: Roadtrip Norditalien
Vanlife war nie etwas, mit dem ich mich identifizieren konnte, noch etwas, in dem ich mich in irgendeiner Weise in der Zukunft hab Urlaub machen sehen. Entgegen vieler Menschen, die ich kenne, habe ich meine Kindheit nicht auf einem Campingplatz verbracht, saß und schlief noch nie in einem Wohnmobil und hatte auch in dem Hype vor einigen Jahren nicht sonderlich viele Anknüpfungspunkte zu dem, was sich (inzwischen hippe, beige, pseudo-boho und dennoch voller Statussymbole:) zu "Van Life" entwickelt hatte. Entsprechend der Adjektive, die ich hier genutzt habe, könnte man richtigerweise vermuten, dass ich sogar eher urteilend abgeneigt war. Das war was für große blonde schöne Frauen im Bikini, die sich von ihrem Freund im Bikini in den Sonnenuntergang tragen ließen und ihren Winter auf Bali verbrachten. Ich sah mich immer eher als die mit dem Notizbuch im Café in Prag. Oder eben in Italien. Wenn überhaupt. Denn als das alles seinen Boom hatte, war ich vollends in Familentrauer untergegangen.
Ich hatte also nie geplant, mal sowas wie einen Roadtrip zu machen oder regelmäßig Urlaube im heißen Camper zu verbringen. Planen kann man aber ja nun einmal nicht immer alles. Und dann kam da dieser Mensch in mein Leben mit ausgebauten blauen Camper. VW LT 35. Zwanzig Jahre alt.
Venedig als untergehende Stadt (in vielerlei Hinsicht)
Als ich das letzte Mal in Venedig war, habe ich Thomas Mann und Goethe gelesen, war noch vor Anbeginn meines Studiums und habe mich für ziemlich klug gehalten. Habe über Vergänglichkeit nachgedacht, ohne sie erlebt zu haben. Jetzt laufe ich durch die Stadt und sehe sie anders.
Die Seufzerbrücke rührt mich noch immer. Neben der Rialtobrücke bekomme ich Informationen zu den Handlungsbeziehungen der Fugger. Die Libreria Acqua Alta ist zum Touristenhotspot geworden. Leonardo di Caprio, Ivanka Trump und die Kardashians tingeln durch die Stadt, abseits politischer Korrektheit und Klimazielen, zur Hochzeit des Jahres. Ich trinke einen Caffè im Stehen, weil ich das aus meiner längsten Beziehung gelernt habe. Zwischen historischen Fassaden, wunderschönen Ornamenten und Muranoglas bekomme einen Kalender mit den schönsten Priestern des Jahres geschenkt.
Weit am Rande in einem Park, der nach Pinien riecht, schlafe ich auf einem Schoß ein. Stimmungstief. Schweigen und duschen und Kopfschütteln.
Gastfreundschaft in Udine
Das hübsche hübsche Triest
Campingplatz am Obelisk. Zwischen Meeresblick auf Triest, dem Duft von Pinienbäumen und giftigen schwarzen Schmetterlingen. Keine Mücken, aber auch kein Toilettenpapier. Hitze und Berge. "Oh Gott, das ist ja wie Wuppertal", werden wir sagen, wenn wir uns bei Mittagshitze Treppen und Hügel hinauf und hinab schleppen werden. Wir fliehen in Secondhand- und Vintageläden, Kunst- und Antiquitätenhandel. Finden auf der Karte der historischen Pasticceria La Bomboniera ein Gebäck, das "lettere d'amore" heißt. Wir entscheiden uns aber für ein Windbeutelteilchen und eine Pistazienrolle. In der historischen Tram kauft man seine Tickets per App.
Triest wirkt auf mich mehr wie Wien als Italien. Das ergibt auch Sinn, wenn man die umkämpfte Geschichte der Grenzstadt kennt. Weitläufige Straßen, steinerne, große und pastellig gestrichene Bauten. Kaffeehausflair. Das Caffè San Marco wirkt sehr so. Ist wunderschön und unser erstes Ziel. Ein Literatencafé von 1914, das sich anfühlt wie meine ersten Semester Komparatistik. Bisschen Rilke, bisschen Freud. Jugendstileinrichtung, poliertes Holz. Im linken Flügel des Cafés ist eine Buchhandlung untergebracht, mittig vor allem der Café-Teil mit Kuchen und Süßigkeiten hinter Vitrinenglas und einer weitläufigen Bar mit marmornen Flächen vor Kellner:innen mit Fliegen um den Hals. Im Restaurant bestellen wir Pasta und Risotto. James Joyce ist hier seinerzeit ein und ausgegangen. In seiner Zeit in Triest arbeitete er an mehreren seiner Hauptwerke, begann und entwickelte große Teile von "Ulysses", schrieb "A Portrait of the Artist as a Young Man" und beendete "Dubliners". Wir schreiben Postkarten. Laufen am Hafen entlang, beobachten eine Möwe, wie sie ein tote, aufgedunsene Ratte frisst.
Österreich: Ossiacher See und Millstätter See
Ich glaube, ich war noch nie in Österreich", sage ich und wundere mich selbst. Wir sitzen auf dem Stand-Up-Paddle und treiben über den Ossiacher See. 21 verschiedene Fischarten gibt es hier. Am häufigsten sehe ich Rotaugen, vielleicht auch Unechte Rotaugen, also Rotfedern. Bei Wikipedia finde ich sie nicht so leicht zu unterscheiden. Ich finde: wenn du ganz lieb bist, bist du eine Zährte, zu viel Quatsch machst, ein Nerfling, wenn du gereizt bist, ein Barsch. Bei der Arbeit ein Gründling, wenn du in den Spiegel guckst, ein Aitel, im Pride Month eine Regenbogenforelle. Im Camper stehen unsere Laptops mit digitalen Karteikarten und Teams, wir stehen in Badekleidung auf dem Stand-Up-Paddle.
Um uns herum sind junge Paare und Familien, alle lieb, alle mit Kindern. Wäscheleinen, an denen kleine gemusterte Bodys hängen, weinende Babies, fahrradfahrende Kids, winzige Kinder, die mit dem Bauch voran auf den Trampelpfad wanken und mit großen Augen glotzen. Wenn man winkt oder sie lächelnd begrüßt, dann schweigen sie entweder unbeeindruckt oder freuen sich. Die K-Frage, der Anfangdreißigjährigen. Kinderlos lasse ich Sonnencreme einwirken, sitze auf der Stufe des Campers und esse mein Porridge.
Zwiebeln andünsten, Knoblauchzehen pressen, Tofu anbraten. Italienischen Räucherkäse snacken. Alleine sitze ich um 6 am Laptop und muss arbeiten. Tage am gleichen Ort zu sein, tut mir gut. Die heiße Dusche und der leichte Wind sowieso. Endlich runterfahren können. Belastung und Überreizung kann wieder zu trauriger Ahnungslosigkeit werden. Morris erwischt mich, wie ich durch das Mückennetz durch das Heck in die Leere starre und auf diese Weise versuche, meinen Platz im Leben zu finden. "So findet man die Antwort nicht!"
Städtetrips sind vorbei. Drei Tage auf dem See. Schrumpelige Finger, angestrengte Oberarme, Tanning Lines vom Bikini. Wir retten Bienen, die ins Wasser gefallen sind. "Wenn wir jetzt im Schilf in einem Weidenkörbchen Babymoses finden, würdest du ihn mit mir aufziehen?" Brennspiritus, Pancakes, 7 vs. Wild Location Leak. "Welches Tier bin ich?" Morris schwimmt auf dem Rücken und sein Armhaltung und sein Gesichtausdruck verdeutlichen: er ist ganz klar ein Otter.
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