Fünf Artikel, die mich fasziniert, erschüttert oder zum Nachdenken gebracht haben

1. A Very German Lovestory: When Old Left and Far Right Share a Bedroom When she says identity, he hears exclusion. When he say...




When she says identity, he hears exclusion. When he says diversity, she hears Islamization. He accuses her of forgetting history. She accuses him of obsessing with history. He calls her a racist. She calls him a national masochist.

Ein Artikel von Katrin Bennhold der New York Times über die zwei Deutschen Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Zwei Autoren, die für zwei entgegengesetzte politische Strömungen stehen und die zufälligerweise verheiratet sind. Sie mögen Immanuel Kant und das Gärtnern. Zwei Intellektuelle, die sich schon in frühen Jahren politisch engagiert und positioniert haben, er schon als studentischer Aktivist bei den linken Kommunisten, sie zu den neueren rechten Nationalisten. Zwei intelligente Menschen zweier Generationen und zweier Denktraditionen, die sich widersprechen, die Haltung des anderen für falsch halten und dennoch das Leben miteinander teilen. Miteinander sprechen ist jedoch gerade im politischen Kontext essenziell. Die Argumente und die Anschauung derer zu kennen, die einem vorhalten, das Problem nicht richtig zu erkennen, ist die einzige Weise, um zu Ergebnissen zu kommen. Einen Menschen allerdings auch in seiner Biographie zu erkennen, die ihn dazu führt, auf eine bestimmte Weise auf gewisse Theorien zu reagieren und auf andere nicht, ist eine noch viel intimere Ebene. Diese in ihm zu akzeptieren, obwohl sie dem eigenen Menschenbild missfällt vermutlich eine der größten Herausforderungen.

So far-reaching are their ideological differences that they seem impossible to reconcile with a relationship borne from romance that began when she was a university student and wrote a dissertation titled “How to be moral.” She caught Mr. Lethen’s eye in his seminar, and they became beguiled by each other’s intellect. [...] Their marriage is exceptional, incomprehensible even, but it is also a laboratory for tolerance and a rare window into how the other side thinks. Intimately and daily, they are having the conversation their country is not.





Enthält das Recht auf Selbstbestimmung auch das Recht auf Bestimmung des eigenen Lebens und Ablebens? Welche Fragen, Sorgen oder stumme Momente stehen Menschen bevor, die von aktiver Sterbehilfe eines Angehörigen betroffen sind? Wie müssen wir eine Debatte führen, die selbstgewählten Freitod thematisiert?

Der australische Professor und Botaniker David Goodall ist 104 Jahre alt, frustriert aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und der gesundheitlichen Umstände, die das mit sich führt und plant seinen Suizid in der Schweiz. In Perth verabschiedet er sich vor laufenden Kameras von seinen Verwandten. Dass Goodall diese Entscheidung bei vollem Verstand beschließe, bestätigt Philip Nitschke, der Direktor der Sterbehilfe-Organisation Exit International. „Nur, wenn zwei Ärzte überzeugt sind, dass er 100-prozentig klar in seinem Wunsch ist, findet die Begleitung statt“, sagte Erika Preisig, Ärztin und Gründerin des Vereins Lifecircle, der auch Goodall bei seinem Vorhaben unterstützt. Lifecircle spricht wie ähnliche Organisationen von „Freitodbegleitung“, nicht von Suizid.





3. Der blöde Sex aus Nettigkeit

Es klingt beim ersten Lesen oder Hören absurd: Wieso sollte jemand Sex bloß aus Nettigkeit haben? Und doch, so glaube ich, ist das ein Phänomen, das weit verbreitet ist.

Man könnte sich fragen: Wie oft hatte man selbst vielleicht bereits Sex, obwohl man es vielleicht gar nicht unbedingt wollte, aber dennoch mitgemacht hat? Und könnte das auch auf einen Sexualpartner zutreffen, mit dem man selbst mal intim war?

Viele Situationen sind denkbar, in denen es zu solch einer Situation kommen kann. Ein Abend in einer langen Ehe, an dem man merkt, dass der Partner Lust hat, man selbst aber eigentlich nicht unbedingt, man es ihm oder ihr zuliebe einfach trotzdem macht. Ein Date, das man mit nachhause gebracht hat, mit dem man flirtete und knutschte, sich Sexhaben aber doch falsch anfühlt, man jedoch das Gefühl hat, es jetzt nicht mehr abbrechen zu können, weil man dem Gegenüber schon zu viel versprochen und so weit gegangen war. Wenn man während des Sex merkt, dass sich der andere nicht mehr um einen schert, einen gar nicht mehr wahrnimmt und einem alles vergeht, aber dennoch bleibt. "Ich habe an die Decke geguckt und gedacht: Hoffentlich ist er bald fertig", schreibt eine Person in dem aktuellen Emotion Magazin, in dem ich diesen Artikel gefunden habe. Diese und andere Erfahrungen beschreiben darin einige Frauen, die sich durch irgendwelche Gründe dazu hinreißen ließen, Sex aus Gefälligkeit zu haben. "Mir verging die Lust. Doch etwas in mir wollte ihm noch immer gefallen."

Die Psychologin Berit Brockhausen erklärt daraufhin, wie es kommt, dass (in diesem Fall insbesondere Frauen) in die Situation kommen, mit einem Mann zu schlafen, obwohl sie es nicht wollen. Einer der Gründe kann sein, dass Frauen die Alternativen abwägen: Entweder jetzt wirklich nein sagen und abbrechen, aber Stress, Streit, Aggression oder Enttäuschung im Partner hervorrufen oder einfach abwarten und weiter zulassen? In dem Interview macht Brockhausen zudem auf das Dilemma aufmerksam, dass der Sex, der in Medien, Pornos und auch in vielen Schlafzimmern stattfindet einer ist, der auf Männer und ihre Lust ausgelegt ist. Sex ist in der Regel vorbei, wenn der Mann fertig ist. Ins Glücksfällen habe die Frau vorher Spaß gemacht, aber einige Male nun einmal auch nicht. Frauen tappen wohl auch dann schnell in die Falle eines Gefälligkeitssex, wenn sie den Fokus immerzu auf den Partner legen: Wenn man selbst schon nicht mehr die Erwartung hat, einen Höhepunkt und Spaß zu erleben, so konzentriert sie sich ggf. nur noch darauf, dass wenigstens der Partner bestmöglich Spaß hat. "Üben Sie sich darin, eine Enttäuschung zu sein", so die Psychologin. "Wechseln Sie die Perspektive. Hoffen Sie vor dem Date nicht verzweifelt ihm ja auch zu gefallen, sondern fragen Sie sich lieber, was er zu bieten hat."

Der blöde Sex aus Nettigkeit. Interview von Jessica Benjatschek.
Protokolle von Christine Ellinghaus und Silvia Feist.
Aus dem aktuellen emotion Magazin, 06/2018.



Sie wissen nichts vom Leben der anderen. Obwohl sie in derselben Stadt wohnen. Die einen im armen Hamburger Osten, die anderen im reichen Hamburger Westen. In dem ZEIT Interview von Anant Agarwala und Jeannette Otto sprechen vier Jugendliche über Markenkleidung, Kopftücher und Versagensängste. Ein unglaublich interessantes Konzept und eine menschlich tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst und denen, die man als "anders" wahrnimmt. Zwei Schichten sprechen über- und miteinander, bevor sie überhaupt in die Erwachsenenwelt hinein getreten sind.


  • "Das ist spannend, wir gucken da irgendwie anders drauf. Bei uns in Blankenese hab ich manchmal das Gefühl, dass eine Canada-Goose-Jacke jemanden ausmacht."
  • "Wir Kinder können uns eh nicht aussuchen, aus welchem Elternhaus wir kommen, ob es da viel Geld gibt oder wenig."
  • "Neid ist ein extremes Wort. Ich finde nicht, dass mir etwas fehlt, obwohl ich weiß, dass sich der Lebensstandard unserer Familie von dem anderer Leute unterscheidet. Was ich wirklich vermisse, ist ein eigenes Zimmer."
  • "Meine Mutter sagt immer: "Du kannst dich glücklich schätzen. Wir kratzen am obersten Zehntel Deutschlands." Das Schlimmste, was mir finanziell passieren kann, ist, dass wir mal ein Jahr nicht in den Skiurlaub fahren können."
  • "Weil meine Eltern schon sehr lange nicht mehr arbeiten können, habe ich das gar nicht so bemerkt, dafür war ich zu klein. Aber für sie war der Unterschied sehr groß. Die fühlen sich manchmal schuldig, dass sie uns nicht den Lebensstandard bieten können, den andere haben."
  • "Das Trinken ist wie ein Druckausgleich, das hat auch viel mit unseren Eltern zu tun. Das meine ich wirklich ernst. Weil wir es mindestens so weit bringen wollen wie sie. Selbst wenn sie sagen, dass sie das nicht erwarten, und man weiß, dass die Eltern alles für einen tun würden – der Druck ist einfach da."
  • "Es kann auch nicht jeder – meine Meinung – Akademiker sein. Wir haben ja jetzt schon einen Handwerkermangel in Deutschland. Das ist allerdings sehr egoistisch, wenn ich das so sage, weil ich selbst niemals Handwerker werden will."

Matin und Zahra kommen aus dem sozialen Brennpunkt des Hamburger Ostens, Lando und Ricarda leben mit ihren Familien im wohlhabenden Blankenese. Was eint die Jugendlichen, was unterscheidet sie? Wie betrachtet sie sich selbst und die anderen und was sind ihre Ängste, Gedanken und Anschauungen. Auf die Frage, ob er glaubt, dass in Billstedt mehr "Asis" sind, antwortet Ricarda mit Ja. "Es ist schwer zu merken, wie arrogant man selbst rüberkommt, wenn das ganze Umfeld arrogant ist", sagt Lando über Blankenese.





Ab dem 1. Juni müssen in allen bayerischen Behörden sichtbar Kreuze hängen. Welche Rolle sollte die Religion im Staat spielen? Für das Philosophie Magazin sprach Dominik Erhard mit dem Juristen und Rechtsphilosophen Horst Dreier.

Dreier hält den Beschluss für "rechts- und integrations- politisch verheerend und verfassungs- rechtlich für äußerst heikel." Das Kreuz sei schon jeher ein Symbol einer paritkulären Religion, ganz unabhängig davon, wenn diese in Deutschland von der Mehrheit der Bevölkerung ausgeübt wird oder sich die Mehrheit ihr zumindest zugehörig fühlt. "Das im Grundgesetz verankerte Gebot religiös- weltanschaulicher Neutralität des Staates schreibt nun aber gerade vor, dass der Staat sich nicht mit einer bestimmten Religion oder Weltanschauung identifizieren darf, weil er nur durch diese Distanz und Nichtidentifikation „Heimstatt aller Bürger“ sein kann, wie das Bundesverfassungsgericht das einmal formuliert hat."

„Staat ohne Gott“ heißt nicht: Welt ohne Gott, 
auch nicht: Gesellschaft ohne Gott,
und schon gar nicht: Mensch ohne Gott

"Der säkulare Staat ruht auf zwei Säulen: der Religionsfreiheit der Bürger und der religiös-weltanschaulichen Neutralität des Staates. Mit dem subjektiven Freiheitsrecht der Bürger korrespondiert die objektiv-rechtliche Verpflichtung des Staates. Deswegen sprechen manche von den „zwei Seiten einer Medaille“. [...] Die Durchsetzung der Religionsfreiheit war historisch ein langer Weg. Der säkulare Staat wahrt die Freiheits- rechte und kann gerade deswegen integrative Wirkung entfalten."

Zur Vertiefung: "Verantwortung vor Gott?" in der ZEIT. Horst Dreier plädiert für mehr Distanz des Staates zur Religion – aus einer oft allzu protestantischen Perspektive.


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  1. Gibt es sowas öfters oder hin und wieder? Es sind interessante Artikel dabei, die ich mir bei Zeit durchlesen will.
    Solltest du in Erwägung ziehen, eine Reihe/Kategorie zu etablieren, möchte ich nur kurz meinen Senf dazugeben: nicht zuviel, nicht zu häufig, ausgewählt wie hier. Sonst gibt es nur einen Overload und den haben wir doch alle schon mit all den Sachen, mit denen wir uns umgeben.
    Liebe Grüße!

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