Buchempfehlung: Nussschale von Ian McEwan

Nussschale ist eine klassische Familiengeschichte könnte man denken und täuscht sich.  Ein Paar, das ein gemeinsames Kind erwartet, hat sic...

Nussschale ist eine klassische Familiengeschichte könnte man denken und täuscht sich.  Ein Paar, das ein gemeinsames Kind erwartet, hat sich getrennt. Während der zurückgelassene Vater und Dichter die Mutter seines Kindes zurückgewinnen will, hat die hochschwangere Trudy ganz andere Pläne. Mit ihrem neuen Liebhaber plant sie einen intriganten Mord. Ein klassischer Krimi, könnte man denken und täuscht sich schon wieder. Die grandiose Besonderheit dieses Romanes ist die Perspektive auf das Geschehen: Erzähler ist das ungeborene Kind, das selbst noch im Mutterleib ist, boshaft sinniert und eingeschränkt erlebt, in das grausame Verbrechen kaum eingreifen kann und es dennoch versucht. Der ungeborene und neunmalkluge Fötus erzählt das Geschehen aus seiner Perspektive und seinem eigennützigen Interesse.

Das Ausnahmebuch "Nussschale" ist eine Erzählung des Ekels.
Menschlicher Abgründe unmenschlichen Verhaltens,
erschreckende Dummheit und zynische Voraussicht.



Wir betrachten das Geschehen aus dem Mutterleib eines noch ungeborenen Kindes, das seine Eltern  und einen Mordkomplott beobachtet. Wir treten mitsamt der Mutter, in dessen Gebärmutter wir noch leben, barfuß in Glasscherben eines zugemüllten Hauses, wo sich Fliegen auf dem Müll erbrechen. Ian McEwan schafft es, einen Kriminalroman zu schreiben, der anders, absurd komisch und wohlüberlegt ist.

"So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe. Sehnsüchtig schließe ich die Augen, denke ich daran zurück, wie ich einst im durchsichtigen Fruchtsack trieb, verträumt in der Blase meiner Gedanken schwebte, in Zeitlupe Purzelbäume durch meinen privaten Ozean schlug und dann und wann sanft an die transparenten Grenzen meiner Umfassung stieß, dieser mitteilsamen Membran, die vibrierte vom Widerhall der leicht gedämpften Stimmen der Verschwörer und ihrer schändlichen Pläne. Das war in meiner sorglosen Jugend. Nun – längst gedreht und ohne einen Zentimeter freien Raum, Knie eng an den Bauch gezogen, Kopf ins Becken gesenkt – laufen meine Gedanken auf Hochtouren. Das Ohr Tag und Nacht an die blutdurchströmten Wände gepresst, bleibt mir auch keine andere Wahl. Ich lausche, merke mir alles und mache mir Sorgen, denn ich höre Bettgeflüster, das von einer tödlichen Intrige kündet, und zittere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Wo werde ich da hineingezogen?"

Ein Roman, der auf verschiedenen Ebenen interessant ist. Der Reiz liegt einerseits im Witz, andererseits aber auch im Abgrund von Intrigen, Ekel und Sex, wenn man über Sätze stößt wie: "Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben." Andererseits entfaltet sich eine Dostojewske Spannung und der Roman wird zu einem Buch, dass sich aus dem Grund unaufhaltsam liest, weil der Leser unbedingt wissen will, was nun geschehen mag, mehr hinein vermuten will, als der Erzähler in seiner eingeschränkten Sichtweise sehen oder interpretieren kann. Die Neugierde überlistet das sprachlich hohe Niveau, das der Roman in vielen Teilen vorweist.

Das Baby selbst spricht sehr intellektuell und vergleicht seine begrenzte Weltsicht, die es durchaus des Öfteren äußert, mit der einer Nussschale, denn wer in einer Nussschale lebt, kann auch nur von dieser begrenzten Erfahrungsbreite erzählen. Ohne dass der Leser es merken muss, hat der viel gelobte britische Schriftsteller McEwan gleich mehrere Referenzen zu Shakespeare und schwarzen Humor in seinen Roman eingeflochten. Eigentlich eine klassische Konstellation: der Vater, die Mutter und der Liebhaber. Und der Kunstgriff des Kindes, vor dessen Augen sich das Drama entfaltet. "Halb Hamlet, halb Kriminalroman und ungeheuer unterhaltsam", schreibt die Süddeutsche Zeitung über "Nussschale". Wie Ian McEwan erzählt, habe ich diese Art Geschichte noch nie gehört. Verblüffend, verstörend und fesselnd entfaltet sich, wie die Kritiker sagen, "eine literarische Tour de force von einem der größten Erzähler englischer Sprache."

Eine Geschichte über List und Leidenschaft, Sex, Verrat und Mord, gegenseitige Manipulation mitsamt Sprachkunst und der seltsamsten narrativen Prämisse.

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