What I've been up to. - Minimalismus, Liebe, Dokus und (Post)Demokratie

Was teile ich online und was nicht? Wer und was bin ich online? Fragen, mit denen ich mich seit einigen Monaten, vielleicht dem gesamten...


Was teile ich online und was nicht? Wer und was bin ich online? Fragen, mit denen ich mich seit einigen Monaten, vielleicht dem gesamten letzten Jahr auseinander gesetzt habe. Ich führe seit tatsächlich zehn Jahren einen Blog. Und auch wenn er damals für mich noch eine gänzlich andere Funktion hatte (und die damaligen Artikel glücklicherweise auf "privat" gestellt sind und nur noch ich mich an ihnen beglücken und mich über sie amüsieren kann), ist es für mich schon eine bemerkenswerte Tatsache. Ich bin tatsächlich Digital Native. Habe im Grundschulalter meine eigene Homepage erstellt und dadurch, dass ich gerne schrieb und eine Affinität für Online Themen vorwies, war es ein ganz natürlicher Schritt, mir einen Blog zu erstellen. Als einen kleinen Ort im Internet, auf dem ich mich ausprobieren, kreativ ausleben und veröffentlichen konnte. Ich habe es geliebt. Und ich tue es noch immer. Aber ich merke, dass ich nicht so recht weiß, was das hier eigentlich ist. Das ist nicht mein Tagebuch. Das ist auch keine informative Seite, auf der Nachrichten und all meine Artikel stehen. Das ist ebenfalls nicht ein Ort, der nach einem ganz gezielten Konzept ausgearbeitet ist, seine Zielgruppe erfasst und ein Leitthema hat. Der Dreh- und Angelpunkt war ich selbst. Bücher, Filme, politische Themen, die mich interessieren. Gedichte, Texte, Erkenntnisse, die mich als Person bewegten. Ich habe der Welt durch verschiedene Texte Einblick gewährt in zutiefst persönliche Geschehnisse und Empfindungen in meinem Leben. Und das seit einigen Jahren auch sehr sehr regelmäßig.
Auf Instagram – der Königin des Social Media Dschungels – habe ich fast 3000 Menschen, die mich verfolgen. Das mag für viele nicht viel, nicht erwähnenswert sein, denn auf keinen Fall bin ich ein "großer Influencer" oder ähnliches. Für mich ist das aber groß und ich verstehe oft nicht, wie das passieren konnte. 1000 Menschen, die es sich ansehen und anhören, wenn ich die Kamera vor mein Gesicht halte und in einer Story erzähle, dass ich mir eine Fernsehzeitung gekauft habe (weil mir das zur Weihnachtszeit einen Nostalgie-Flashback und Glücksgefühle verschafft hat) oder worüber ich mich politisch aufrege. Hunderte Menschen lesen das, was ich hier veröffentliche.
Und ich kann nicht anders als das Gefühl haben, dass ich mir das nicht ohne Gegenleistung einkaufe. Ich liebe diesen Ort und kehre immer gern zu ihm zurück. Ich merke aber auch, dass ich Zweifel und Druck fühle, dem nicht zu genügen.

Immer öfter verschiebe ich es, etwas zu schreiben, was für diesen Ort gedacht ist. Entscheide mich dagegen, es hier zu veröffentlichen, weil ich es doch nicht für geeignet oder gut halte. Und das ist der Grund, warum es in der letzten Zeit ein wenig stiller geworden ist. Das und der Umstand, dass ich Prioritäten setzen musste: Ich KANN nicht weiterhin auf vierzehn Hochzeiten gleichzeitig tanzen, aber ich hoffe ihr genießt den Anblick, wenn ich nun doch ein paar Schritte, Sprünge und Drehungen wage und sie euch zeige.

"Glücklich die Glücklichen" von Yasmina Reza

"Glücklich die Glücklichen" war das erste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und eines, dem ich fünf von fünf Sternen geben würde. Nichts anderes hatte ich von Yasmina Reza als Autorin einer meiner Lieblingsfilme (Der Gott des Gemetzels) erwartet.

"Ein Ehepaar im Supermarkt, Robert und Odile. Ihr an sich lächerlicher Streit an der Käsetheke eskaliert, die Nerven liegen blank, weil es hier um viel mehr als um die Wahl des richtigen Käses geht. Odile, Mutter zweier Kinder, wird sich schon bald einen Liebhaber nehmen, der sie dann seinerseits betrügt. Yasmina Reza beschreibt Paare, Einzelgänger und Familien in unverschämt komischen Alltagsszenen. Inmitten von gesellschaftlichem Ansehen und beruflichen Erfolgen werden ihre Träume vom Alltag zerrieben. Doch aufgeben? Niemals! Mit scharfer Beobachtungsgabe und schmerzhaft treffenden Dialogen entzündet die Autorin ein Feuerwerk aus klugem Witz, Humor und tiefen Einsichten in unsere heutige Gesellschaft."

Ein Buch, das von allen Nichtgefühlen erzählt, von denen wir nie sprechen. Von passiver Aggression, von quälender Scham, von unerwarteter Enttäuschung. Der Sohn einer Familie entwickelt eine pathologische Obsession für Céline Dion. Die Krebspatientin, die viel zu laut über die anderen Patienten im Wartezimmer herzieht. Die unabhängige mondäne Affäre des Ministers, die von seiner Ehefrau eingeladen wird. Viele Kapitel die in kurzen Erzählungen auf Mikroebene weniger Momente und Situationen das schildern, was auf distanzierter Makroebene Menschsein bedeutet: Scheitern. Aufgeben. Ausrasten. Kippen. Im gänzlich falschen Moment lachen. Aneinander vorbei reden. Enttäuschung spüren und nie aussprechen.


Christiane Amanpour auf Netflix: Sex und Liebe in aller Welt

Von Einsamkeit und Casual Sex, von Intimität und allerhand Fetisch Szenen. Christiane Amanpour macht einen Halt in Tokio, in Delhi, in Beirut, Berlin (deklariert als verwegene "Sex Hauptstadt Europas"), Accra und Shanghai.
Die ausgezeichnete Journalistin berichtet von Nähe und Distanz in Japan, wo Ehepaare wohl sehr selten die Worte "Ich liebe dich" aussprechen und es stattdessen durch "Danke" substituieren und dadurch vielleicht sogar eine viel tiefere Aussage teilen? Die Journalistin spricht mit Ehefrauen, die von den 10 Jahren erzählen, iin denen sie ihren Ehepartner nicht mehr berührt haben, sich einsam fühlen. Sie reist durch BDSM Clubs in Indien, zwischen Bollywood Filmen, arrangierten Ehen und Kampagnen, die die Freiheit der Liebe erhalten wollen. Überall stößt sie auf patriarchale Strukturen, Scham und an neue Modelle  zum Ausleben von Sex und Beziehungen. Ein altes Ehepaar, das mit leuchtenden Augen davon spricht, wie es sich kennen gelernt hat.Junge Frauen mit mehreren Sexpartnern, die erzählen, wie sehr das weibliche Geschlecht in Indien durch Tinder profitiert. "It hurts to touch you, Beirut. You're a lesson I'll never learn. It hurts to love you, Veirut", spricht die Poetin aus dem Libanon. Wie lebt und liebt man an einem solchen Ort? In Berlin trifft sie Pornodarstellerinnen, die einen Wettbewerb daraus machen, so viele Tinder Hook-Ups in kürzester Zeit zu haben, Sexologen, die von Scham und Kommunikation erzählen und spricht über das deutsche Phänomen des konservativen Mutterideals.

Bildung, Bioethik und Postdemokratie

Im Verlauf der letzten zwei Wochen (und damit den letzten meines diesjährigen Wintersemesters in der Uni) war ich auf ziemlich vielen Vorträgen und Ringvorlesungen, zu denen ich mich freiwillig meldete. Ich weiß nicht, ob das dem Zufall geschuldet ist, dass gerade jetzt so viele Veranstaltungen angesetzt waren, die mich interessieren und ich entsprechend zu diesen Uhrzeiten Zeit hatte, oder aber weil ich mitsamt meines inneren motivierten Drangs noch so viel Wissen und Input mitnehmen wollte, wie es mir möglich war. 

Eingebettet in eine Ringvorlesung zur Schnittmenge an Problembereichen zwischen Recht, Ethik und Medizin (eines meiner liebsten Themenzweige!) habe ich mir Vorträge zum Thema Reproduktionsethik und neuere Formen der Fortpflanzung angehört. Unglaublich interessant und faszinierend. Insbesondere weil tatsächlich sehr interdisziplinär geladen wurde und aus sämtlichen dieser drei Bereiche und zudem aus soziologische Perspektive referiert wurde. Diese (ja eher sehr technisch und wissenschaftliche) Vorträge haben dann tatsächlich aber auch dazu geführt, dass ich mit meinen Freundinnen und Freunden das erste Mal ernsthafter und länger darüber sprach, ob wir jeweils Kinder wollen oder nicht wollen und aus welchen Gründen wir das für die richtige Wahl halten, was Alternativen für uns wären, die wir erwägen würden.
"Wer ist das Volk?" fragte ein Rechtsphilosoph aus Düsseldorf und sprach mit uns über Überlegungen zum Demosproblem. Daran war am interessantesten, dass er eine ganz eigene Konzeption zu der möglichen Beantwortung der Frage vorstellte, nämlich eine, die auf kollektiver Selbstbestimmung und Assoziationsfreiheit basiert. Klingt sehr trocken, ist sehr wohl auch sehr theoretisch.


Colin Crouch: Leben wir in einer Postdemokratie?

Das offensichtliche Highlight der Vorträge war allerdings sicherlich die prominente Anwesenheit von Colin Crouch zum Anlass der Ringvorlesung Demokratie meiner Universität. Der britische Philosoph und Soziologe ist wohl vor allem deswegen bekannt und brisant, weil er bereits 2004 das kritische und politisch heißdiskutierte Werk "Postdemocracy" herausbrachte, in dmr er dem politischen System unserer Zeit diagnostizierte, längst auf dem Weg in eine Postdemokratie zu sein. Diese definierte er als

„ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden. Es sind Wahlen, die sogar dazu führen können, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“

Crouch sprach über Populismus, Neoliberalismus, Probleme der Demokratie und postdemokratische Mechanismen, sowie die Vielschichtigkeit von Identität, von aktiver ziviler Energie und Institutionen und erwies sich als unglaublich wacher, witziger und Sympathischer zeitgenössischer Denker. 

Und weil mir all diese Vorträge und Diskussionen ohne Probleme zur Verfügung stehen, einer wissenschaftlicher Elite wie selbstverständlich in einer Fremdsprache zuhören, mit ihren diskutieren zu können und mit Leichtigkeit Zugang zu all dem zu haben, kam ich nicht an dem Moment vorbei, in dem mir noch einmal ganz unmittelbar klar wurde, wie viel Glück ich habe. Wie viel Chancen mir gegeben wurden, wie sehr ich wertschätze (und es auch sollte!), dass ich dieses Leben mit solch einer Selbstverständlichkeit lebe. Ein Leben, das mit all diesen Möglichkeiten anderen niemals zugänglich sein wird, obwohl sie eventuell viel intelligenter, strebsamer, origineller sind als ich es bin und die es keineswegs weniger verdient haben. Eine zutiefst positive wie auch negative Erkenntnis.

Marie Kondo & Kritik und Lob am Aussotieren und Minimalismus

Gesellschaftskritischer, ästhetischer und selbstreflexiver Minimalismus und Marie Kondos Konzept des "richtigen Aufräumens" und der spirituellen Erhellungen die daraus folgen sind ein alter Hut, könnte man denken. Zumindest dann, wenn man in der gleichen Online Blase lebt, wie ich es tue. Alle anderen hatten (und haben vielleicht noch immer) eher ein stirnrunzelndes Fragezeichen über ihren Köpfen schweben. Das ist wohl der Grund, waurm die neue Netflix Serie rund um Marie Kondo einen solchen Boom erlebt hat und alle anfangen, ihre Schubladen und Kleiderschränke zu leeren und zu sehen, ob sie einen "spark joy" Moment erleben und die Kunst des richtigen Faltens trainieren. Ich habe schon lange sehr vielschichtige Gedanken zu dem Phänomen. Weil ein paar andere Menschen sich jedoch bereits die Mühe gemacht haben, es zu kritisieren, zu verteidigen, zu erklären und auszuweiten, lasse ich euch gerne die folgenden vier Artikel hier, die Marie Kondo aus unterschiedlicher Perspektive beleuchten. 

  • Edition F: Aufräumen mit Marie Kondo: Haushaltstipps für Frauen mit faulen Männern
    Auf Netflix ist „Aufräumen mit Marie Kondo“ angelaufen und plötzlich verfallen alle in den Ausmist-Wahn. Vielleicht auch, weil die Serie mehr verspricht als eine aufgeräumte Wohnung. Denn am Ende springen dabei auch noch eine bessere Beziehung und eine glücklichere Familie raus. Aber die schöne Geschichte hat Risse. HIER NACHLESEN oder HIER
  • Mehralsgrünzeug: Nein, Minimalismus wird nicht alle deine Probleme lösen (er ist trotzdem eine gute Idee). Ein sehr kritischer, informierter Artikel von der hochgeschätzen Jenni. HIER NACHLESEN
  • Huffington Post: What White, Western Audiences Don’t Understand About Marie Kondo’s ‘Tidying Up’
    Backlash to the Netflix show ignores an essential aspect of the KonMari method: Its Shinto roots. HIER NACHLESEN
  • The New York Times: Socrates Wants You to Tidy Up Too
    What reading an ancient Greek dialogue can tell us about the Marie Kondo craze. [...] while the “KonMari” method, which has resonated with millions of readers and viewers who seek to take control of their lives by taking stock of their possessions, is having a contemporary cultural moment, it is not entirely new. Readers of ancient Greek philosophy may already have encountered aspects of it in the work of Xenophon. HIER NACHLESEN




Seit einigen Jahren habe ich einen Beamer. Eines der Gegenstände, die man sich von seinen Eltern zu Weihnachten wünscht, weil ich ihn mir von meinem eigenen Geld vermutlich nicht gekauft hätte. Und dann eben auch eines, von dem man einst dachte, man würde es andauernd benutzen und dessen aktive Tage man dann wohl noch nur an zwei Händen abzählen kann. Das wird und wurde geändert. Auf einem Stapel dicker Bücher wurde er hinter mein Bett drapiert und hat mir wunderbare Stunden verschafft, in denen ich eingekuschelt und mit Snacks versorgt Schwarzweißfilme ansehen, Rom vermissen und Audrey Hepburn und Gregory Peck anhimmelt durfte.

Einfach mal machen. Einfach überwinden und vor allem: Anlässe finden. Das ist es auch, was mich dazu bewegt hat, endlich mal Freundinnen in Bonn mit zwei heißen Pizzen zu besuchen und die Nächte mit Gesprächen zu verbringen oder den eisigsten aber wohl wunderschönsten Spaziergang am Unterbachersee in Düsseldorf zu unternehmen.

Romantik in Schwarz und Weiß & Arte auf Youtube

Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, ich schaue mir nur Arte an. So kultiviert bin ich tatsächlich nicht. Dennoch muss ich absolut hervorheben mit was für einer Regelmäßigkeit der deutsch-französische Sender auch online zuverlässig und qualitativ einwandfrei Dokumentationen und Beiträge auf ihren Youtube Kanal und auch die eigene Mediathek lädt. Da sind sie den meisten (allen?) Kanälen, die ich kenne, haushoch überlegen und bereiten mir mehrmals im Monat eine Freude damit. Ihre humorvolle und sehr hübsche Serie kurzer kulturanthropologischer Videos namens "Karambolage" liebe ich. Und eben auch ihre Dokus. Zu Kunst, Kultur, Menschenrechten, Sklaverei, Gerechtigkeit und Ethik, zu Soziologie, mir fremden Nationen und gesellschaftlichen Phänomenen.




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