Und sonst so? | Vom Respekt als Antwort

„Shame on you, WDR, ihr Scheiß-Rassisten“ steht in der Instagram-Story, aus der ich das erste Mal von der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ ...

„Shame on you, WDR, ihr Scheiß-Rassisten“ steht in der Instagram-Story, aus der ich das erste Mal von der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ erfahre, darunter ein Link zur Sendung vom 29.01.2021. Huch, denke ich, und klicke auf den Link. Ich schaue mir die gut 15-minütige Sequenz an, in der darüber debattiert wird, ob man Schnitzelgerichte mit rassistischen Begriffen bezeichnen darf und „was denn überhaupt noch geht“. Es ist weniger die durch die Sendung ausgelöste Debatte, die mich in den darauffolgenden Tagen beschäftigen wird, sondern viel mehr die Art und Weise wie sie geführt wird. 

„Shame on you, WDR, ihr Scheiß-Rassisten“ hallt es in meinem Kopf wider. Mit jeder weiteren Reaktion, die ich später lese, ändert sich der Ton nur unwesentlich. Während ich Janine Kunze und Jürgen Milski beim Sprechen zuhöre, beschleicht mich eine Vermutung. Ihre Gedanken sind die Gedanken von keinem kleinen Teil der deutschen Bevölkerung. Das, was sie aussprechen, denken viele. Ich beginne über mein eigenes Umfeld nachzudenken und stelle fest, dass meine Großeltern Schnitzel mit pikanter Paprikasauce ähnlich bezeichnen wie Jürgen Milski. Sie tun das nicht aus niederen Beweggründen oder weil sie jemanden absichtlich verletzen wollen, sondern weil sie es so gelernt haben und ihnen nie bewusst geworden ist, was sie da aussprechen und wen sie damit verletzen.

Es ist eine egoistische Sicht auf die eigene Sprache, die ausschließlich davon ausgeht, „wie man etwas meint“, die einen historischen Kontext ignoriert und die ausgelösten Gefühle beim Empfänger negiert.


Ich könnte ihnen nun mit „Shame on you, Großeltern, ihr Scheiß-Rassisten“ begegnen. Aber ich tue es nichtUnd ich frage mich, ob die Verfasserin der Story ihren Großeltern so begegnen würde. 


Ein großer Teil der gesellschaftlichen Debatte hat sich in den digitalen Raum verlagert. Sie findet nicht mehr als wirklicher Dialog, sondern in den meisten Fällen als Akkumulation von Positions-Einbahnstraßen statt Die Pandemie hat es nicht besser gemacht, im Gegenteil. Es geht ja auch so schnell, man postet ein Statement in seine Instagram-Story und erreicht so viele Menschen gleichzeitig, es passt zwischen zwei Schlücke Haferkaffee am Morgen, Schluck, Klick, Schluck. Es ist schnell und einfach und bei weitem nicht so mühselig wie ein Dialog mit den schwerhörigen Großeltern. Der Ton dieser Positionierungen ist respektlos geworden, er scheint dem Ausstellen der eigenen politischen Aufgeklärtheit und der Abgrenzung gegenüber jedem weniger Aufgeklärten zu dienen. Rassismus ist grausam und muss immer als solcher bezeichnet werden, aber er wird nicht besser dadurch, dass ich Menschen anschreie. Und weniger auch nicht.

Aber es soll doch weniger werden, nur wie? Wenn ich Menschen dazu bewegen will, ihre ausgrenzenden Denk- und Sprachmuster zu hinterfragen, den Blick zu öffnen, für all das, was jenseits ihres persönlichen Erfahrungsbereiches liegt, wie soll das gehen, wenn ich sie anschreie, wie soll das gehen, wenn nicht mit Offenheit, Perspektivwechsel, Ruhe?  

Niemand kann diese Ruhe ernsthaft von Opfern von Rassismus erwarten. Niemand kann ernsthaft von jemandem, der beleidigt und verletzt wird, Verständnis und Empfängerorientierung erwarten. Aber jeder kann sie von Menschen wie mir erwarten, von Menschen, die Teil der Mehrheitsgesellschaft sind, jener privilegierten, weißen Gruppe, die sich nie hat beleidigen lassen müssen, die nicht weiß, wie es ist, wenn die eigene Herkunft zum Karnevalskostüm oder Schnitzeltopping wird.


Es ist eben jene Unbelastetheit, die uns dazu verpflichtet, weniger Zeit auf das Kuratieren unserer politischen Statements auf Instagram, weniger Zeit in einer letztendlich nur auf unsere Außendarstellung bedachten Einbahnstraße und mehr Zeit in wirklichen Gesprächen zu verbringen.


In wirklichen Gesprächen an Supermarktkassen, U-Bahnhöfen, Bäckereitheken und auf den Sofas eben jener schwerhörigen Großeltern. Das ist anstrengend und unbequem und manchmal schwer zu ertragen, aber wann ist gesellschaftlicher Wandel schon bequem? All jene, die unter den Grundmustern unserer Gesellschaft tagtäglich leiden, interessiert es nicht, ob wir eine Diskussion bequem finden. Und ein Hashtag in unserer Instagramstory interessiert sie auch nicht.

Es sind die Ergebnisse des Bundesliga-Wochenendes, mit denen Steffen Hallaschka die Sendung eröffnet. Sie scheinen den größeren Konsens zu erzeugen als die Frage, ob man Schnitzelgerichte mit rassistischen Begriffen bezeichnen darf.

Ob man sich für die Fußball-Bundesliga interessiert, ist Geschmackssache. Ebenso wie die Frage, ob man gerne Schnitzel mit pikanter Paprikasauce isst. Keine Frage des Geschmacks ist es, ob rassistisches Vokabular unsere Alltagssprache prägen sollte. Ohne jede Frage aber tut sie das, weit über die Grenzen der Schnitzelnomenklatur hinaus. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir es als das benennen, was es ist und zwar mit dem Respekt, den jeder Teil dieser Gesellschaft gleichermaßen verdient hat. Die Respektlosigkeit, die Rassismus immer innewohnt, rechtfertigt keine respektlosen Antworten. Eine Überzeugung wird erst dann zu einem wirklichen Wert, wenn sie in den schwierigsten Situationen Bestand hat. Respekt, der beim Erleben von Respektlosigkeit selbst in Respektlosigkeit umschlägt, ist kein Respekt. Es ist ein hohles Abbild, das spaltet statt zu vereinen, das Schweigen verursacht statt Verständigung. Und eben das müssen wir doch: Uns verständigen statt uns gegenseitig an den Pranger zu stellen.




__________________________________________________________________________________



Carolin Jacobi ist 28 Jahre alt und lebt in Köln und ist seit 2021 Teil des Teams von Sans Mots. Neben Fuerteventura und Ferdinand von Schirach liebt Jacobi Sprache, Popkultur und feine Dinge und schreibt seit ihrer frühen Kindheit. Sie interessiert sich für Fragen des gesellschaftspolitischen Tagesgeschehens, Formen der menschlichen Begegnung und möglichst simple Memes. Auf Sans Mots schreibt sie die Kolumne „Und sonst so?“ über die großen Fragen in den kleinen Dingen unseres Zusammenlebens.



You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.

© 2021, sansmotsblog@web.de

DISCLAIMER